Wärmeversorgung Thüringens Wärmeenergie-Potenziale könnten Erdgas-Lücke nicht füllen

Was wärmt den Thüringer, wenn es russisches Erdgas und Erdöl nicht mehr tun? Wissenschaftler haben errechnet, wie ein klimafreundliches und sicheres Energiesystem für Thüringen im Jahr 2050 aussehen könnte. Doch viele Potenziale müssen erst noch erschlossen werden. Kurzfristig steht davon nur sehr wenig zur Verfügung. Experten drängen zum Sparen durch bessere Wärmedämmung und Heiztechnik.

Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport GmbH
Die Umstellung auf den Brennstoff Erdgas ist in Deutschland noch keine 30 Jahre her. Bildrechte: dpa

Erdgas ist in Deutschland der wichtigste Energieträger für Heizenergie. Auch in Thüringen. Die gigantische Umstellung auf diesen "umweltfreundlichen und sauberen" Brennstoff ist noch keine 30 Jahre her: 1990 lag der Anteil der Braunkohle (als dem wichtigsten Energieträger der DDR-Zeit) am Primärenergieverbrauch in Thüringen bei rund zwei Dritteln. Acht Jahre später (siehe Abbildung 1) war sie quasi Geschichte. Abgelöst von Erdöl und Erdgas. Wer sich damals schon für einen Brennwert-Kessel entschied, hatte ökologisch gesehen die Nase vorn.

Auch wirtschaftlich. Bis zuletzt war Erdgas das Günstigste, für das man sich beim Heizen entscheiden konnte. Und bis vor wenigen Jahren gab es sogar staatliche Förderung für bestimmte Systeme.

Eine Grafik zum Primärenergieverbrauch TH 1990-2018
Abbildung 1: Primärenergieverbrauch TH 1990-2018 Bildrechte: InRET Nordhausen

Speicher füllen bevor Gashahn sich schließt

Jetzt bereitet die EU ein Öl-Embargo gegen Russland vor. Über ein Erdgas-Embargo wird intensiv diskutiert. Offen ist, ob Russland uns zuvorkommt und selbst die Lieferung einstellt. "Wir müssen schnell umstellen und andere Energien nutzen." Das sagen unisono Experten im Thüringer Umweltministerium, der Thüringer Energie- und Greentec-Agentur ThEGA und das sagt Viktor Wesselak, Professor für regenerative Energiesysteme an der Fachhochschule Nordhausen.

Wesselak gehört zu den wichtigsten Beratern der Thüringer Landesregierung für die Bewältigung der Energiewende. Aber welche Energieträger würden kurzfristig zur Verfügung stehen? Etwa für den kommenden Winter? Wesselak geht davon aus, dass die nächste kalte Jahreszeit erst mal mit den sich inzwischen langsam füllenden Gasspeichern zu bewältigen wäre. Da sei es beruhigend, so der Wissenschaftler, dass der größte Speicher im Freistaat der Thüringer Energie AG gehöre, also in einheimischer Hand sei.

Potentiale der Zukunft brauchen noch Zeit

Die letzte Energiebilanz des Thüringer Landesamtes für Statistik sagt: 2019 wurden in Thüringen insgesamt 30.000.000.000 Kilowattstunden (30 TWh) Energie für Wärme verbraucht: In der Industrie, in Handel und Gewerbe, von den privaten Haushalten. Hätten wir ansatzweise eine Chance, diese Wärmemenge aus einheimischen Potenzialen zu erzeugen?

Diese Frage zu beantworten war eigentlich nicht der Auftrag von Professor Viktor Wesselak. Das Thüringer Umweltministerium hatte ihn und weitere Experten gebeten, ein Rechenmodell für ein klimaneutrales Zukunfts-Energiesystem für Thüringen auf der Basis erneuerbarer Quellen zu entwickeln.

Die Berechnung nimmt den heutigen und künftigen Energiebedarf des Landes in den Blick, bezieht bereits vorhandene und noch zu erschließende Potenziale mit ein und kommt zu dem Ergebnis: Ein klimaneutrales Thüringen ist bis 2050 möglich und wird bezahlbar sein. Aber von den aufgeführten Energiequellen steht nur ein äußerst geringer Teil als Ersatz für russisches Erdgas sofort zur Verfügung.

Holz ist zu wertvoll als Lückenbüßer

Da wäre der Wald. Die Modellrechnung für Thüringens künftige Versorgung stellt auf der Basis von Zahlen des Landesforstes fest, dass in Thüringens Wäldern jedes Jahr über 2,1 Millionen Festmeter Holz zuwachsen, die theoretisch genutzt werden könnten.

3.691.000.000 Kilowattstunden (3,691 TWh) potenzielle Energie stecken in diesem Holz. Aber soll das verfeuert werden? Der Leiter der Abteilung Energie und Klima im Thüringer Umweltministerium, Martin Gude, findet, dass Holz vorrangig als Restholz in hocheffizienten Öfen verbrannt werden sollte.

Also wenn es irgendwo ausgebaut wird, weil es ausgedient hat oder als Produktionsabfall anfällt. Reste aus der Holzverarbeitung wie Fasern und Späne - schön und gut. Aber frisch geschlagenes, gutes Holz sei als Baustoff zu wertvoll, um es zu verfeuern. Holz leiste als nachhaltiger Baustoff für Wände, aber auch etwa für die Dämmung von Gebäuden viel wertvollere Dienste und komme auch als Gipsersatz im Innenausbau infrage.

Trotzdem werden in den Thüringer Dörfern im nächsten Winter die Öfen und Kamine nicht ausgehen. Dort, wo der Wald nicht weit ist, steht Holz unkompliziert zur Verfügung. Eine flächendeckende Lösung für ganz Thüringen ist die Holzverfeuerung nicht.

Biogas steht auf unsicheren Beinen

Wir haben unsere Biogasanlagen. Zurzeit stehen in Thüringen nach Angaben der ThEGA 369 solche Anlagen. Die Eigentümer - meist Landwirte - lassen dort aus Gülle und Mist, Gras-Silage, Bioabfall und Grünschnitt Biogas entstehen und wandeln es in angeschlossenen Blockheizkraftwerken in Strom und Wärme um. Die ThEGA schätzt die mögliche Gesamt-Wärmeleistung dieser Anlagen auf 205.454 Kilowatt.

"Dieses Gas", sagt Professor Wesselak, "wird in Zukunft zu wertvoll sein, um es vor Ort zu verbrennen." Man werde es künftig aus den Anlagen heraus aufbereiten und als Biomethan direkt ins Erdgasnetz einspeisen. So könne man es für Prozesse verwenden, die ohne Gas nicht funktionieren.

Der Wärme-Experte der ThEGA, Anton Wetzel, sieht aber im derzeitigen Thüringer Anlagen-Bestand ganz klare Grenzen: Viele Betreiber würden mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen. Die Zeiten attraktiver Förderung über eine profitable Einspeisevergütung seien vorbei.

Momentan sei jede Anlage, die weiterbetrieben wird, schon ein Erfolg. Und die meisten würden sich, so wie sie jetzt laufen, für die Aufbereitung des Gases nicht eignen. Die Thüringer Biogas-Branche steckt im Investitionsstau. Und was dazu kommt: Das Biogas ist in der Stromerzeugung ja bereits gebunden. 

Nutzung von Abwärme braucht staatliche Unterstützung

Warum sich nicht mal von den Nachbarn wärmen lassen? Schon seit mehreren Jahren betreibt die ThEGA auf ihrer Webseite ein Abwärme-Kataster. Eine Reihe von Unternehmen führt dort ihre ungenutzten Abwärme-Potenziale inklusive der Prozesstemperaturen, Menge und Standort auf. Wärme-Experte Wetzel beziffert das Gesamtpotenzial der in Thüringen verfügbaren Abwärme aus Arbeitsprozessen in Betrieben auf 4.000.000.000 Kilowattstunden (4 TWh).

Nur ein Teil davon wird bisher genutzt. Bis zu 500.000 Thüringer Haushalte könnte man damit beheizen, haben Experten errechnet. So kam eine vielversprechende Studie 2019 zu dem Schluss, dass mit der Abwärme des Stahlwerkes Unterwellenborn ein bedeutender Teil der Fernwärme-Versorgung in Saalfeld, Rudolstadt und Bad Blankenburg gesichert werden könnte.

Doch bei weiteren Berechnungen wurden auch die Hürden deutlich. Die Thüringer Wärme Service GmbH, eine Tochterfirma der Thüringer Energie AG mit Sitz in Schwarza, müsste in die notwendige, zehn Kilometer lange Wärmeleitung geschätzte 15 Millionen Euro investieren. Geschäftsführer Mathias Friedrich sagt, so eine Investition refinanziere sich nicht in wenigen Jahren. Da bleibe zu viel Unsicherheit: Wie lange bleiben die Abnehmer bei der Stange? Wie lange stellt das Stahlwerk die Wärme zur Verfügung?

Ohne staatliche Bürgschaft oder umfangreiche finanzielle Förderung sei das Projekt nicht zu stemmen, so Friedrich. Im Moment liegt das Konzept dafür also in der Schublade. Auch an anderen Orten in Thüringen verpufft Industrie-Abwärme weiter völlig ungenutzt. Ein großer Teil dieser Abwärme stammt allerdings aus industriellen Prozessen, für die Erdgas und Erdöl genutzt werden. Im Fall eines Embargos fällt der auch weg.

Eine Grafik zu Endenergie- und Nutzenergie-Verbrauch der Industrie in Thüringen 2014
Endenergie- und Nutzenergie-Verbrauch der Industrie in Thüringen 2014 Bildrechte: InRET Nordhausen

Riesige Potenziale liegen in energetischer Gebäudesanierung

Viktor Wesselak sieht ein Riesen-Potenzial für die Zukunft einer sicheren und klimaneutralen Wärmeversorgung: in der Einsparung von Wärmeenergie durch Dämmung und andere Effizienzmaßnahmen. Wenn der Professor kritisiert, dass Deutschland bei der energetischen Gebäudesanierung über viele Jahre nur im Schneckentempo unterwegs war, ist er sich mit Martin Gude aus dem Umweltministerium und Anton Wetzel von der ThEGA einig.

Das Ministerium fördert gerade eine energetische Vorzeige-Sanierung in Stadtroda mit 2,4 Millionen Euro: Dort werden 144 Plattenbau-Wohnungen klimaneutral. Insgesamt liege die jährliche Sanierungsquote aber unter einem Prozent, so Wesselak. Das bedeute rein praktisch: Jedes Haus komme nicht mal einmal in 100 Jahren dran. "Wir haben aber nur noch 30 Jahre", sagt der Wissenschaftler.

Klimaziele brauchen Sanierungsquote von drei Prozent

Und er verweist auf die massenhaften Anfragen von Eigenheimbesitzern bei den Handwerksbetrieben: Wer immer plane, sich für mehrere Tausend Euro Solarmodule aufs Dach oder eine Wärmepumpe einbauen zu lassen, solle zuerst den Verbrauch seiner vier Wände senken.

Etwa mit einer ordentlichen Dämmerung für die obere Geschossdecke oder dem Austausch von 30 Jahre alten Fenstern. ThEGA-Wärmeexperte Anton Wetzel verweist auf Studien, die eine jährliche Quote von deutschlandweit drei Prozent bei der energetischen Sanierung für dringend notwendig halten.

Dafür, so Wesselak, müsse die staatliche Förderung durch den Bund mehr auf steuerliche Entlastung setzen und die wenig attraktiven verbilligten Kredite hinter sich lassen.

Mehr zum Thema Energiepreise

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. Mai 2022 | 07:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/fba9d957-dca7-4541-aa66-f8dfc95b5910 was not found on this server.

Mehr aus Thüringen