Nicht jeder ist ein Härtefall Warum nicht jedes Thüringer Unternehmen Corona-Hilfen bekommt

Zehntausende Unternehmer und Selbstständige haben seit Beginn der Corona-Pandemie Anträge auf Hilfen gestellt. Viele haben sie auch bekommen - bei manchen klappte das aus verschiedenen Gründen nicht. Um dennoch Unterstützung zu geben, hat das Land Thüringen 20 Millionen Euro mit weiteren 20 Millionen aus Bundesmitteln kombiniert und einen Härtefall-Fonds aufgelegt. Wie viele Unternehmen profitieren und woran es manchmal scheitert? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Ein Mann trägt einen Teller mit einem Burger darauf.
Street-Food-Unternehmer Florian Teichmann aus Artern hat von der Corona-Hilfe profitiert. Aber nicht alle Unternehmen in Thüringen haben Hilfen bekommen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Wie viele Härtefall-Anträge wurden bisher gestellt?

Insgesamt wurden bisher 16 Anträge gestellt - mit einem Volumen von 900.000 Euro. Bei den Corona-Soforthilfen zu Beginn der Pandemie kamen 70.000 Anträge mit einem Volumen von mehreren hundert Millionen Euro zusammen. Die Hilfsprogramme für Herbst, Winter und Frühling umfassten auch oft zweistellige Millionenbeträge und mehrere Tausend Antragssteller.

Verglichen damit gibt es offenbar nur wenige Härtefälle. Die Thüringer Aufbaubank, die für die Bearbeitung verantwortlich ist, weiß allerdings, dass weitere 27 Anträge vorbereitet werden. Sie müssen aber erst noch vom jeweiligen Steuerberater überprüft werden, ehe sie offiziell gestellt werden können.

Warum sind das so wenige Anträge?

Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Die Aufbaubank nimmt an, dass die anderen Hilfsprogramme gut funktioniert haben - wie in anderen Bundesländern auch gab es allerdings auch in Thüringen Sonderfälle, bei denen die bisherigen Regeln nicht gegriffen haben.

"Wir haben viele Stimmen bei der Antragsbearbeitung für Corona gehört, viele Fälle, viele Schicksale. Aber die waren nicht messbar", sagt Maret Montavon, Sprecherin der Aufbaubank. Man habe dann versucht, genau für solche Fälle eine Richtlinie zu entwickeln. "Ohne zu wissen, welches Antragsvolumen auf uns zukommen wird."

Konnte in allen 16 Fällen geholfen werden?

Nein. Tatsächlich bewilligt wurde die Härtefall-Hilfe nur in zwei Fällen. Drei Anträge wurden zurückgezogen. Sechs sind noch in Bearbeitung, fünf wurden abgelehnt. "Zum Beispiel war der Rückgang der Umsätze in den betroffenen Unternehmen nicht so stark, wie er für einen Härtefall sein müsste", sagt Sprecherin Montavon.

Das entscheidet die Aufbaubank allerdings nicht allein, sondern in einem Ausschuss zusammen mit Wirtschaftsministerium, Finanzministerium, Staatskanzlei und den Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern. "Das maßen wir uns nicht alleine an."

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MDR THÜRINGEN JOURNAL Fr 08.10.2021 19:00Uhr 02:28 min

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Wer hat Hilfe bekommen?

Zum Beispiel Florian Teichmann aus Artern. Eigentlich war er seit 2016 schon als Street-Food-Unternehmer mit seinem Bruder aktiv. Doch es gab Streit. Also gründete er sein eigenes Unternehmen, inzwischen mit einer Angestellten. Der Zeitpunkt dafür war unglücklich: Sommer 2020. Weil das Unternehmen keine Vorjahresumsätze vorweisen konnte - es bestand ja noch gar nicht - kamen die bestehenden Hilfsprogramme nicht in Frage. Doch die US-Armee-Feldküche für Burger, Pommes, Pulled Pork und Co. kostete Geld - ebenso die Instandsetzung.

Und die Großveranstaltungen, auf denen Teichmann normalerweise unterwegs ist, waren weitgehend abgesagt. Rückwirkend konnte mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag der Verlust immerhin zu einem kleinen Teil ersetzt werden - für den Rest kam Teichmann mit geborgtem Geld und Rücklagen auf. Seit diesem Sommer läuft es gut: "Letztes Festival hatte ich für dieses Jahr einen Rekord aufgestellt: An Kartoffeln waren es knapp 200 Kilogramm für Pommes", so Teichmann. Dazu kamen dann etliche hundert Burger.

Wer war kein Härtefall?

Die Konsumhotels Dorotheenhof in Weimar und das Berghotel in Oberhof hätten sich ebenfalls Hilfe gewünscht, doch die Besitz-Strukturen stehen dem entgegen. Die Häuser sind überwiegend für Wellness-Besucher und Touristen gedacht. Touristische Besuche aber waren lange untersagt, die Hotels monatelang also zu 100 Prozent geschlossen. "Da hatten wir dann schon erwartet, dass der Bund wenigstens für einen Teil der Verluste aufkommen würde", sagt Geschäftsführer Sebastian Löser. Doch die Hotels gehören der Zentralkonsum eG in Berlin, einer großen Genossenschaft. Zu der gehören auch Einzelhandels-Geschäfte und zwei Industrie-Betriebe.

Insgesamt betrachtet waren deren Verluste für Corona-Hilfen nicht hoch genug. "Hätten wir andere Eigentumsverhältnisse, hätte uns ein Millionenbetrag zugestanden", sagt er enttäuscht. Mehr als zwei Millionen Euro Verlust sind über mehrere Monate aufgelaufen. Mieten, Leasing-Raten, Heizkosten, Instandhaltung - all das läuft weiter und muss dann von anderen Genossenschafts-Mitglieder aufgefangen werden.

Eigentlich wollen wir nur gerecht behandelt werden.

Sebastian Löser, Geschäftsführer der Konsum-Hotels in Weimar und Oberhof

Immerhin, einmalig haben die beiden Hotels 75.000 Euro vom Freistaat bekommen - aus Lösers Sicht ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zumindest ist die Auslastung inzwischen wieder sehr gut. "Aber aufholen kann ich in einem Hotel nichts, die Zahl der Zimmer ist nun mal begrenzt." Ein Kredit habe die Finanzierung gesichert. Der muss nun über Jahre abbezahlt werden. Investitionen in die Entwicklung der Häuser macht das nicht gerade leichter.

Ein Mann an einem Schreibtisch.
Sebastian Löser ist Geschäftsführer der Konsum-Hotels in Weimar und Oberhof. Mit den Corona-Hilfen des Bundes ist er überhaupt nicht zufrieden und findet, sein Unternehmen wird ungerecht behandelt. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Rechnet die Aufbaubank mit mehr Hilfsbedarf?

Ja. Im Verlauf der vergangenen eineinhalb Jahr wurden mehr als 100.000 Hilfsanträge bearbeitet, wie Sprecherin Montavon sagt. Einige der Programme laufen weiterhin. Und wie sich der Herbst entwickelt, kann niemand wissen. Möglich ist, dass mit der Zunahme von Beschränkungen hier und da wieder Unternehmen ins Wanken kommen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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