Was denken Schüler? Corona-Regeln in der Schule: "Maske und Lüften sind doch voll okay"

Das Bildungsministerium beschließt dies, die Lehrer- und Elternverbände fordern das. Wenn es um Schulen in der Corona-Krise geht, finden viel zu oft nur die Erwachsenen Gehör. Um das zu ändern, hat Reporter Andreas Kehrer neun Schülerinnen und Schüler der Aktiv-Schule Erfurt zum Interview getroffen.

Der Schulhof der Aktiv-Schule Erfurt. An der Häuserfassade ein großes Graffiti von Maria Montessori.
Der Schulhof der Aktiv-Schule in Erfurt. Die Schule folgt dem Lehrkonzept von Maria Montessori, die als großes Graffiti an der Häuserfassade über den Schulhof wacht. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Am Freitag nach der Zeugnisausgabe werden die meisten Schülerinnen und Schüler der Aktiv-Schule Erfurt wohl erstmal tief durchatmen. Vor ihnen liegen dann die Winterferien - eine große "Maskenpause". So nennen die Schüler und Schülerinnen nämlich die kurzen Extrapausen am Schultag, wenn sie die Fenster öffnen und die Maske abnehmen dürfen. "Davon wünsche ich mir ein paar mehr. Denn das ist schon nervig mit der Maske", erzählt Matti aus der vierten Klasse.

Halbjahreszeugnisse in Thüringen - weitere Corona-Tests geplant

In Thüringen gibt es für die rund 250.000 Schülerinnen und Schüler am Freitag Halbjahreszeugnisse. Damit geht ein weiteres von Corona geprägtes Schulhalbjahr zu Ende. Zuletzt stiegen die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen wieder. Deswegen wird nach den Winterferien an den Schulen weiter getestet. Kinder ab 12 Jahren sollen dann mit einem Nasenabstrich getestet werden. Der gilt als zuverlässiger und ist günstiger. Trotz steigender Inzidenzen hofft Bildungsminister Helmut Holter (Linke) im März weiter zur Normalität zurückkehren zu können.

Hinter Matti und den insgesamt 474 Schülerinnen und Schülern der Gemeinschaftsschule nach Montessori-Vorbild liegt ein weiteres Corona-Halbjahr mit Masken- und Abstandsgebot, Lüften im Unterricht und mit zwei wöchentlichen Tests - immer am Montag und Donnerstag in der ersten Schulstunde. Welche Tests gemacht werden, hängt von den Lieferungen ab. Spuck- und Stäbchen-Tests hatte die Schule schon, aber auch Lolli-Tests, die zwar lecker klingen, aber auch etwas unangenehm sind. "Das tut manchmal etwas weh, weil man die unter die Zunge legen muss", erklärt Mattis Freund Malte aus der Fünften. Matti, Malte und sieben weiteren Schülerinnen und Schüler der Aktiv-Schule haben mir für diesen Artikel etwa zehnminütige Interviews gegeben - unaufgeregt, furchtlos und nach meinem Eindruck mit einer großen Freude.

Malte aus der fünften (li.) und Matti aus der vierten Klasse.
"Bei den Schülern halten sich nur etwa 25 Prozent an die Regeln. Viele tun öfter mal die Maske ab", sagt Malte (li.). "Ich hab auch Verständnis dafür", meint Matti. "Die Maske nervt schon mal." Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Große Aufregung: Der MDR kommt

Das betone ich hier, weil sich natürlich doch die Erwachsenen einmischen wollten. Als Max Thome, der Lehrer, der die Interviews betreut und organisiert hat, am Montag eine Mail herumschickte und die Eltern über die Interviewanfrage informierte, versetzte das einige Eltern und Lehrkräfte in helle Aufregung. Thome wurde davon etwas überrumpelt, sagt er. 29 Mails von Eltern habe er bekommen, in denen diese den Interviews widersprachen - einige ziemlich heftig. In einigen wenigen Fällen war von "Corona-Regime" zu lesen.

Alina aus der elften Klasse zusammen mit Lehrer Max Thome.
"Mittlerweile informiere ich mich nicht mehr über Corona. Es gibt so viele Varianten und Meinungen dazu. Ich halte mich an die Maßnahmen, bin doppelt geimpft und geboostert", erzählt Alina. Hier im Bild mit Lehrer Max Thome. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Auch Lehrkräfte riefen im Sekretariat und bei Thome an. Eine Frage des Interviews störte sie besonders: "Wie gut sind eure Lehrer selbst beim Einhalten der Corona-Regeln?" Wolle der MDR etwa berichten, wenn ich meine Maske unter der Nase trage, fragte eine Kollegin Thome. "Tust du's denn?", witzelte Thome zurück.

Seiner Meinung nach spiegeln die Reaktionen die Meinungsvielfalt beim Thema Corona im Kollegium und unter den Eltern wider. Thome: "Ich habe auch Mails bekommen, in denen Eltern sich sehr gefreut haben, dass ihre Kinder diese Möglichkeit bekommen."

Wie wurden die interviewten Schülerinnen und Schüler ausgewählt?

Die Kinder und Jugendlichen für die Interviews wurden in Abstimmung mit Lehrer Max Thome ausgewählt. Die Teilnahme war freiwillig, sofern die Eltern dem Interview nicht widersprochen haben. Die Schülerinnen und Schüler durften das Interview zu zweit, im Beisein eines Lehrers oder allein bestreiten. Die Fragen haben sie vor dem Interview bekommen, um sich vorbereiten zu können. Es gab seitens des MDR Vorgaben bezüglich einer möglichst paritätischen Alters- und Geschlechterverteilung. Außerdem sollte die Schule bei der Auswahl schulische Leistungen unberücksichtigt lassen.

Corona-Regeln insgesamt gut akzeptiert

Frieda (li.) und Alma aus der vierten Klasse.
"Wir reden eigentlich gar nicht über Corona. Wenn Pause ist, will man da auch gar nicht drüber sprechen, denn da kann man ja spielen", sagt Alma (re.). Schon seit dem Kindergarten ist sie mit Frieda befreundet. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Die Corona-Aufregung mancher Erwachsenen teilen die Schülerinnen und Schüler nicht, die ich interviewen durfte,. "Maske und Lüften ist doch voll okay", sagt Mathilda aus der zweiten Klasse, als wäre es das Normalste der Welt, dass ihr dabei unter der Maske die Brille beschlägt. Tatsächlich hat Mathilda die Schule bisher noch nie ohne Corona erlebt und kennt es einfach nicht anders.

Auch Alma und Frieda aus der Vierten haben kein Problem mit den Regeln. Hauptsache wieder in der Schule sein und mit den Freunden spielen, sind sie sich einig. Frieda war sogar schon mal in Quarantäne: "Das war blöd!", erzählt sie. "Drei Wochen war ich da Zuhause. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich wieder in die Schule gehen durfte."

Ich sag dann meistens, 'Jo, du hast deine Maske vergessen', oder tippe mir an die Maske, damit der das checkt.

Leevi

Aus den Interviews bekomme ich den Eindruck, dass die Corona-Regeln gut akzeptiert werden, weil sie die meisten auch für notwendig halten. Doch Probleme entstehen dadurch trotzdem. Das Lüften sorge oft für Unruhe in der Klasse, sagt zum Beispiel der 17-jährige Pepe aus der Oberstufe. Auch die bei allen Schülerinnen und Schülern unbeliebte Maske wird - ab und an - zum Frustventil. Richtig Streit gebe es deswegen aber nur selten, meint Leevi aus der Achten: "Oft haben die, die sie mit Absicht mal absetzen, einfach nur einen schlechten Tag und müssen das irgendwie rauslassen. Ich sag' dann meistens: 'Jo, du hast deine Maske vergessen', oder tippe mir an die Maske, damit der das checkt."

Levi aus der achten Klasse.
"Ich selbst hole mir meine Informationen über Youtube und Wikipedia. Wenn ich da was gefunden habe, dann google ich dazu nochmal und schau, ob das Thema auch woanders bestätigt wird", erzählt Leevi, dem es wichtig ist, die Fakten zu kennen. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Corona setzt Schüler und Lehrer unter Stress

Eine weitere Beobachtung, die ich mache, ist, dass Schülerinnen und Schüler öfter über Corona reden und nachdenken, je älter sie sind. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass es vor allem die Oberstufenschüler sind, die sich durch Corona gestresst fühlen. "Nach den Lockdowns musste man viel nacharbeiten und durch das Homeschooling ist man eher fauler geworden", sagt die 18-jährige Alina, die im nächsten Jahr ihr Abitur ablegen möchte.

Dadurch, dass es keine Grenze mehr gab zwischen Zuhause und Schule, habe ich oft bis 1 Uhr nachts Schulaufgaben gemacht.

Pepe

Bei Pepe war das mit dem Homeschooling zunächst anders. "Dadurch, dass es keine Grenze mehr gab zwischen Zuhause und Schule, habe ich oft bis 1 Uhr nachts Schulaufgaben gemacht", erzählt er. Um ihn vor Überarbeitung zu schützen, habe seine Mutter ihn dann zwei Wochen aus der Schule genommen. Aufgrund dieser Erfahrung kann er inzwischen nur noch schlecht von Zuhause arbeiten und ist deshalb froh, dass es im vergangenen halben Jahr so viel Präsenzunterricht gab.

Pepe aus der elften Klasse.
"Was mir bei dem ganzen Thema auf dem Herzen liegt, ist, dass wir als junge Menschen übersehen werden oder zumindest übersehen worden sind. In meinem Alter will man viel ausprobieren und rausgehen, das fiel aber weg", sagt Pepe, dem Corona etwas zu schaffen gemacht hat. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Trotzdem hat sich das digitale Arbeiten an der Schule verstetigt und wird jetzt oft unterrichtsbegleitend genutzt. Dabei setzt die Aktiv-Schule nicht auf die Schulplattform des Landes, sondern auf "BigBlueButton" für Videokonferenzen und "Moodle" als Lernplattform. "Damit haben wir gute Erfahrungen von Anfang an gemacht. Beides läuft stabil und zuverlässig und die Daten bleiben auf schuleigenen Servern", erklärt Max Thome, der auch der IT-Verantwortliche der Schule ist.

Corona hat Klassenverbände und Freundschaften gestärkt

Natürlich haben Lockdown und Homeschooling auch große Auswirkungen auf das Sozialleben der Schülerinnen und Schüler gehabt. Da fühlte man sich schon mal sehr einsam, meint Pepe. Andererseits - und da sind sich alle einig - habe Corona auch dazu geführt, dass der Klassenzusammenhalt größer wurde. "Wir haben uns eigentlich noch besser kennengelernt", sagt zum Beispiel Lena aus der sechsten Klasse.

Lena aus der sechsten Klasse.
"Ich finds blöd, wenn manche die Maske nicht tragen. Weil wir wollen uns ja alle gegenseitig schützen. Und der, der das nicht macht, will uns ja dann nicht schützen“, sagt Lena, deren Klassenlehrer Herr Thome ist. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Durch die kleinen Lerngruppen seien viele Freundschaften enger und vertrauter geworden - ganz unabhängig davon, wer wie über Corona denkt: "Ein guter Kumpel von mir hat eine völlig andere Meinung zu Corona als ich, aber wir sind trotzdem beste Freunde und chillen zusammen", erzählt Leevi. Darüber hinaus sind auch neue Bekanntschaften außerhalb der Schule entstanden, erzählen auch Matti und Malte. Zum Spielen haben sie sich im Lockdown mit den Kindern aus der Nachbarschaft getroffen und neue Freundschaften geknüpft.

Schüler wünschen sich Lockerungen, und "dass Corona nicht schlimmer wird"

Mathilda aus der zweiten Klasse.
"Also mir fällt es durch Corona ein klein bisschen schwerer, aber ich komm noch gut rein", sagt Mathilda. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Die Wünsche der Schülerinnen und Schüler für das kommende Jahr sind recht verschieden. Natürlich würden sie alle gern die Masken ablegen und sich über Lockerungen freuen. Doch die Gründe dafür sind sehr verschieden. "Es wäre schön, wenn es irgendwann mal vorbei wäre. Zumal ich jetzt 18 bin und gerne viel erleben und mit meinen Freunden feiern möchte", sagt Alina. Das sieht auch Pepe so, der sich gerade zum Anfang der Pandemie als Jugendlicher vergessen fühlte.

Es wäre schön, wenn es irgendwann mal vorbei wäre. Zumal ich jetzt 18 bin und gerne viel erleben und mit meinen Freunden feiern möchte.

Alina

Alma, Frieda und Malte wünschen sich, dass die Schule nicht nochmal geschlossen wird und wären sicher auch mit mehr Maskenpausen zufrieden, wie es Matti vorgeschlagen hat. "Manchmal kriege ich es nicht mit, dass Maskenpause ist, und das ärgert mich dann", sagt Frieda. Mathilda wünscht sich einfach, dass alle gesund bleiben und nicht mehr so oft krank sind. Lena hingegen hofft, "dass Corona nicht schlimmer wird und unsere Lesenacht und unsere Exkursionen stattfinden können. Und dass wir kein Homeschooling mehr haben, das gefällt mir nicht so gut."

Leevi ist recht genügsam: "Ich wäre okay damit, wenn es noch strengere Regeln gäbe und ich wäre okay damit, wenn die Regeln gelockert werden. Ich erwarte nichts", sagt er, um dann noch hinzuzufügen: "Informiert euch Leute! Das ist sehr wichtig." Derjenige mit den geringsten Wünschen ist aber wohl Matti: Ein paar Maskenpausen mehr und wenn Bayern München dann noch Meister wird, dann ist er glücklich. Na dann, Herr Lewandowski, strengen Sie sich an!

Gruppenbild: Schüler und Schülerinnen vor der Aktiv-Schule Erfurt
Die Schülerinnen und Schüler der Aktiv-Schule Erfurt zusammen mit Lehrer Max Thome und Schulleiterin Christine Töpfer. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Epilog: Wie gut halten sich denn nun die Lehrer an die Corona-Regeln?

Wenn die Schülerinnen und Schüler der Aktiv-Schule ihren Lehrerinnen und Lehrern Noten fürs Einhalten der Corona-Regeln geben dürften, dann wäre von 3+ bis 1+ mit Sternchen alles dabei. "Auf jeden Fall halten sie sich viel besser an die Regeln als wir Schüler", sagt Malte und Alina stimmt zu: "Vor allem seit Omikron achten unsere Lehrer sehr darauf - bei sich selbst und auch bei uns. Das machen sie sehr gut."

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Der Bedarf an Nachhilfe für Schüler sei in der Coronapandemie "extrem hoch", sagt Cornelia Sussieck vom Bundesverband der Nachhilfeschulen, VNN. Hier gibt's ein Videointerview mit der Expertin.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 08.01.2022 06:00Uhr 01:28 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/video-corona-podcast-interview-nachhilfe-boom-sussieck-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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