Weimar Gedenken an sowjetisches Internierungslager in Buchenwald

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7.000 Menschen sind zwischen 1945 und 1950 im Speziallager Nr. 2 in Buchenwald bei Weimar gestorben und in Massengräbern verscharrt worden. Insgesamt waren mehr als 28.000 dort interniert, darunter 1.000 Frauen. Der größte Teil davon waren lokale NSDAP-Kader, Offiziere von Gestapo und SS, aber auch Jugendliche und Denunzierte. Für die Inhaftierten waren rechtsstaatliche Grundsätze allerdings außer Kraft gesetzt.

Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Bereits zum 30. Mal lud Heidrun Brauer mit der Initiativgruppe Buchenwald 1945-1950 zur Gedenkfeier ein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In dem sogenannten Speziallager Nr. 2 bei Weimar starben zwischen 1945 und 1950 über 7.000 Menschen an Hunger und Krankheiten. Rund 28.000 waren dort auf dem Ettersberg interniert, darunter hauptsächlich lokale NSDAP-Kader. Konkret waren im Speziallager Buchenwald mehr als die Hälfte der Häftlinge lokale NSDAP-Funktionäre. Meist Personen, die eine besondere Funktion innerhalb der Gesellschaft hatten - wie Lehrer, Bürgermeister, Block- und Zellenleiter. Dazu kamen Polizisten und Offiziere von Gestapo und SS. Aber auch Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren wurden in Buchenwald eingesperrt oder Menschen, die denunziert oder verwechselt wurden.

Gedenkkranz 2 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 18.09.2021 18:00Uhr 01:58 min

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Erinnerungen wach halten

Einer von ihnen ist Arno Kersten. Er war gerade 16 Jahre alt, als er verhaftet und ohne Urteil eingesperrt wurde. Er kam am Samstag zur Gedenkfeier nach Buchenwald, um seine Geschichte zu erzählen und der Toten zu gedenken. Er kam 1947 aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager nach Buchenwald. 1948 wurde er entlassen. Drei Jahre hatte seine Familie nicht gewusst, wo er ist. Seine kleine Schwester, die drei Tage nach seinem Abtransport geboren wurde, lernte er erst jetzt kennen.

Arno Kersten erzählt:

Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber. 3 min
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Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber. 1 min
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Arno Kerstan war gerade 16 Jahre alt, als er verhaftet wurde. 1947 kam er nach Buchenwald. Beim 30. Buchenwaldtreffen am Samstag am Gräberfeld auf dem Ettersberg teilte er seine Erinnerungen.

01:07 min

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Schweigen statt Erinnerungskultur

Bis 1989 wurde die Geschichte sowjetischer Speziallager in der DDR beschwiegen. Gleichzeitig existierte ein begrenztes privates Wissen, das jedoch nicht öffentlich zugänglich gemacht werden durfte. Auch in der Arbeit der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald spielte es keine Rolle. Publikationen der Gedenkstätte erwähnten das Speziallager lediglich als "Internierungslager für Nazifunktionäre". Auch die Gräber unweit des ehemaligen Lagergeländes wurden verschwiegen.

Umso wichtiger ist die Arbeit der Initiativgruppe Buchenwald 1945-1950 e.V. Bereits zum 30 Buchenwald-Treffen hatte sie in diesem Jahr eingeladen. Ihre Vorsitzende, Heidrun Brauer, sagte am Samstag: "Das Schweigen war für die Überlebenden eine schwere Belastung. Jetzt kann ich sagen, dass die ehemaligen Häftlinge und auch die Angehörigen im Laufe der Jahre ihren Frieden gemacht haben damit." Doch immer weniger Überlebende können zu den Treffen kommen.

Gedenken auf dem Ettersberg "Heute bedeckt ein wunderschöner Wald die Gräber"

Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
In diesem Jahr gab es das 30. Buchenwaldtreffen der Initiativgruppe Buchenwald 1945-50. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
In diesem Jahr gab es das 30. Buchenwaldtreffen der Initiativgruppe Buchenwald 1945-50. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Fünf Überlebende waren zur Gedenkfeier gekommen. Einer davon: Arno Kersten, hier mit seiner Frau. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Heidrun Brauer gehörte im März 1990 zu den Gründerinnen der Initiativgruppe Buchenwald 1945-1950. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Staatssekretärin Tina Beer im Gespräch mit Arno Kersten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner und Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine kritisierten in ihren Reden "haltlose Diktatur-Vergleiche" dieser Tage. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gedenkfeier zum Jahrestag der Errichtung des Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Der Trauerplatz mit einem großen Kreuz. Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Heidrun Brauer wünscht sich, dass die Gedenkstätte in Zukunft ihre Erinnerungs-Arbeit übernimmt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Niedergelegte Kränze vor Kreuz auf dem Trauerplatz
Der Trauerplatz befindet sich direkt am Gräberfeld des Speziallagers. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Metallstelen im Wald markieren die Massengräber.
Hier wurden die Massengräber entdeckt. Die Metall-Stelen markieren sie heute. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Blumen vor Kreuz auf dem Trauerplatz
Am Ende gab es noch einen ökumenischen Gottesdienst, um der Toten zu gedenken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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1950 wurde das Speziallager geschlossen. Die meisten Häftlinge, die Anfang 1950 noch in Buchenwald festgehalten wurden, erlangten nun, immer noch ohne jegliches Urteil, nach fünfjähriger Haft ihre Freiheit wieder. 2.500 Gefangene aber mussten den Weg nach Waldheim antreten, von wo sie nach ihrer Aburteilung in Schein- und Schnellprozessen auf DDR-Strafanstalten verteilt wurden.

Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora beschäftiget sich intensiv mit dem Thema. Neben einer Dauerausstellung gibt es immer wieder Publikationen, Vorträge und Präsentationen. Auch eine eigene Internet-Seite dazu hat die Stiftung erstellt.

Waldheimer Prozesse

Die Waldheimer Prozesse fanden im Zeitraum vom 21. April bis zum 29. Juni 1950 im Zuchthaus der sächsischen Kleinstadt Waldheim in der DDR statt. Mehrere Strafkammern des Landgerichts Chemnitz verhandelten dort gegen 3.442 von sowjetischen Behörden überstellte Personen, denen Kriegs- bzw. nationalsozialistische Verbrechen vorgeworfen wurden. 3.324 Angeklagte wurden verurteilt (72 Personen nicht verhandlungsfähig, 43 während der Prozesse gestorben), überwiegend (1901) zu Freiheitsstrafen von 15 bis 25 Jahren, 146 Personen zu lebenslänglich, nur 5 zu bis zu vier Jahren. In 1.327 Fällen waren behauptete Verbrechen gegen die Menschlichkeit Grund der Urteile. Obgleich viele der Angeklagten nachweislich schwer belastet waren, wurden die Waldheimer Prozesse aufgrund ihrer zweifelhaften Rechtsgrundlage zu einem Inbegriff mangelnder Rechtsstaatlichkeit.

Die Geschichte Buchenwalds

Im Nationalsozialismus war Buchenwald eines der größten Konzentrationslager. Fast 280.000 Menschen aus ganz Europa wurden vom Sommer 1937 bis zum Frühjahr 1945 dorthin verschleppt. Mehr als 56.000 Menschen wurden ermordet oder starben durch Zwangsarbeit, medizinische Experimente, Hunger und Krankheiten. Nach der Befreiung durch die Alliierten nutzten die sowjetischen Besatzungsbehörden das Gelände für das Speziallager. Im Februar 1950, vier Monate nach Gründung der DDR, wurde das Lager aufgelöst. Es bestand damit laut Gedenkstätte länger als die Internierungslager für Nazi-Kader der westlichen Alliierten.

Quelle: MDR THÜRINGEN, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 18. September 2021 | 18:00 Uhr

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