Zweiter Weltkrieg Auerstedt: Gedenkstein für gefallene Bomberbesatzung eingeweiht

Am 14. März 1945 stürzte in der Nähe des Thüringer Dorfes Auerstedt ein britischer Bomber ab. Seine siebenköpfige Besatzung kam ums Leben. Nur ein unscheinbares Grab erinnerte jahrzehntelang an sie. Um die Identität der Bomberbesatzung aufzuklären, recherchierte René Schütz von der IG Vermisstensuche Thüringen ein Jahr lang - mit Erfolg. Am 6. August 2022 konnte ein Gedenkstein für die gefallene Besatzung eingeweiht werden.

Zeitzeuge Werner Meister und die Nichte von Herbert Cecil Lomax, Besatzungsmitglied der NG177
Zeitzeugen: Werner Meister beobachtete als Kind den Absturz des Bombers. Neben ihm Christine Hughes, die Nichte eines der ums Leben gekommenen Besatzungsmitglieder. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

"Ein unbekannter amerikanischer Soldat, gef. im März 1945" war kaum erkennbar auf dem verwitterten Grabstein auf dem kleinen Friedhof in Auerstedt zu lesen. Jahrzehntelang pflegten die Auerstedter das Grab, ohne zu wissen, wer der unbekannte Tote ist. Um dieses Rätsel zu lösen, hatte René Schütz von der IG Vermisstensuche Thüringen ein Jahr lang Nachforschungen angestellt. Seine Recherchen führten zu einem britischen Bomberflugzeug, das in den letzten Kriegstagen nach einem Angriff auf die deutsche Treibstoffindustrie bei Leuna nicht zu seinem Stützpunkt in England zurückkehrte und mitsamt seiner siebenköpfigen Besatzung bis heute als vermisst gilt.

"Wie eine brennende Zigarre"

Ein Bomber des Typs Avro Lancaster Mk.X auf einem Flugplatz, die Besatzung steht davor.
Historische Aufnahme einer Avro Lancaster Mk Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Am Abend des 14. März 1945 gab es in Auerstedt Fliegeralarm. Aus Richtung Weimar näherte sich ein alliierter Bomberverband, der es auf das nördlich von Auerstedt gelegene Mineralölwerk in Lützkendorf bei Leuna abgesehen hatte. Seit Mai 1944 war das Mineralölwerk der Wintershall AG, das aus Kohle synthetischen Treibstoff herstellte, wiederholt von tagsüber angreifenden US-amerikanischen Bomberverbänden angegriffen worden. Am späten Nachmittag des 14. März 1945 formierte sich über Südengland erstmals ein Bomberverband der britischen Royal Air Force (RAF) mit insgesamt 244 viermotorigen Bombern vom Typ Avro Lancaster und elf zweimotorigen Mosquitos, die als Pfadfinder dienten, zu einem Angriff auf das Hydrierwerk.

Unter den 18 Maschinen, die vom RAF-Flugplatz Skellingthorpe abhoben und sich in den Bomberverband einreihten, befand sich auch die Avro Lancaster I, NG177 mit der Kennung VN-L und einer gemischten Besatzung aus fünf Kanadiern und zwei Engländern. Über Frankreich hinweg flogen die Bomber aus südwestlicher Richtung an Weimar vorbei das Zielgebiet an und mussten sich hier bereits der heftigen Gegenwehr deutscher Nachtjäger erwehren, denen es gelang, mehrere RAF-Bomber abzuschießen.

Und etwa einen Kilometer hinter Auerstedt, am Schützenberg, ist dann dieses Flugzeug in den Hang hineingekracht.

Zeitzeuge Werner Meister
Einer der Motoren des abgestürzten Bombers.
Ein 1996 etwa 150 Meter von der Absturzstelle entfernt geborgener Motor der Lancaster. Er ist im Schlossmuseum in Auerstedt ausgestellt. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Schon beinahe routiniert hatten die Auerstedter nach Ertönten des Fliegeralarms ihre Häuser verlassen und sammelten sich auf einer Anhöhe außerhalb des Dorfes. Der damals siebenjährige Auerstedter Werner Meister erinnert sich noch genau, was dann geschah. "Es war etwa gegen 22 Uhr, als aus westlicher Richtung ... ein brennendes Flugzeug kam, es sah aus wie eine riesige brennende Zigarre, ist wenige Hundert Meter über Auerstedt hinweg, hätte beinahe den Kirchturm gestreift. Und etwa einen Kilometer hinter Auerstedt, am Schützenberg, ist dann dieses Flugzeug in den Hang hineingekracht. Die Druckwelle war so stark, das wir fast zu Boden gerissen wurden." Spuren hinterließ die gewaltige Wucht der Explosion auch im Dorf: Scheiben zersprangen und viele Dächer wurden abgedeckt. Als die Auerstedter am nächsten Tag die Absturzstelle aufsuchten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens.

Riesiges Trümmerfeld

Der explodierte Bomber hatte einen riesigen Krater in den Hang gerissen. Überall lagen große Steine und zerfetzte Trümmerteile des Bombers herum. Ein Anblick, den Werner Meiser bis heute nicht aus seinem Kopf bekommt, war der von abgerissenen Körperteilen der Besatzung inmitten des Trümmerfelds. Vor dem Dorf, in der Nähe einer Bahnstrecke fanden die Auerstedter neben einem Fallschirm einen weiteren toten Soldaten. Offensichtlich ein Besatzungsmitglied des Flugzeuges, dem es noch gelungen war, vor dem Aufschlag abzuspringen. Allerdings war das Flugzeug vermutlich schon zu tief, sodass sich sein Fallschirm nicht mehr entfalten konnte.

Wrackteil des bei Auerstedt abgestürzten Bombers NG177
Wrackteil des bei Auerstedt abgestürzten Bombers NG177 Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Den toten Soldaten bestatteten die Auerstedter auf ihrem Dorffriedhof. In eine Kiste mit ins Grab legten sie die an der Absturzstelle gefundenen Körperteile der anderen Besatzungsmitglieder. Noch heute finden sich an der Absturzstelle kleine Wrackteile, die René Schütz anhand der aufgeprägten Buchstaben und Nummern eindeutig einer bei Armstrong Withworth Aircraft in England gebauten Avro Lancaster Mk. I zuordnen konnte. Bei einer Bergung vor über 20 Jahren wurde auch einer der vier Motoren der Lancaster, ein Rolls-Royce Merlin, geborgen und im Schlossmuseum Auerstedt ausgestellt.

Die Wrackteile, die Zeugenaussagen und die Tatsache, dass von dem Einsatz am 14. März 1945 eben nur ein einziges Flugzeug, nämlich die NG177 bis heute als vermisst gilt, deuteten darauf hin, dass in dem Grab ein Mitglied dieser Besatzung liegen musste. Letzte Gewissheit konnte nur eine Graböffnung bringen, die René Schütz in Absprache mit der Gemeinde und dem in solchen Fällen zuständigen Deutschen Volksbund für Kriegsgräberfürsorge am 12. April 2021 organisiert hatte.

Ein Mann steht an einem Auto, in dessen Kofferraum zwei kleine Särge des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge stehen.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übernahm die geborgenen sterblichen Überreste der Bomberbesatzung und übergab sie seiner britischen Partnerorganisation. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Tatsächlich befand sich in dem Grab ein toter Soldat. Eine kleine Plakette, die René Schütz an einer kleinen Kette am Armgelenk des Toten fand, war eine kleine Erkennungsmarke die darauf hindeutete, dass es sich hier um einen Kanadier handelt. Kaum sichtbar waren drei Buchstaben darauf erkennbar: C.A.N. - die Bezeichnung für kanadische Militärangehörige. Am Fußende des Sarges gruben René Schütz und Umbetter Joachim Kozlowski tatsächlich die in der Dorfchronik erwähnte Kiste mit den Überresten der anderen Besatzungsmitglieder aus. Nicht nur Knochenreste fanden sich darin, sondern auch Glassplitter und kleine Blechteile, die eindeutig von einem Flugzeug stammten.

Das vollständige Skelett und die Knochenteile aus der Kiste übernahm der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und übergab sie zur weiteren Identifizierung seiner britischen Partnerorganisation, der Commonwealth War Graves Commission. Über Kontakte in Kanada und Großbritannien konnte Vermisstenforscher René Schütz die Nachkommen und Angehörigen der vermissten Besatzung ausfindig machen und sie darüber informieren, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die Absturzstelle der NG177 gefunden wurde.

Aufwendige Recherchen mit überraschendem Ergebnis

Die Besatzungsmitglieder der NG177, fünf Kanadier und zwei Engländer
Die Besatzungsmitglieder der NG177 Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Mittlerweile konnte eine kanadische Pathologin anhand des Zahnstatus des Toten beim Abgleich von vorliegenden Akten ausschließen, dass es sich um einen der fünf Kanadier handelt. Es muss also einer der beiden Engländer sein. Doch warum trug er eine kanadische Plakette? Normalerweise wurden die Erkennungsmarken um den Hals getragen, möglich - und das gab es tatsächlich-, dass die Besatzung die Plaketten vor dem Einsatz untereinander getauscht hat. Wer der Tote ist, kann also nur noch ein DNA-Test herausfinden. Über 75 Jahre nach Kriegsende könnte man damit den Angehörigen von sieben nicht zurückgekehrten Soldaten endlich Gewissheit geben.

Christine Hughes, die Nichte des Bordingenieurs Herbert Lomax
Christine Hughes, die Nichte des Bordingenieurs Herbert Cecil Lomax bei der Einweihung des Gedenksteins in Auerstedt am 6. August 2022. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Zur Einweihung des Gedenksteins am 6. August hat die Gemeinde Auerstedt alle noch lebenden Angehörigen der Besatzung eingeladen. Die Zeremonie wurde für die Angehörigen, die meist aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnten, per Livestream übertragen. Christine Hughes, die Nichte des englischen Bordingenieurs Sergeant Herbert Cecil Lomax, ist mit ihrem Mann aus Australien nach Auerstedt gekommen. Christine Hughes war damals 14 Monate alt, als sie ihren Onkel das letzte Mal sah. Sie erinnert sich noch an einen großen, gutaussehenden und lebenslustigen Mann. Mit ihrer Schwester ist sie immer in den Garten gerannt, wenn sie das Dröhnen einer vorbeifliegenden Lancaster hören konnten.

Christine Hughes mit einem Foto ihres gefallenen Onkels Herbert Cecil Lomax
Christine Hughes mit einem Foto ihres gefallenen Onkels Herbert Cecil Lomax Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Das Schicksal seines Bruders hat ihren Vater tief getroffen. Bis an sein Lebensende hat er gehofft, eine Nachricht über den Verbleib seines Bruders zu bekommen, sagt Christine Hughes. Stellvertretend für ihren Vater konnte sie jetzt endlich Abschied nehmen und ist René Schütz und seinem Team unglaublich dankbar, dass er das Schicksal ihres Onkels klären konnte.

In Auerstedt sagte sie MDR THÜRINGEN, die Gedenkfeier sei für sie sehr bewegend gewesen. Sie sei allen Deutschen sehr dankbar. Nach all dem, was England und Deutschland durchgemacht hätten, seien beide Länder wieder Freunde.

Cindy Ling, die Nichte des getöteten Bomberpiloten Frank Ling, konnte selbst nicht anreisen. In einer von ihr übersandten Rede ließ sie mitteilen, sie danke den Menschen in Auerstedt für ihre Güte und Liebe. Sie zeigten, dass es in dunklen Zeiten der Krise auch leuchtende Momente der Menschlichkeit gebe.

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. August 2022 | 19:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/43aa2833-10f4-4589-9d23-73987d81ed3d was not found on this server.

Mehr aus der Region Weimar - Apolda - Naumburg

Mehr aus Thüringen