Pflege in der Corona-Pandemie "Pflegekräfte müssen mit ihren Schichten vernünftig leben können"

Felix ist Altenpfleger in einem Thüringer Pflegeheim. Zu dem Beruf ist der 27-Jährige über Umwege gekommen. Nach dem Abbruch seines Studiums der Politikwissenschaft und der Philosophie stand für ihn lediglich fest, dass er einem sozialen Beruf arbeiten will. Er entschied sich für ein Praktikum in der Altenpflege. Die Arbeit mit Senioren gefällt ihm - trotz aller Schwierigkeiten.

Altenpfleger Felix
Felix ist Altenpfleger aus Leidenschaft - trotz oft schwieriger Arbeitsbedingungen. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Felix arbeitet in Regel mit Patienten, die älter als 70 Jahre sind. "Da sind alle Einschränkungen des Bewegungsapparates dabei, die man sich so vorstellen kann. Das geht bis zur Komplettübernahme nahezu aller Tätigkeiten. Ich gestalte den Menschen den kompletten Tagesablauf, samt Pflege, Mobilisierung und Nahrungsaufnahme." Einige davon seien in ihrem Alltag vollständig auf ihn angewiesen, erzählt er. Im Moment habe er zum größten Teil mit Schwerstpflegefällen zu tun. Oftmals seien auch Patienten dabei, die nicht mehr kommunizieren könnten - nicht mal per Handzeichen oder Zwinkern.

Als Pflegekraft braucht man Empathie und ein dickes Fell.

Felix Altenpfleger

Psychisch könne er das gut verkraften, sagt Felix. "Die tägliche Konfrontation stumpft auch ein bisschen ab - aber nicht im negativen Sinne. Ich kann einfach viel wegstecken, ohne dem Patienten gegenüber kalt zu sein." Körperlich hingegen sei die Belastung wesentlich größer. "Man braucht ein dickes Fell. Das merkt man, wenn man alleine für viele Patienten mit einem hohen Pflegegrad verantwortlich ist - und das auch noch unter Zeitdruck." Nach fünf bis sechs Schichten am Stück sei der Körper erstmal am Ende. "Die typischen Rückenprobleme sind, glaube ich, allen Pflegern bekannt."

Personalmangel als Strukturproblem

Dass sich die Leute zweimal überlegen, ob sie in die Pflege gehen, liege aber nicht nur an der konkreten Pflegetätigkeit. "Ich denke, das ist ein strukturelles Problem", sagt Felix. "Wir haben einen Personalmangel und das ist nicht nur ein Fachkräftemangel. Auch Hilfskräfte könnten viel erreichen, aber selbst die fehlen. Und die kommen auch nicht." Die Gesellschaft lasse die Pflegekräfte in manchen Belangen alleine.

Altenpfleger Felix 1 min
Bildrechte: MDR/Christian Franke

MDR FERNSEHEN Fr 29.10.2021 10:56Uhr 01:24 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/audio-pflege-felix-probleme-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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"Pflegeberufe sind für Familien unglaublich unattraktiv", führt er aus. "Es würde viel bewegen, wenn Strukturen drumherum geschaffen werden." Als Beispiel führt er Kinderbetreuungsplätze an, die sich an den tatsächlichen Arbeitszeiten orientieren. Dazu brauche es Möglichkeiten für Pflegekräfte, in ihren Schichten vernünftig leben zu können. "Wir werden immer in Schichten arbeiten und es geht immer um eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Das kriegt man nicht weg."

"Mit einem Bein im Knast"

Ein generelles Problem in der Pflege sieht Felix auch in der Haftbarkeit. Es werde immer scherzhaft gesagt: "Als Pfleger steht man mit einem Bein im Knast." Doch lustig sei das eigentlich nicht. "Für Entscheidungen haften Pfleger. Und die sind ein wenig schwerwiegender als die Frage, wo welches Möbelstück hinkommt, sondern die betreffen Menschenleben."

Mit weniger Personal werden Pflegeberufe nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Pflegerinnen und Pfleger gefährlicher. Weil viel weniger Zeit für Entscheidungen bleibt.

Felix Altenpfleger

Es komme immer wieder zu Situationen, in denen in kurzer Zeit Entscheidungen mit schwerwiegenden Konsequenzen gefällt werden müssten. Dabei baue die Haftbarkeit einen gewaltigen Druck auf und als Pfleger fühle er sich damit gesellschaftlich oftmals alleine gelassen. Gerade deshalb, weil Pfleger immer mehr Menschen alleine betreuen müssten. "Wenn man sich die Zeit nimmt, fehlt sie woanders. Das ist die Realität. Wir müssten zeitlich entlastet werden, um Probleme wirklich vernünftig lösen zu können. Vieles ist Glückssache." Einen anderen Beruf würde Felix trotzdem nie wählen, sagt er. Es sei die Dankbarkeit und die Wertschätzung der Menschen, die ihn antreibt, weiterzumachen. Lediglich ein Fachwechsel innerhalb der Pflege komme für ihn infrage.

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Quelle: MDR

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