Verlassene Dörfer Pest und Dürre: Wüstungen in Thüringen

Erst gibt es in Thüringen mehrere Dürrejahre, dann Nässe und Kälte. Zum Schluss findet die Pest reichlich Opfer. Tausende Menschen fallen im 14. und 16. Jahrhundert diesen Plagen zum Opfer und verlassen ihre Dörfer für immer. Heute erinnern nur noch wenige Spuren an sie.

Fachwerkhaus aus Abtsbessingen im Freilichtmuseum Hohenfelden
Ein Haus aus dem Jahr 1550 steht im Freilichtmuseum Hohenfelden. Etwa zu dieser Zeit gab es ein "Megadürre" in Europa. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Wissenschaftler nennen das Phänomen die Zeit des "Großen Hungers“ (1315 bis 1321). Nicht nur Thüringen, ganz Europa ist betroffen. Zuerst kommt eine mehrere Jahre anhaltende Dürre. Darauf folgt für weitere Jahre nasskalte Witterung.

Entvölkerte Landstriche

So schrumpfen Vorräte in den Dörfern. Vieh muss geschlachtet werden. Irgendwann ist das letzte Korn vom Saatgetreide verbraucht. Der Hunger wird zum ständigen Begleiter. Schließlich trifft der Pesterreger auf die geschwächten Menschen. So werden ganze Landstriche entvölkert.

Wüstung Markersdorf nördlich von Remda-Teichel
Wüstung Markersdorf nördlich von Remda-Teichel Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Wiederholung nach 200 Jahren

Das gleiche Phänomen wiederholt sich nach etwa 250 Jahren, sagt Annett Kämpf von der Volkskundlichen Beratungsstelle Thüringen. Der Jahreswechsel 1539/1540 begann mit Regen, doch schon im Januar setzte eine "Megadürre" in ganz Europa ein. Was Historiker bislang aus Chroniken und anderen schriftlichen Überlieferungen zu diesen Ereignissen schlussfolgern, wird nun auch durch breit angelegte Studien von Klimaforschern belegt.

Gedenktafel an der Ruine der ehemaligen Kirche von Markersdorf
Eine Gedenktafel erinnert an den verlassenen Ort Markersdorf. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Wüstungen in Thüringen

Eine genaue Zahl, wie viele Wüstungen es in Thüringen gibt, existiert nicht. Der Weimarer Professor Hartmut Wenzel konnte 2001 allein in der näheren Umgebung Weimars 20 Wüstungen nachweisen.

Für die Experten ist es schwierig den genauen Grund zu benennen, warum Dörfer verlassen wurden. Die Ursachen sind zweigeteilt.

Reste eines Gebäudes der Wüstung Witteroda
Reste eines Gebäudes der Wüstung Witteroda. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

"Wir haben einmal Orte, an denen es zu trocken geworden ist, wo die Menschen dann ins Tal hinuntergezogen sind, wo es feuchter war. Auf der anderen Seite haben wir Ortschaften, die an Flüssen oder Bächen lagen, die aufgegeben wurden, weil sie immer wieder überschwemmt worden sind.", so Jana Kämpfe.

Aber auch Seuchen und Kriege haben eine Rolle gespielt. Schriftliche Belege für das Verlassen der Dörfer gibt es kaum.

Wüstung Als Wüstung wird eine aufgegebene Siedlung, beispielsweise ein Dorf, bezeichnet. Oft erinnern nur noch Flurnamen, Reste im Boden, mündliche Überlieferungen oder Nennungen in Urkunden an sie. Es gibt Zeiten, in denen gehäuft Dörfer verlassen wurden, diese werden als Wüstungsperioden bezeichnet. Die Ursachen sind vielfältig: neben Klimaphänomenen, auch Seuchen, wie die Pest, oder Kriege.

Auf der Suche nach Witteroda

Im Tal zwischen Riechheimer Berg und der heutigen Landesstrasse L1052 gibt es bis circa 1500 drei Dörfer. Unterhalb des Freigeländes des Freilichtmuseums Hohenfelden am Eichenberg taucht bis zu dieser Zeit das Dorf Witteroda in den Steuerregistern auf. Danach fehlt es.

Die Lebensader des Dorfes ist eine Quelle, die unterhalb des Eichenbergs entspringt. Sie ist heute den Einheimischen als sogenannte Hungerquelle bekannt. Möglicherweise versiegt sie infolge der "Mega-Dürre" im Jahr 1540 und zwingt die Bewohner so, ihr Zuhause aufzugeben.

"Schriftliches gibt es nicht", sagt Museumsleiterin Franziska Zschäck, "die Urkunden und Unterlagen sind beim Dorfbrand Hohenfeldens im Jahr 1810 verloren gegangen. Es wird mündlich überliefert, dass es (für das Verlassen des Dorfes) zwei Ursachen gibt: Krieg und Dürre-Ereignisse."

Hungerquelle/ Hungerbach So werden Gewässer bezeichnet, die meist trockengefallen sind und nur bei ausreichend ergiebigen Niederschlägen fließen bzw. Wasser abgeben.

Die Stunde der Archäologen

Um den Bauplatz für den neuen Eingangsbereich des Freilichtmuseums zu untersuchen, beginnen im Juli 2022 Ausgrabungsarbeiten. Sie sollen Standort und Umfang der Wüstung Witteroda klären.

An der Ausgrabungsstelle sind aktuell Mauerreste und Verfärbungen im Boden zu sehen, die auf menschliches Wirken schließen lassen. Grabungsleiter Andreas Meier hofft nun auf die Ergebnisse eines Drohnenfluges. Das Gerät ist mit Spezialtechnik ausgestattet und soll den Archäologen bei der Suche nach Gebäudestrukturen helfen.

Grabungsfund
Ein Fundstück aus der Ausgrabungsstelle am Freilichtmuseum Hohenfelden. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Fundstücke aus verlassenem Dorf

Franziska Zschäck wünscht sich den Fund eines Brunnens. Dort sind meist interessante Hinterlassenschaften der ehemaligen Bewohner zu finden.

"Bislang haben wir verschiedene Artefakte bergen können, die ins 13. und 14. Jahrhundert zurückreichen, einzelne Stücke sind aus dem 12. und 16. Jahrhundert. Sie zeigen Dinge aus allen Lebensbereichen, dem Haushalt, der Landwirtschaft und dem Handwerk - zum Beispiel Werkzeug eines Zimmermanns.", so Archäologe Meier. Alle gegenständlichen Funde und Gebäudespuren werden dokumentiert.

Suche nach Wüstungen als Hobby

Die Dokumentation von Wüstungen und historischen Orten ist die Leidenschaft des Hobbyhistorikers Michael Polz aus Kranichfeld. Zusammen mit Gleichgesinnten aus ganz Deutschland und der Schweiz hat er ein Lexikon verlassener Orte und verschiedener Sehenswürdigkeiten erstellt. Darunter viele Wüstungen in ganz Thüringen.

"Es ist nur ein Bruchteil der Informationen offen im Web zu sehen", sagt Polz, "wir wollen verhindern, dass Schatzjäger die Orte verwüsten. Deshalb haben wir den Zugang mit einem Passwort geschützt."

MDR (nis)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 03. September 2022 | 18:20 Uhr

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