Der Redakteur | 07.10.2022 Dürfen Flugzeuge ihren Treibstoff über Erfurt und dem Umland ablassen?

Unser Hörer Uwe Lorenzen hat Militärmaschinen über Isseroda fliegen sehen, die Kerosin ablassen, bevor sie in Erfurt landen. Er sah die Streifen links und rechts an den Triebwerken. In seinem Garten fault Obst und Gemüse. Er hat zudem gehört, dass mit den Militärflugzeugen Flüchtlinge aus Afghanistan landeten, die dann nach Brandenburg weiterflogen. Er fragt sich, ob die Flugzuge die Treibstoffe ablassen dürfen und ob die Information über Flüchtlinge wahr ist.

Seit 2015 haben nicht nur bei MDR THÜRINGEN Fragen Hochkonjunktur, die mit Flüchtlingen einhergehen. Oft sind diese Fragen als Vorwürfe verkleidet und haben schon einige Runden in den sozialen Netzwerken gedreht, bevor sie in den Medienredaktionen landen. Am Ende mitunter recht aufwändiger Recherchen bleibt dann meistens nicht mehr viel übrig von der vermeintlichen Aufregung, weil viele Grundannahmen schon falsch sind. So ist es auch in diesem Fall.

Flughafen Erfurt beliebt als Übungsflughafen

Dass der Flughafen in Erfurt nicht zu den hochfrequentierten des Landes gehört, ist bekannt, auch in der Branche. Deswegen werden hier regelmäßig vorgeschriebene Anflugübungen durchgeführt, die von besorgten Anwohnern als fehlgeschlagene Landeversuche interpretiert werden. Wenn die farbige Lackierung fehlt, bekommt die Angelegenheit etwas mystisches.

In Kriegszeiten ist die Verbindung ins Militärische schnell gezogen, fertig ist eine Geschichte, die beim genauen Hinschauen vorn und hinten nicht zusammenpasst. In diesem Falle sind die "Militärflugzeuge" zivil und haben keinen Tropfen Kerosin über Isseroda ausgeschüttet. Aus vielerlei Gründen.

Die Flüchtlinge aus Afghanistan

Dass Deutschland eine Verantwortung denen gegenüber hat, die in Afghanistan für die Bundeswehr gearbeitet haben, ist bekannt. Dass der NATO-Einsatz kein Erfolg war, ebenso. Dass sich viele Ortskräfte im Stich gelassen fühlen, darüber wurde auch schon viel berichtet.

Zwei Maschinen mit solchen Ortskräften sind tatsächlich in Erfurt gelandet. Die Maschinen kamen aus Islamabad, der Flughafen Erfurt hatte die nötigen Kapazitäten, die Weiterreise der Menschen erfolgte mit Bussen. Die beiden Maschinen waren allerdings keine Militärmaschinen, das zuständige Bundesamt hatte vielmehr bei der Salam Air aus dem Oman die Flüge gechartert. Die Airline verfügt nach eigenen Angaben über ziemlich neue Airbus A320neo (sechs Stück) und zwei Airbus A321neo.

Ein Flugzeug auf dem Rollfeld des Erfurter Flughafens.
Das Flugzeug der Salam Air mit dem Angehörige der Bundeswehr aus Afghanistan nach Erfurt geflogen wurden hat keinen Treibstoff vor der Landung abgelassen. Bildrechte: MDR/Levin Schwarzkopf

Haben diese Flugzeuge Treibstoff abgelassen?

Nein. Alleine schon deshalb, weil sie es gar nicht können. Hier kommt wieder der Flugzeugtyp ins Spiel. Das Ablassen von Treibstoff, in Fachkreisen "Fuel Dumping" genannt, wird nämlich in der Regel nur dann durchgeführt, wenn ein Flugzeug zu schwer ist, um landen zu können. Das liegt daran, dass die Grenzen der Physik ein zulässiges Startgewicht und ein zulässiges Landegewicht vorgeben.

Flugzeug startet und fliegt über eine Wohnsiedlung. 9 min
Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media

Bei großen Flugzeugen, die weite Strecken zurücklegen (zum Beispiel Airbus A340, A380 oder Boeing B747, B767 und B777), ist diese Differenz sehr groß. Bei einer Boeing 747-8 zum Beispiel deutlich über 100 Tonnen.

Das hat auch mit der Entfernung zu tun, für die diese Langstreckenjets gebaut sind. Eine in Frankfurt gestartete Maschine mit Ziel Miami wird diese Differenz zwischen Start- und Landegewicht auf dem Weg nach Amerika in Form des Kerosins aufbrauchen und mit einem perfekten Landegewicht ankommen.

Flugzeuge mit Bundeswehr-Angehörigen haben kein Kerosin abgelassen

Problematisch wird es, wenn direkt nach dem Start, bei voller Beladung und vollem Tank ein Problem auftritt und die Maschine umgehend wieder runter muss. Das kann ein medizinischer Notfall an Bord sein oder ein technisches Problem. Bei den Flugzeugen der Salam Air, die ja in Verdacht geraten sind, bewegt sich die Differenz des zulässigen Gewichts bei Start bzw. Landung im einstelligen Bereich weniger Tonnen und wird quasi schon durch den sehr durstigen Start ausgeglichen. Ein Ablassen für den Fall einer direkten Landung nach dem Start ist also nicht erforderlich.

Mal abgesehen davon, dass Aus- und Anlass fehlen: Es macht bei den aktuellen Preisen auch wirtschaftlich keinen Sinn, nach einem Flug aus Islamabad und im Landeanflug auf Erfurt über Isseroda Kerosin abzulassen.

Das ist in den paar Flugstunden nicht schlecht geworden. Erfurts Flughafensprecher Hans Holm Bühl verweist in diesem Zusammenhang auf die Millioneninvestitionen der Airlines, spritsparende Flugzeuge zu fliegen, weil Kerosin einfach teuer ist. Da kippt niemand etwas sinnfrei in die Landschaft.

Im absoluten Notfall wird von dem Verfahren Gebrauch gemacht und ansonsten macht das keiner.

Hans Holm Bühl, Sprecher des Flughafens Erfurt-Weimar

Wie oft wird Kerosin abgelassen?

Selten, um nicht zu sagen sehr selten, sagt das Luftfahrtbundesamt und erklärt ausführlich, welche Regeln es dafür gibt. Bei Millionen von Starts haben diese Vorfälle einen Anteil im verschwindenden Promillebereich. Durchschnittlich um die 25 Fälle jährlich sind über Deutschland dokumentiert und das Dokumentieren ist auch vorgeschrieben und nachzulesen. Die aktuelle Übersicht des Luftfahrtbundesamtes, basierend auf den Daten der Deutschen Flugsicherung, reicht bis 2018 zurück.

Hier sind auch die drei Vorfälle der vergangenen vier Jahre über Thüringen verzeichnet. 2018 gab es zwei Ablässe über Ostthüringen/Westsachsen und den nächsten erst vor wenigen Tagen. Und zwar am Nachmittag des 3. Oktober 2022. Es ist laut Luftfahrtbundesamt die laufende Nr. 107 in Deutschland (seit 2018) durch Z (wie Zivilflugzeug) im Raum Mittelhessen - Mitte Thüringen in der Flughöhe FL140. Die Treibstoffmenge ist unbekannt und als Grund wurde ein technisches Problem angeführt. FL140 entspricht einer Höhenmesseranzeige von 14.000 Fuß - umgerechnet sind das 4.267 Meter.

Kerosin ablassen nur im Notfall

Tiefer gehende Recherchen führen zu einem A340-300 der Lufthansa, DLH478, Abflug 14:36 Uhr MESZ, der am Tag der Deutschen Einheit von Frankfurt nach Montreal fliegen sollte und im Luftraum des Bereichs Bad Hersfeld, Erfurt, Fulda, Gießen zwischen 15:00 und 15:38 Uhr Kerosin ablassen musste.

Das Gebiet nebst Flughöhe wurde - wie in diesen Fällen üblich - in Absprache mit der Deutschen Flugsicherung ausgewählt. Dass die genaue Menge hier nicht dokumentiert ist, das ist kein Grund zur Aufregung, sagt die Pressestelle der Deutschen Flugsicherung. Denn laut den internationalen Regeln muss diese nicht zwingend angegeben werden.

Redakteur Flugstrecke
Flugstrecke der Lufthansa, DLH478, am Tag der Deutschen Einheit von Frankfurt nach Montreal, die auf den Seiten der Deutschen Flugsicherung zu sehen ist. Bildrechte: MDR/Thomas Becker

Oft ist im Cockpit schlicht keine Zeit für diese Dokumentationen - wir sind immer noch bei einem Notfall - und eine gewisse Obergrenze ist durch die Tankkapazitäten eines Flugzeugs ohnehin gegeben. Und damit keine Irrtümer aufkommen: Die 14 Tage rückwirkend nachvollziehbaren Flugrouten auf den Seiten der Deutschen Flugsicherung zeigen deutlich, dass der Airbus nicht einmal Eisenach passiert hat, geschweige denn Erfurt oder gar Isseroda.

Wie gefährlich ist das Ablassen eigentlich?

Dass Tonnen von abgelassenem Kerosin kein Segen sind für Luft und Landschaft, das versteht sich von selbst. Weil die Vorfälle aber eben so extrem selten sind, gibt es auch keine Untersuchungen, die direkte Auswirkungen auf Natur und Gesundheit genau erforscht hätten.

Gleichwohl weiß man aber, wie sich die Mengen nach den Regeln der Physik verteilen und wieviel letztlich unten am Boden ankommt. Das meiste verdunstet oben und schnell bzw. wird durch die Strahlungsenergie der Sonne in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt. Und trotzdem: Direkt durch die frische Kerosinwolke zu fliegen, ist nicht die beste Idee. Es kreist deshalb auch niemand beim Ablassen.

Grenzwerte für Kerosin in der Luft

Angesichts fehlender Vergleichswerte nach dem Motto: "Wie viel Kerosin in der Luft ist nicht mehr tolerierbar?", bezieht sich das Umweltbundesamt in seiner Bewertung solcher Ablässe auf die Konzentration vergleichbarer Schadstoffe in der Raumluft an Arbeitsplätzen. Dafür gibt es nämlich Grenzwerte. Und das, was theoretisch nach einem Ablass unten ankommen könnte, liegt von der Konzentration her deutlich unter dem, was deutschen Arbeitnehmern in den Werkhallen der Nation zugemutet wird.

Der Hinweis auf diese Grenzwerte ist wichtig, um die Größenordnungen zu verstehen. Das Umweltbundesamt betont, dass diese Arbeitsplatzgrenzwerte für achtstündige Belastungen an fünf Wochentagen während der Lebensarbeitszeit ausgelegt sind, während die Luftbelastung beim Ablassen des Kraftstoffes nur für kurze Zeit andauert und ein vermutlich einmaliges Ereignis darstellt. Und die Belastungen durch Ablässe liegen darunter.

Die Auswirkungen von TSA (Treibstoffschnellablass) auf die menschliche Gesundheit vom UBA nach derzeitigem Kenntnisstand als unkritisch bewertet.

Umweltbundesamt

Luftverwirbelungen kein Beweis für Treibstoffablassen

Und das, was von unkundigen Beobachtern bei Flugzeugen im Landeanflug gern für das Ablassen von Kerosin gehalten wird, sind Luftverwirbelungen, die die unterschiedlichen Druckverhältnisse oberhalb und unterhalb der Tragflächen ausgleichen.

Je nach Wetterlage und Luftfeuchtigkeit sind diese sichtbar oder nicht. Also auch dieser immer gern angeführte doch so sichtbare "Beweis" für die Ablassthese ist keiner. Es ist ein Irrtum wie der Rest der Geschichte auch. Isseroda ist kerosinfrei.

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MDR (mw/jw)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Oktober 2022 | 16:40 Uhr

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