Inflation Über Angst und Verzicht: Wie steigende Preise Menschen in Thüringen treffen

17 Milliarden Euro kostet das Entlastungspaket der Bundesregierung, das ab Juni den steigenden Preisen entgegenwirken soll. Doch 300 Euro Soforthilfe und Tankrabatte werden kaum die Angst vor dem eigentlichen Problem lindern: der fortschreitenden Inflation. In den vergangenen Wochen haben sich viele Menschen mit ihren Sorgen an den MDR gewandt. Hier erzählen zwei Thüringerinnen, wie ihnen die Preissprünge zu schaffen machen.

Ein Kunde bezahlt seinen Einkauf an einem Stand auf einem Wochenmarkt mit einem Fünf-Euro-Schein
In den vergangenen Monaten stiegen vor allem die alltäglichen Kosten deutlich an. Bildrechte: dpa

"Hallo MDR Team, ich bin sicher nur einer von vielen Kleinen Leuten. […] Ich bin voll berufstätig, mit zwei Kindern, eines 12 und das andere 4 Jahre. Bis vor knapp einem halben Jahr konnten wir gut leben. […] Aber seit einigen Wochen zieht sich die Schlinge immer enger um den Hals, das Geld wird nicht mehr und alles was man zum Leben braucht wird schlagartig teurer." (sic.)

Es ist ein Hilferuf, den uns Monique Bauer am Abend des 7. März via Instagram schickt. In einer persönlichen Nachricht schildert die 34-Jährige aus Hayn im Weimarer Land, wie ihre Familie unter den steigenden Preisen leidet. Sie verzichteten nur noch, der Lebensstandard sei spürbar gesunken und sie könne sich nur noch das Billigste leisten. Als berufstätige Mutter von zwei Kindern versinke sie in Verzweiflung darüber, dass sie sich mit ihren 11,80 Euro Stundenlohn nur noch im Kreis drehe. "Man verliert immer mehr den Glauben an dieses Land", schreibt Bauer zum Abschluss ihrer Nachricht.

"Damit hat die Dame völlig Recht. Das sehe ich ganz genauso. Man verliert den Glauben an dieses Land", sagt auch Anja Losse aus Altenburg. Vor einigen Wochen hat die alleinerziehende Mutter an einer Umfrage von MDRfragt zum Thema Preisanstieg teilgenommen. Auch die 43-Jährige gab an, stark von den teureren Preisen betroffen zu sein und Angst vor einer weiteren Inflation zu haben.

Anja Losse und Monique Bauer kennen sich nicht und ihre Lebenssituationen unterscheiden sich voneinander. Doch sie teilen sich, mit vielen anderen Thüringern, die gleiche Sorge: Reicht mein Geld bis zum Monatsende?

Zwei Gehälter sind noch eins zu wenig

Monique Bauer vor ihrem Haus in Hayn 2 min
Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer
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Als die Benzinpreise im März weit über zwei Euro pro Liter steigen, sitzt Monique Bauer heulend auf der Couch. Allmählich bedrohen die steigenden Preise ihr Leben. Sie hat Angst um all das, was sie sich aufgebaut hat.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 23.04.2022 18:05Uhr 01:54 min

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"Etwas Sparen?", fragt Monique Bauer ungläubig. "Ich glaube, das letzte Mal, dass ich was sparen konnte, das muss vor Corona gewesen sein." Zusammen mit ihrem Lebensgefährten und ihren zwei Kindern bewohnt sie in Hayn ein Einfamilienhaus, dass sie 2016 bei einer Zwangsversteigerung erworben haben. Ein 600 Quadratmeter großes Eckgrundstück auf halbem Weg zwischen Erfurt und Bad Berka mit einem Garten, in dem die beiden Kinder mit den zwei Hunden spielen können. Das Haus, vor dem zwei Autos parken, haben sie weitestgehend saniert und mit Holz verkleidet - eine scheinbar heile Welt.

Drei langfristige Kredite belasten den Haushalt

Doch hinter der Holzfassade wird diese Welt allmählich morsch - denn finanziell stößt die Familie an ihre Grenzen. Drei langfristige Kredite belasten den Haushalt, was bisher kein Problem war. 4.100 Euro netto hat die Familie monatlich zur Verfügung. Den Großteil bringt ihr Mann nach Hause, der als Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr in Bad Frankenhausen arbeitet. Monique Bauer hingegen ist Verkäuferin in einem Motorradladen in Erfurt und verdient mit nur 1.300 Euro netto einen Niedriglohn. Um den Lebensstandard halten zu können, scheinen zwei Gehälter noch eins zu wenig zu sein.

Denn in den vergangenen Monaten stiegen vor allem die alltäglichen Kosten deutlich an. Beide Elternteile pendeln täglich zur Arbeit; die Kinder müssen in den Nachbarorten in die Schule oder in die Kita. Mindestens 180 Kilometer Fahrstrecke legt die Familie am Tag zurück - umgerechnet auf die derzeitigen Spritpreisen sind das gut und gerne 20 Euro pro Tag.

Hinzu kommen die Kosten für die Gasheizung, die von einst 80 Euro pro Monat auf jetzt mehr als 200 Euro gestiegen sind. Außerdem müssen Lebensmittel für vier Personen bezahlt werden. Hundert Euro hat Bauer pro Woche dafür zur Verfügung, doch für Hundert Euro bekommt sie immer weniger: "Vorher war der Einkaufskorb Dreiviertel voll, jetzt ist er nur noch halb oder zu einem Viertel voll, je nachdem, was man gerade kaufen muss", sagt sie.

Ab wann von Niedriglohn gesprochen wird

2.284 Euro brutto - nach einer Definition der Bundesagentur für Arbeit ist das die Schwelle zum Niedriglohn-Sektor. Wer 2.284 Euro brutto oder weniger für eine sozialversicherungspflichtige Vollzeit-Beschäftigung verdient, bekommt weniger als zwei Drittel des mittleren Entgelts in Deutschland und gilt als Niedriglohnempfänger. Einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung vom Januar 2022 zufolge liegen im Osten 29,1 Prozent der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen unterhalb dieser Schwelle.

Die Tanzlehrerin lacht halb aus Verzweiflung und halb aus Galgenhumor

Anja Losse vor der Altenburger Brauerei, wo sich auch ihr Tanzstudio befindet
Anja Losse: "Wenn meine Tochter jetzt neue Hosen braucht, dann kümmere ich mich darum, aber so lange sie die Hosen noch tragen kann, versuchen wir, es auszuhalten ... schwierig darüber so zu reden, weil es ja ein Grundbedürfnis ist." Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Ähnliche Erfahrungen macht auch Anja Losse. Die alleinerziehende Mutter teilt sich in Altenburg eine Zwei-Raum-Wohnung mit ihrer 18 Jahre alten Tochter. Im vergangenen Jahr hat Losse all ihren Mut zusammengenommen und sich als Tanzlehrerin endgültig selbstständig gemacht. Ihr kleines Unternehmen "Tanzraum" hatte sie bereits 2017 im Nebenberuf gegründet. Nachdem ihr Hauptjob als Kassiererin im Altenburger Theater in der Corona-Krise wegbrach, beantragte sie Gründerzuschuss und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Wie viel sie aktuell verdient? Genau weiß sie das nicht. Aufgrund der Gründungsphase und der drei Monate Corona-Zwangspause ihres Unternehmens im Winter seien die Einnahmen noch nicht stabil genug, um das beziffern zu können. Unterhalb von 3.000 Euro brutto? "Auf jeden Fall darunter", sagt sie, als wäre ihr diese Summe nicht geheuer. Dann klappt sie den Laptop auf. Bei der Gründerberatung vor ein paar Jahren habe sie einen Finanzplan aufgestellt, der ihre privaten und betrieblichen Kosten kalkuliert. "Monatlich erforderliche Privatentnahme: 1.578 Euro", liest sie vor und gerät ins Stocken.

1.578 Euro - diese Zahl arbeitet sichtlich in ihr, denn sie entspricht nicht ihren reellen Ausgaben. Altersvorsorge? "Nee hab ich nicht, die steht hier aber mit drin", antwortet sie und lacht halb aus Verzweiflung, halb aus Galgenhumor. "Hier steht auch Rücklagen für anfallende Einkommenssteuer, Krankenpflegeversicherung und Freizeit ... und Sparen steht hier eigentlich auch noch drin." Gespart hat Anja Losse aber schon seit Jahren nichts mehr und ihre Freizeit entfällt, teils aus Zeitmangel, teils, weil ihr schlicht kein Geld dafür bleibt. Statt Freizeit hat Losse vor allem Sorgen, zum Beispiel, weil ihr Vermieter die Warmmiete aktuell um 15 Euro erhöhen will oder ihre Tochter mal wieder eine neue Hose braucht.

Tanzlehrerin Anja Losse in ihrem "Tanzraum" in Altenburg
"Ich hab vor Kurzem schon die Preise erhöhen müssen. Aber wenn alles immer teurer wird und ich das jedes halbe Jahr machen muss, weiß ich nicht, wie meine Tanzschüler das mitmachen." Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Verzichten, damit es woanders nicht fehlt

Weil Kleidung teuer ist, kauft Monique Bauer vor allem Second Hand. "Ich finde daran nichts Schlechtes und wenn die Kleider noch in Ordnung sind, warum sollen die dann in den Müll fliegen?" Schwerer wiege der Verzicht bei ihren Büchern. Sie liest gerne Fantasy-Romane und flüchtet sich in fremde Welten. Doch in den vergangenen Monaten ließ die Realität keine Fantasie mehr zu. "Ich kaufe nur noch das Nötigste, zum Beispiel auch keine Süßigkeiten mehr, oder verzichte auf Obst." Statt in den Supermarkt gehe sie auf die Streuobstwiesen, die es ringsum Hayn gibt.

Es sind viele kleine Verzichtsmomente, die Bauer hinnimmt, um sich nicht von ihrem geliebten Sundros trennen zu müssen. 2018 übernahm die Tierfreundin den Hengst vom Tierschutzverband. Mindestens einmal in der Woche besucht sie ihn auf der Koppel am Ettersberg. Für seinen Platz hier zahlt sie 320 Euro im Monat. Doch Sundros ist weit mehr als ein Haustier. Er ist ein Freund und Vertrauter: "Wenn er ein Mensch wäre, ihn würde ich sofort heiraten", sagt sie und kuschelt sich an den riesigen Kopf des Pferdes. Ihn weggeben zu müssen, würde ihr das Herz brechen.

Monique Bauer und ihr geliebtes Pferd "Sundros"
Monique Bauer: "Wenn es gar nicht mehr geht, muss ich ihn weggeben, aber ich weiß nicht, wie ich das dann verkraften soll." Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Anja Losse verzichtet auch beinah täglich. Ihre Lieblingsmarmelade zum Beispiel kaufe sie nicht mehr, aus Protest wegen der überzogenen Preise. Im Supermarkt finden meistens nur die Discount-Produkte den Weg in den Einkaufskorb. Überall, wo sie selbst verzichtet, tut sie es für ihre Tochter. Neulich erst feierten sie den 18. Geburtstag. Es gab ein großes Fest, natürlich mit einer Tanzshow, vielen Freunden und gutem Essen. Dafür bestellte Losse eine Wurstplatte beim Fleischer und erschrak über den Preis. "Das war es mir natürlich wert, weil meine Tochter wird nur einmal 18, aber da bin ich richtig deprimiert aus dem Laden gegangen", sagt sie mit einem Lachen, das bitter klingt.

Die Inflationsschlinge zieht sich zu

Solche Momente des Verzichts oder des Entsetzens über teure Preise erleben gerade viele Thüringer. Sie sind Ausdruck der steigenden Inflation, die in den vergangenen zehn Monaten immer deutlich über dem Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank lagen. Weil auch die Löhne pro Jahr um etwas mehr als zwei Prozent wachsen, steht dieses Inflationsziel normalerweise für ein gesundes und kontinuierliches Wirtschaftswachstum. Normal ist seit Monaten aber nichts mehr. Seit Juli 2021 lag die Teuerungsrate immer bei mindestens 3,8 Prozent, ab November sogar monatlich bei rund fünf Prozent. Der Ausbruch des Ukraine-Kriegs katapultierte die Inflation sogar auf 7,3 Prozent im März und Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflation in den nächsten Monaten weiter anhält.

Es sind diese Zahlen, die Monique Bauer in ihrer Instagram-Nachricht eigentlich meinte, als sie von der Schlinge um den Hals schrieb. Nur dass sich diese nicht erst vor einigen Wochen zugezogen hat, sondern seit zehn Monaten beständig enger wird. Zu spüren war das zunächst kaum, weil viele kleine Beträge kaum auffallen: zehn Cent mehr für die Milch, zwei Euro mehr im Restaurant, fünf Euro mehr für den Wocheneinkauf. Ein schleichender Prozess, der erst durch die extremen Benzinpreissprünge zum Beginn des Ukraine-Kriegs sichtbar wurde. "Das war auch der Grund, warum ich damals die Nachricht an den MDR geschrieben habe. Ich war so geschockt über diesen Preis beim Tanken, dass ich am Abend heulend auf der Couch saß", so Bauer. 

Monique Bauer an einer Tankstelle
Täglich pendelt Monique Bauer zur Arbeit. Dem Spritpreisen ist sie damit ausgeliefert. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Ein Entlastungspaket gibt keine Sicherheit

Monique Bauer und Anja Losse sagen, dass sie nicht viel von der Wirtschaft und der Politik verstehen. Sie wissen aber, dass Politiker ihre Diätenerhöhung selbst beschließen, während sie um eine Gehaltserhöhung kämpfen müssen, nur damit ihnen der Chef dann statt 11,80 Euro pro Stunde zwölf Euro anbietet. Sie wissen auch, dass sie Gefahr laufen, Kunden in der Tanzschule zu verlieren, wenn sie die Preise anheben, weil Tanzstunden nun mal kein Sprit und keine Lebensmittel sind, auf die niemand verzichten kann.

Was sich Losse und Bauer eigentlich wünschen, ist finanzielle Sicherheit für die Zukunft. Keine Sorgen zu haben, dass es der Tochter an etwas fehle oder man das Haus und das geliebte Tier verliert. Eine solche Sicherheit ist mit ihrem Einkommen aber nicht zu machen und mit einem einmaligen Entlastungspaket schon gar nicht.

"Auch das [Entlastungspaket] kriegt man einfach so vorgesetzt. Die Politiker sollten die Bürger mal fragen, was sie wirklich brauchen", sagt Losse. Einmalig 300 Euro für Strom und Heizung seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein und auch kurzfristige Tankrabatte seien nur Augenwischerei. "In unseren Nachbarländern, gibt es dauerhaft niedrigere Spritpreise als in Deutschland", sagt Bauer. Die Politiker müssten endlich realisieren, dass die Preise den Leuten Angst und sie wütend machen. "Alles, was man sich über die Zeit aufgebaut hat, steht auf der Kippe. Dass man das vielleicht verliert," sagt Bauer, "das ist das, was einen gerade so wütend macht."

MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 23. April 2022 | 18:05 Uhr

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