Corona - und dann? Pfarrerin aus Weimar: Durch Corona weniger Familien in der Kirche

"Wir verlieren zunehmend die Familien", sorgt sich die evangelische Pfarrerin Teresa Tenbergen aus Weimar. Viele Menschen hätten sich in der Corona-Zeit von der Kirche abgewandt oder hinterfragten sie. Im Interview spricht die Pfarrerin aber auch von der Sehnsucht vieler Menschen nach Halt und einem Ort des Aufgefangenseins - besonders jetzt, da der Krieg in der Ukraine die Pandemie in der Wahrnehmung verdränge.

Teresa Tenbergen 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Zeit der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen von der Kirche abgewandt. Zu dieser Einschätzung kommt die evangelische Pfarrerin Teresa Tenbergen aus Weimar. Vor allem zu Familien mit Kindern gehe der Kontakt zunehmend verloren. Auch sie habe sich die Frage stellen müssen, was eigentlich die Rolle von Kirche in dieser Zeit der Pandemie sei.

Erst seit ungefähr einem Jahr arbeitet die evangelische Pfarrerin in Weimar. Teresa Tenbergen kennt ihre Gemeinde dort nur unter Corona-Bedingungen. Die Kirche sollte Menschen eigentlich zusammenhalten. Aber Kirche müsse sich eben auch klar positionieren - eine schwierige Aufgabe, sagte sie MDR THÜRINGEN.

Gläubige fühlten sich während Corona-Pandemie ausgeschlossen

"Wieso seid ihr so staats- und medienabhängig?", "Wieso macht ihr das alles ohne kritische Nachfrage mit?", "Wieso werden Menschen von den Gottesdiensten ferngehalten?". Fragen, sagt Teresa Tenbergen, "die wir erstmal ernst zu nehmen haben und denen wir uns zu stellen haben, weil das natürlich an dem Kern unseres Selbstverständnisses rührt".

Sie habe Menschen erlebt, die sich von der Gemeinde ausgeschlossen fühlten - wegen der Hygieneregeln und Zugangsbeschränkungen. Sie habe auch gemerkt, dass die Menschen durch die Pandemie ermüdeten, dass sie schneller Unmut oder Kritik äußerten. Und sie habe erlebt, dass Menschen "bewusst und mit Kommentierung" aus der Kirche austraten. "Auch das haben wir immer wieder erlebt, leider".

Gottesdienst Wallfahrt Hülfensberg
Gottesdienste waren in der Corona-Pandemie nur unter Auflagen möglich. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Kinder kommen seltener zum Gottesdienst

Große Sorgen bereite ihr, dass ihre Kirche zunehmend auch Familien verliere. Kinder kämen sehr viel weniger in den Gottesdienst als vorher. Beim Andauern der Pandemie bedeute das, dass ihnen die Einübungsprozesse in die Rituale der Kirche fehlten. Auch die Anzahl von Taufen und kirchlichen Trauungen sei in den vergangenen zwei Jahren zurückgegangen. Das stelle vor Herausforderungen, sagt Teresa Tenbergen, die sie jedoch auch als Chancen begreife.

Was mir tatsächlich Sorge macht, ist, dass wir die Familien zunehmend verlieren. Familien mit Kindern kommen sehr viel weniger in den Gottesdienst als vorher.

Teresa Tenbergen Pfarrerin aus Weimar

Es gebe mehr Gottesdienste im Radio, Anrufbeantworter-Andachten. "Auch der Aspekt, einfach vor die Tür zu gehen, ist für mich ein ganz wesentlicher, die Räume zu verlassen und zu sehen, wie können wir eigentlich noch mehr draußen sein? Nicht nur wörtlich, sondern eben auch im übertragenden Sinne, jenseits der Mauern zu agieren."

ein Mann hält ein Kreuz und betet
Kirche muss nicht im Gotteshaus stattfinden - es gibt auch Angebote über das Radio und über Internet-Livestreams. Bildrechte: PantherMedia / Andriy Popov

Viele Abschiede durch Corona

Im Gespräch spricht die Pfarrerin auch von ihrem Umgang mit dem Tod in dieser Zeit. Sie habe einige Menschen beerdigt, die wegen einer Corona-Infektion gestorben seien. Trauerarbeit und Abschiednehmen seien in der Pandemie anders gewesen als sonst. "Wenn dann plötzlich aus einer Zahl ein konkreter Fall wird, dann verändert das die ganze Sichtweise auf Dinge auch manchmal in überraschender Weise."

Schwer nachvollziehbar sei für sie gewesen, wenn Familienangehörige von Menschen, die an Covid-19 gestorben seien, trotzdem weiter kritisch gegenüber den Corona-Regeln blieben.

Die Hand einer Pflegerin haelt die Hand eines alten Mannes.
Viele Abschiede - manchmal konnten die Menschen nicht bei ihren Angehörigen sein. Bildrechte: imago/Rupert Oberhäuser

"Also meine Erfahrung ist so, dass das Thema die Durchlässigkeit erhöht hat: Also sowohl bei ganz konkreten Sterbefällen als auch generell in Gesprächen nehme ich wahr, dass Menschen dünnhäutiger geworden sind und dass der Punkt, an dem etwas implodiert oder explodiert, schneller erreicht ist." Die Pfarrerin beschreibt dies als Trauerprozesse - die es eben nicht nur gebe, wenn jemand gestorben sei, sondern auch, wenn Menschen von Dingen Abschied nehmen würden, die ihnen Sicherheit bedeuteten.

Ukraine-Krieg - Menschen werden demütiger

Allerdings, sagt Teresa Tenbergen, habe sich durch die Invasion Russlands in der Ukraine die Lage verändert. Die Pandemie bestehe weiter, doch trotzdem erschienen ihr die Menschen "ein bisschen demütiger". Die Lage habe auch ihre Gemeinde "enorm mobilisiert". "Unglaublich viele Menschen" wollten Geld spenden oder fingen an, Hilfstransporte zu organisieren. Vielleicht sei diese Solidarität auch verbunden mit dem Wunsch, "irgendwie aus der eigenen Ohnmacht herauszukommen".

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 05. März 2022 | 18:00 Uhr

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