Der Redakteur | 17.11.2021 Volle Intensivstationen wegen Corona: Mediziner berichtet von "gefährlicher" Lage

In der Diskussion um Corona-Verordnungen, Regeln, Masken, Impfungen, Nebenwirkungen und Impfdurchbrüche wird eines oft ausgeblendet: Um ihr Leben kämpfen auf den Intensivstationen vor allem die, die noch gar keine Impfung haben. Ein Jenaer Intensivmediziner berichtet vom Alltag in der Klinik.

In der Diskussion um Verordnungen, Regeln, Masken, Impfungen, Nebenwirkungen und Impfdurchbrüche wird eines oft ausgeblendet: Um ihr Leben kämpfen auf den Intensivstationen vor allem die, die noch gar keine Impfung haben. Ganz selten liegen dort Menschen mit Impfdurchbrüchen und nahezu nie Menschen mit Impfkomplikationen, obwohl die Geimpften längst in der Mehrheit sind.

Das ist der Alltag, aus dem Prof. Michael Bauer, Intensivmediziner an dem Uniklinikum Jena, bei "Johannes und der Morgenhahn" im Radio von MDR THÜRINGEN berichtet hat. Der Wunsch der Redaktion war es ursprünglich, Prof. Bauer für eine ganze Stunde der Live-Sendung zu gewinnen, um die Fragen auch direkt im Dialog mit den Hörern beantworten zu können. Doch die knapp bemessene Zeit des Intensivmediziners erlaubte nur eine Viertelstunde. Die Antworten waren medizinischer, aber auch grundsätzlicher Natur.

Wir sollten im Land der Aufklärung die Errungenschaft, die Welt mit naturwissenschaftlichen Methoden zu betrachten, bitte nicht über Bord werfen.

Prof. Michael Bauer, Intensivmediziner Uniklinikum Jena

Aber genau das passiert gerade. Befeuert durch längst widerlegte aber immer wiederholte Mythen, Falschmeldungen, Halbwahrheiten und überholte wissenschaftliche Erkenntnisse, ist der zweifelnde ängstliche Laie der öffentlich geführten Diskussion der Wissenschaftler hilflos ausgeliefert. Einfache "Wahrheiten" sind willkommen, Web-Portale zum Frustablassen ebenso. Im Ergebnis haben wir eine nicht zufriedenstellende Impfquote und eine aktuelle Situation auf der Intensivstation, die Prof. Bauer so umschreibt: "Angespannt und gefährlich."

Wie viele Patienten auf Ihrer Intensivstation sind im Moment ungeimpft und wie viele geimpft?

Das Verhältnis ist etwa drei Viertel zu einem Viertel bei Patienten, die wegen oder mit Covid behandelt werden. Wobei: Schwere Verläufe bei Geimpften ohne Begleiterkrankungen haben wir hier noch gar nicht gesehen. Also sprich Lungenversagen.

Wie viele Patienten auf der Intensivstation überleben am Ende nicht?

Etwa 40 Prozent der Patienten, die wegen einer Covid-Pneumonie auf der Intensivstation aufgenommen werden, versterben.

Warum werfen Pflegekräfte das Handtuch? Liegt es nur am Geld?

Viele Pflegekräfte sind ganz gegangen, andere haben sich andere Bereiche gesucht. Sie haben gesagt, die Intensivstation ist nicht mehr meine Zukunft. Das sind hochqualifizierte Leute, die woanders mit Kusshand genommen werden. (…) Geld ist mit Sicherheit nicht der wesentliche Beweggrund. Natürlich sollte die Bezahlung fair sein, aber hinzu kommen Wertschätzung und auch Strukturen in der Klinik, die es einem erlauben, entsprechend seiner eigenen Standards auch die Arbeit am Patienten ausführen zu können. Hier sind die sogenannten Untergrenzen für die Besetzung im pflegerischen Dienst für die Motivation des pflegerischen Personals besonders wichtig. Wenn man das Gefühl hat, man kann sich um die Menschen, die einem anvertraut sind, wirklich kümmern, das ist für viele Pflegende ein ganz wesentlicher Motivationsgrund. (…)

Warum werden die Medikamente von Pfizer und Merck nicht eingesetzt, die vor schweren Verläufen schützen sollen?

Diese Medikamente befinden sich in einem rollenden Zulassungsverfahren. Einige sagen, hier wird experimentiert mit dem Patienten, Sie kennen die Diskussion von den Impfungen. Man kann es nicht allen recht machen. Ich kann nur sagen, über all die Jahre, die ich in der Medizin arbeite, ist der Prozess der Markteinführung dieser Medikamente sehr schnell und auch immer wieder so, dass auch das eine oder andere wieder aus der Versorgung herausgenommen werden muss.

Man muss hier einen Kompromiss finden zwischen dem Druck der Pandemie und dem gewissenhaften Prüfen von Medikamenten, diesen Spagat müssen wir hier einfach auch leisten. Ich bin sicher, dass alle Beteiligten so schnell wie möglich an der Einführung dieser Medikamente arbeiten. Und dann muss man erst beim Einsatz in großer Anzahl sehen, ob die Medikamente tatsächlich auch das halten, was sie versprechen. Bis dahin gilt sowieso: Die Impfung ist mit Abstand die rationalste Maßnahme, um sich vor einer Infektion und einem schweren Verlauf zu schützen. Eine Prophylaxe ist in der Medizin immer besser als eine Therapie.

Was sagen Sie den Leuten, die angesichts der Zahlen sagen, eine Impfung bringt ja gar nichts?

Das ist mathematisch nicht zu halten. Wenn man sich den Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen anschaut und das auch noch auf die Gesamtgruppe der geimpften versus nichtgeimpften Patienten korreliert, dann sieht man, dass der schwere Verlauf fast vollständig durch die Impfung verhindert wird. Das ist die wirksamste Maßnahme, um sich gegen schwere Verläufe mit Lungenversagen zu schützen. (…) Diese Verläufe sehen wir nicht bei Geimpften, die ansonsten keine schweren Begleiterkrankungen haben, die den Impferfolg infrage stellen.

Welche Maske tragen Sie eigentlich auf der Intensivstation?

Auf der Intensivstation in den entsprechenden Corona-Bereich, dort wo die positiven getesteten Patienten liegen, tragen wir konsequent und durchgängig die FFP2-Masken. Ansonsten ist bei uns im Haus verpflichtend das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder einer FFP2-Maske. Wobei der Mund-Nasen-Schutz, also die klassische OP-Maske, dient dem Schutz der anderen. Das heißt, Sie verteilen Ihr Aerosol nicht und infizieren Ihr Gegenüber. Wobei die FFP2-Maske auch dazu dient, sich selbst zu schützen. Das kann ein Mund-Nasen-Schutz nur bedingt leisten.

Stellen wir uns einmal vor, es ist noch ein ITS-Bett frei und es kommen ein Geimpfter und ein Ungeimpfter. Wer bekommt das Bett?

Diese Frage haben wir in den vergangenen Wochen noch nicht beantworten müssen. Ich befürchte aber, dass nach 30 Jahren Intensivmedizin in den nächsten Wochen eine solche Situation tatsächlich auf mich zukommen könnte. (…) Wir werden unabhängig von weltanschaulichen Betrachtungen versuchen, denen, die am meisten profitieren, dann entsprechende intensivmedizinische Versorgung zukommen zu lassen.

Wann werden Sie keine Kapazitäten mehr haben?

Wir haben heute in Thüringen 188 Patienten auf Intensivstationen, das ist etwa ein Drittel unserer Kapazitäten und wir verdoppeln uns nach wie vor in sieben bis zehn Tagen. Wenn das so weitergeht, haben wir nächste Woche Verhältnisse wie um Weihnachten vergangenen Jahres. Und das ist eine Situation, die sehr anstrengend war. Momentan versuchen wir, Patienten wieder in andere Bundesländer zu verlegen. Die Priorisierung - wie im Salzburger Land - steht bei uns im Moment nicht zur Debatte, könnte aber in zwei bis drei Wochen harte Realität werden.

Gibt es eigentlich auch Menschen, die wegen einer Impfkomplikation auf Ihrer Station oder in Ihrer Klinik sind?

Ich habe persönlich noch keinen Patienten wegen einer Impfkomplikation auf der Intensivstation behandelt. Das sind auch - wenn - absolute Raritäten.

Welcher Fall ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Was uns im Team am meisten beeindruckt hat: Wir hatten eine ganze Reihe schwerer Verläufe bei Schwangeren oder Frischentbundenen, von denen wir glücklicherweise keine verloren haben. (…) Das sind die Patienten, die mit einem nach Hause gehen im übertragenen Sinne und die man nie mehr vergisst.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. November 2021 | 15:10 Uhr

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