Apolda Treuhandtechno - Wenn Generationen einander begegnen

Apoldas Glockenstadtmuseum ist um eine Installation reicher. Im Erdgeschoss wird eine Video- und Soundinstallation des Künstlerkollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen" gezeigt. Es geht um den Untergang der Apoldaer Textilindustrie und die Tanz- und Technokultur in der Stadt. Auf den zweiten Blick hängt beides eng zusammen.

Anna Stiede, Mitglied des Künstlerkollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen" und Susann Neuenfeldt, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Projektes Treuhandtechno in Apolda mit ihrer Installation.
Anna Stiede, Mitglied des Künstlerkollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen" und Susann Neuenfeldt, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Projektes Treuhandtechno in Apolda mit ihrer Installation. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Postsozialismus, Restzustände der DDR: Themen, denen sich die Berliner Künstler des Kollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen" verschrieben haben. Leipzig, Görlitz, Jena - überall lassen sich Geschichten finden, auch in Apolda. Hier liegen sie sogar auf der Straße. Die tiefen Wunden, die das Ende der DDR gerissen hat, sind offensichtlich.

Plötzliches Ende einer langen Tradition

Einst eine Hochburg der Strick- und Textilindustrie mit 6.000 Beschäftigten, wurde diese Monokultur innerhalb weniger Monate zerschlagen. Die Treuhand fiel ein und wickelte ab. Werkstätten und Strickereien mussten schließen, die Maschinen wurden verschrottet oder verkauft. Viele Menschen landeten auf der Straße. Am 30. Juni 1990 war das Meiste verkauft. Viele der einst so herrschaftlichen Fabrikgebäude standen leer. Einige tun es bis heute. Die Geschichte der Apoldaer Textilindustrie wird im Glockenstadtmuseum in der Bahnhofstraße erzählt. Dort werden alte Strick- und Wirkmaschinen gezeigt. Es sind Musterbücher anzuschauen und nun eben auch eine Videoinstallation.

Kunstinstallation "Treuhandtechno" im GlockenStadtmuseum in Apolda
Tradition begegnet Moderne: Eine alte Strickmaschine zusammen mit der Video- und Soundinstallation. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Künstleresidenz im Eiermannbau

Entstanden ist das Video vor einigen Monaten im Eiermannbau. Das Künstlerkollektiv hatte sich eine Zeitlang in Apolda niedergelassen und recherchiert. Die Künstler führten Zeitzeugeninterviews, ließen sich durch die entlegensten Gassen der Stadt führen und lasen in Akten. Selbst Performerin Anna Stiede, die in Apolda zur Schule ging, war überrascht. "Apolda war 1990 einer der angesagtesten Orte der Technokultur. Die leer stehenden Fabriken wurden als Dancefloors genutzt. Auch Marusha legte hier auf!"

Apolda war 1990 einer der angesagtesten Orte der Technokultur. Die leer stehenden Fabriken wurden als Dancefloors genutzt. Auch Marusha legte hier auf!

Anna Stiede, Künstlerin

Nach der Textilindustrie zog der Techno in die Fabriken

Das Künstlerkollektiv hat sie gefunden: Die Verbindung zwischen der Treuhand und dem Techno der 1990er Jahre. Der Name des Projekts "Treuhandtechno" wurde Programm. Immer mehr Material tauchte auf: alte Videos, Tonaufnahmen und Fotos. Heute nun bringen die Künstler die beiden Generationen zusammen. "Die, die von jetzt auf gleich ihre Arbeitsplätze verloren haben und die Generation, die in den leer stehenden Fabriken tanzen ging. Die tanzten quasi auf den Ruinen von Arbeitsbiografien", so Susann Neuenfeldt, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Projektes.

Die Generationen wurden zusammen geführt. "Dabei ist Unglaubliches entstanden", so Anna Stiede. Beeindruckt hat sie der ehemalige Stricker Helmut Stock. Aus seinem Keller hat er eine verstaubte Strickmaschine geholt und sie wieder zum Leben erweckt. Zu Technomusik hat er seine Maschine  "spielen lassen". Er hat gestrickt, die anderen haben getanzt. In den Aufnahmen klingt die Strickmaschine wie ein gewolltes Instrument. Zu sehen ist das Ganze ebenfalls in der neuen Videoinstallation.

Kunstinstallation "Treuhandtechno" im GlockenStadtmuseum in Apolda. Nahaufnahme mit zwei alten Garnspulen
Der ehemalige Textilarbeiter Helmut Stock steuerte die alte Strickmaschine bei. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte

Für die Künstler ist ein wichtiges Arbeitsziel erreicht. "Es ist so hilfreich für die Stadt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. So vieles liegt noch im Nebel. Da brauchte es einen anderen Zugang als Text. Wir haben ihn über die Musik geschaffen", so Stiede. Wunden heilen wollen die Künstler nicht. Das ist nicht der Anspruch. "Wir sind keine Heilerinnen", sagt Susann Neuenfeldt. "Wir arbeiten auch nicht auf oder erklären. Wir wollen nur einen Ansatz schaffen, damit sich Menschen begegnen können. Wir zeigen und schaffen Bilder und Gefühlsräume für die Verlustgeschichte in Apolda, aber auch die Techno-Erfolgsgeschichte in der Stadt."

Aufgabe der Besucher ist es nun dort anzudocken. Wie und in welcher Form bleibt den Betrachtern selbst überlassen. Die Videoinstallation ist ein Anstoß und vielleicht eine Möglichkeit für Generationen, ins Gespräch zu kommen. Ob nun mit Techno-Musik oder ohne. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 17. Oktober 2021 | 13:00 Uhr

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