Der Redakteur | 25.01.2022 Die Suche nach Öffnungsperspektiven im dritten Corona-Jahr

Nach der Bund-Länderschalte gibt es acht Seiten wenig konkrete Absichtserklärungen, einschließlich der, eine Öffnungsperspektive zu entwickeln. Doch wie kann die aussehen? Redakteur Thomas Becker sucht nach Antworten.

Ein Mann haelt eine FFP2 Schutzmaske vor sein Gesicht
Wie geht es 2022 weiter - das diskutieren nicht nur Experten und Politiker weltweit. Bildrechte: IMAGO / photothek

Öffnungsperspektive - das Wort kennen wir schon aus dem Vorjahr. Damals hatten wir einen Lockdown und gesetzte Termine des Bundes, die am 1. März 2021 mit den Schulen, Kindergärten und Friseuren begannen, am 8. März ging es unter anderem mit Buchhandlungen und Blumengeschäften weiter und der Rest war an Inzidenzen gebunden, erstrebenswert war, unter 100, besser noch unter 50 zu sein.

Von daher ist unsere momentane Ausgangslage schon besser geworden, zumindest für Menschen, die geimpft oder genesen sind und bestenfalls geboostert, wenngleich die überraschenden Regel- und Statusänderungen nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme gewertet werden kann.

Und da sind wir auch genau beim Punkt: Es sind mitunter weniger die Maßnahmen selbst, sondern, dass sie unberechenbar, undurchsichtig und uneinheitlich daherkommen, aber leider selten unbürokratisch. Während sich der Thüringer Sport darüber freut, mit 2G draußen und 2G+ drinnen immerhin noch einiges tun zu dürfen, fragen sich die erwachsenen Schwimmer, warum sie nach wie vor auf dem Trockenen sitzen.

Tausende im Stadion - zumindest in Bayern

Dass Bayern künftig für überregionale Großveranstaltungen bis zu 10.000 Zuschauer zulässt bei einer maximalen Auslastung von 25 Prozent, das zielt natürlich vor allem auf die Fußball-Bundesliga. Ein Lobbyist dieser Größenordnung fehlt in Thüringen bekanntlich, weshalb ersatzweise LSB-Chef Thomas Zirkel noch einmal eindringlich darauf verweist, dass auch die Thüringer Sportvereine auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind. Auch hier müsse dringend etwas geschehen, die Konzepte gebe es schließlich. Auch sei es nicht erklärbar, warum beispielsweise in Hamburg draußen alle herumturnen dürfen und auch in Sachsen-Anhalt mit Hilfe von 3G im Außenbereich auch Ungeimpfte wieder (Vereins-)Sport machen können.

Da merkt man, dass das Vorgehen sehr unterschiedlich ist und manchmal nicht wirklich nachvollziehbar und in der Kommunikation mit den Leuten schwer zu vermitteln.

Thomas Zirkel Landessportbund Thüringen
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Wiedereröffnung der Schwimmhallen, Zuschauer im Breitensport - das sind die Themen für Thomas Zirkel vom Landessportbund, wenn nun langsam trotz Corona auch im Sportbereich wieder mehr erlaubt sein soll.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 25.01.2022 15:50Uhr 07:41 min

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Konzertveranstalter kalkulieren anders als Theater-Intendanten

Während - abgesehen von den Vereinen der Bundesliga im Handball, Volleyball und so weiter - die vielen unterklassigen Thüringer Vereine ihre "Arenen" eher selten bis an die Kapazitätsgrenze auslasten, sieht das in der Veranstaltungswirtschaft etwas anders aus. Viele Veranstaltungen wie Konzerte sind so kalkuliert, dass die Bude voll ist und sie rechnen sich auch nur dann.

Nur zur Erinnerung: Theatertickets sind subventioniert, das Rockkonzert ist es nicht. Und es sind vor allen Dingen kleine Veranstalter, die den Löwenanteil der Konzerte, Lesungen, Aufführungen und so weiter organisieren und auch erst die Vielfalt und Nischen ermöglichen, die wir uns so gerne suchen. Das droht gerade völlig den Bach runterzugehen. Und Professor Jens Michow vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft weist deutlich daraufhin, dass in den Ticketpreisen eben auch die ganzen Vorkosten für reihenweise abgesagte Veranstaltungen stecken und nicht nur das Honorar für die Stars. Jede Rückgabe eines Tickets vergrößert das Defizit.

Wenn man nicht unbedingt auf das Geld angewiesen ist, sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man sich auch selbst einen Gefallen tut, wenn man dazu beiträgt, dass die kleinen und mittleren Unternehmen überleben.

Prof. Jens Michow Präsident Bundesverband Konzert- und Veranstaltungswirtschaft

Hoffen auf mehr Veranstaltungen in diesem Jahr

Mittlerweile ist es für Michow fast schon ein erhebendes Gefühl, wenn der Begriff "Öffnungsperspektive" überhaupt auftaucht in einem politischen Papier, wenngleich er anmahnt, dass wir endlich beginnen müssen, mit dem Virus leben zu lernen. Dazu gehört aus seiner Sicht natürlich die Vorsicht, so lange Varianten wie Omikron kreisen, aber mit Impfungen, Tests und Regeln könnten auch Veranstaltungen angemessen sicher durchgeführt werden und zwar zu einheitlichen Rahmenbedingungen.

Wer bundesländerübergreifend Veranstaltungen organisiert und beantragt - wo das denn geht - der verzweifelt am Verordnungswahnsinn und weiß auch nicht, worauf er sich bei künftigen Öffnungen einstellen soll. Zumal Veranstaltungen Monate, wenn nicht gar Jahre im Voraus geplant werden und Verordnungen bei uns aktuell nur eine Halbwertzeit haben von wenigen Wochen, wenn nicht gar Tagen - das ist eine Thüringer Spezialität.

Es ist einfach nicht einzusehen, dass es keine Arbeitsgruppe gibt, die sich vielleicht mal darüber unterhält, wie man gewisse Regeln angleicht, und nicht in jedem Bundesland Verordnungen studiert werden müssen.

Prof. Jens Michow Präsident Bundesverband Konzert- und Veranstaltungswirtschaft

Krankenhausbelastung als entscheidendes Kriterium

Laut Beschlusspapier will man die Öffnungsperspektiven an die Krankenhausbelastung koppeln und da sind wir auch ganz schnell wieder bei der Bürokratie. Überall wird vor allem darüber geredet, dass die Impfpflicht reihenweise das Personal vertreiben könnte und der Rest wegen Erkrankungen zusätzlich dezimiert wird. Aber das ist eben auch nur die halbe Wahrheit.

Erstens hat die Krankenhausgesellschaft vergangene Woche eine repräsentative Erhebung zum Impfstatus durchgeführt und in den Kliniken bei den Pflegekräften eine mittlere Impfquote von 94 Prozent ermittelt. Das ist eigentlich ein ziemlich stolzer Wert, wenngleich regionale und lokale Unterschiede durchaus punktuell zu Problemen führen können.

Eine Frage von Prioritäten in der Pandemie

Wenn dann zusätzlich noch Fachkräfte krank werden oder in Quarantäne müssen, ist möglicherweise eine Belastungsgrenze erreicht, die geplante Öffnungsschritte verhindert. Dabei gibt es Möglichkeiten, diese unkalkulierbaren Ausfälle vielleicht sogar zu kompensieren, indem man einfach - wie schon 2020 geschehen - darauf verzichtet, den deutschen Dokumentations- und Kontrollwahn aufrechtzuerhalten, sagt Joachim Odenbach von der Deutschen Krankenhausgesellschaft: "Es gibt unglaubliche viele Anforderungen zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern, wo bis ins Kleinste hinein Qualitätskriterien in x-facher Art und Weise abgeprüft werden müssen."

Und da geht es nicht etwa um Dinge wie Arztbriefe, die wir zwar immerhin schon am Rechner erstellen können, dann aber ausdrucken um sie per Brief oder Patienten-"Bote" dem Hausarzt ins Haus zu tragen. Sondern, es geht um endlose Excel-Tabellen und andere Kunstwerke, mit denen sich die Freunde der gepflegten Powerpoint-Präsentation zum Beispiel in den Krankenkassen den Tag vertreiben.

Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid-19-Intensivstation im SRH Waldklinikum. 9 min
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Öffnungsperspektiven sind zu befürworten, solange keine Überlastung der Krankenhäusern zu befürchten ist. Was das bedeutet, erklärt Joachim Odenbach, Pressesprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 25.01.2022 15:50Uhr 09:03 min

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Joachim Odenbach von der Deutschen Krankenhausgesellschaft hält es momentan auch nicht für besonders sinnvoll, dass der medizinische Dienst der Krankenkassen prüft, ob eine Verweildauer eines Patienten in Ordnung war. Hintergrund: Eventuell kann eine Rechnung gekürzt werden. Damit wird aber eben auch immer Personal gebunden, das sich besser um den Patienten kümmert, als zum Beispiel zu dokumentieren, ob jede Teambesprechung auch wirklich mit jedem stattgefunden hat.

Wir hatten in der erste Welle deutliche Entbürokratisierungen und es hat nicht zu einer Verschlechterung der Versorgung oder zu einem Datenblindflug geführt.

Joachim Odenbach Sprecher Deutsche Krankenhausgesellschaft

MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 25. Januar 2022 | 16:00 Uhr

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