Pandemie Thüringen mit höchstem Anteil von Corona-Intensivpatienten - Operationen verschoben

In keinem anderen Bundesland ist der Anteil an Intensiv-Patienten mit Corona höher als in Thüringen. Derzeit wird jedes fünfte Intensivbett für Covid-19-Patienten benötigt.

Krankenpfleger arbeiten in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf einer Intensivstation
Deutschlandweit fehlen Intensivbetten. Ein Grund ist, dass viele Intensivpflegekräfte wegen der hohen Belastung aussteigen. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa

Thüringen ist in Deutschland das Bundesland mit dem höchsten Anteil an Intensivpatienten mit Covid-19. Das geht aus den Daten der Medizinervereinigung Divi hervor. Demnach waren am Montag in Thüringen rund 21 Prozent der Betten belegt. Damit wird derzeit jedes fünfte betreibbare Intensivbett für Corona-Patienten genutzt.

Ähnlich hoch sind die Werte in Sachsen und Bayern mit jeweils 19,8 Prozent. Zum Vergleich: In Schlwesig-Holstein am anderen Ende der Liste waren am Montag nur gut drei Prozent der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt.

Mediziner: Personal für weitere Betten fehlt

Insgesamt waren am Montag noch 73 von 627 Intensivbetten in Thüringen frei. Angesichts der stark steigenden Zahl von Covid-Intensivpatienten forderte der Jenaer Intensiv-Mediziner Michael Bauer eine Rückkehr zu strengeren Corona-Auflagen. Er rief zudem Ungeimpfte zur Impfung auf.

Laut Bauer sind die Thüringer Krankenhäuser schon jetzt wegen der Behandlung von Corona-Patienten häufig überlastet: Operationen für andere Patienten müssen verschoben werden. Thüringen sei weit von einer normalen medizinischen Versorgung entfernt. Nach Angaben von Bauer ist es zwar theoretisch möglich, mehr Intensivbetten aufzustellen - aber nur mit Abstrichen bei der Betreung der Patienten, weil das entsprechend qualifizierte Personal für weitere Betten fehlt.

Experte schätzt lage als alarmierend ein

Die Kliniken in Thüringen haben am Wochenende vermehrt Corona-Kranke aufgenommen. Mehr als 130 Corona-Patienten wurden mit Stand Montag intensivmedizinisch betreut. In einigen Regionen, beispielsweise in Erfurt und Greiz, werden die Intensivbetten langsam knapp. Auf die Notfall-Reserve an Intensivbetten muss voraussichtlich schon bald zurückgegriffen werden. Doch schon jetzt mangelt es vielerorts an speziellem Pflege-Personal. Insgesamt schätzt Michael Bauer, der landesweite Koordinator für die Verteilung solcher Patienten, die Lage als alarmierend ein.

Zuletzt hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) gewarnt, dass es wegen der volllaufenden Intensivstationen demnächst nicht mehr für jeden ungeimpften Corona-Patienten eine Garantie für die Behandlung in Thüringen geben könne. Die Menschen würden behandelt, müssten aber notfalls in andere Bundesländer verlegt werden.

Nordhausens Landrat Jendricke spricht von "Staatsversagen"

Der Nordhäuser Landrat Matthias Jendricke warf der Landesregierung und dem Sozialministerium unterdessen auf Facebook "Staatsversagen" vor. Der SPD-Politiker schrieb, die Menschen in Nordhausen hätten die geringen Kreis-Inzidenzen selbst verteidigt. Es herrsche Staatsversagen, weil es beispielsweise keinen Vollzugsdienst in anderen Regionen gebe oder die Luca-App uneinheitlich in Thüringen eingeführt worden sei.

In einem weiteren Facebook-Post schrieb Jendricke, dass Thüringen die schlechteste Impfquote habe, aber das Sozialministerium und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) für 195.000 Euro diese "beschissene Lage" feierten.

Kritik an "Impfparty" in Erfurt

Hintergrund für seine Äußerung ist eine Abschiedsparty für das Erfurter Impfzentrum mit mehr als 700 geplanten Gästen Ende Oktober. Das Fest war als Dankeschön für die Beteiligten der Thüringer Impfzentren gedacht. Unter anderem trat der Musiker Jan Delay auf. Neben Mitarbeitern des Impfzentrums, Ärzten und Soldaten waren Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) und zahlreiche weitere Politiker dabei. Bei der Feier sollen nur gegen Covid-19 Geimpfte und Genesene Zutritt gehabt haben. Von SPD, FDP und Grünen hatten nach Informationen von MDR THÜRINGEN keine Landtagsabgeordneten teilgenommen. Zum Wochenbeginn meldeten sich weitere Kritiker der Party zu Wort.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/the,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. November 2021 | 19:00 Uhr

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