Bike-Fitting Radfahren ohne Schmerzen: Erfurter trimmt Fahrräder auf Gesundheit

Mit dem einsetzenden Frühjahr holen viele Menschen ihr Fahrrad aus dem Keller, um es für die warme Jahreszeit flottzumachen. Ob für den täglichen Weg zur Arbeit, gelegentliche Ausflüge ins Grüne oder der Gesundheit zuliebe - der Drahtesel ist und bleibt für viele Thüringer unverzichtbar. Doch wer viel Rad fährt, kann auch viel falsch machen. Gelenk- und Rückenschmerzen sind dann oft die Folge. Ein Besuch beim "Bike-Fitting"-Experten Sebastian Risse in Erfurt. 

Ladeninhaber Sebastian Risse 29 min
Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer
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Sebastian Risse ist einer der wenigen Bikefitting-Experten in Thüringen. In seinem Laden berät er Fahrradliebhaber, die ihren Dratesel gesundheitsgerecht und ergonomisch tunen wollen.

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In dem Laden von Sebastian Risse riecht es nach Kautschuk, Kunststoff und Karton. Es ist der unverwechselbare Geruch von Neuware und von frischen Gummireifen, die dutzendweise an den Wänden hängen. Sebastian Risse ist Inhaber eines kleinen Fahrradladens in der Erfurter Innenstadt.

Der Laden ist so unauffällig und versteckt gelegen, dass er von der Straße aus kaum zu entdecken ist. Keine großen Schaufenster, keine Reklametafeln - nur ein Klingelschild und ein paar Fenstersticker auf denen "Radgeber" steht. Mehr Außenwerbung braucht Risse nicht, denn die Menschen finden seinen Laden von allein.

Stundenlanges Radfahren ohne Schmerzen

Risse hat sich auf das sogenannte Bike-Fitting spezialisiert. Der 39-Jährige ist damit einer von nur drei Experten in Thüringen, die Fahrradfahrern helfen, wenn es irgendwo weh tut. Denn Radfahren ist Sport im Sitzen und sowohl bei sportlicher Belastung als auch beim Sitzen kann unter ergonomischen Gesichtspunkten jede Menge schiefgehen. Wer täglich zehn Kilometer Rad fährt, es aber in der falschen Haltung tut, wird das bald in den Gelenken, im Nacken oder Rücken zu spüren bekommen. Um dem Orthopäden vorzubeugen, können Radler ihr Fahrrad zum Bike-Fitting bringen.

Blick in den Fahrradladen. Dutzende Fahrräder stehen herum, an den Wänden hängen Reifen.
Ein Blick in den Fahrradladen von Sebastian Risse. Hier riecht es nach frischen Gummireifen und neuen Fahrrädern. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Das Wort "Bike-Fitting" stammt aus den USA und wird in Ermangelung eines passenden deutschen Begriffs auch hierzulande verwendet. Es bezeichnet die Anpassung des Fahrrads an die individuelle Person. "Jeder weiß, wir haben drei Kontaktpunkte beim Radfahren: die Pedale, den Sattel und den Lenker" erklärt Risse, "und diese drei sollten so optimal aufeinander eingestellt sein, dass wir stundenlang ohne Schmerzen fahren können."

Die Wissenschaft von Pedalen, Sattel und Lenker

Um dieses Ziel zu erreichen, kommen Kunden zu Risse in die Fahrrad-Beratung. Viele bringen ihren geliebten Drahtesel gleich mit, um ihn zu optimieren, oder sie suchen ein neues Fahrrad, das es wert ist, geliebt zu werden. Ganz gleich ob alt oder neu, die Fahrrad-Beratung bei Risse fängt immer mit der Vermessung der Innenbeine an.

Ein Mann sitzt auf dem Fahrrad. Ein Laser vermisst dabei sein Innenbein.
Die perfekte Sitzposition auf dem Fahrrad ist eine Frage der richtigen Einstellungen. Dafür sind Messwerte wichtig. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Nach wissenschaftlichen Methoden errechnet er die richtige Kurbellänge. Denn das ist ein häufiger Fehler: Nicht der Sattel sollte bestimmen, ob der Fuß den Boden erreicht, sondern die Höhe der Pedale. Wer also seinen Sattel herunterstellt, damit er an der Ampel den Fuß abstellen kann, macht schon etwas falsch. Jede Bike-Fitting-Beratung beginnt deshalb mit der Einstellung des Pedals und der Kurbellänge. "Die Pedale sind der einzige der drei Kontaktpunkte, der fixiert ist. Sattel und Lenker sind variabel. Also fangen wir unten an", sagt Risse.

Eine Hand hält einen Fahrradsattel. Eine andere Hand deutet auf die Sitzfläche.
Viele Radler haben Schmerzen auf längeren Strecken, weil sie zu weit vorne auf dem Sattel sitzen. Hinten sitzen ist richtig. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Danach geht es weiter zum Sattel. Ein weiterer neuralgischer Punkt. "Wahrscheinlich 70 Prozent der Kunden, die zu uns kommen, sitzen falsch - in der Sattelmitte. Doch der Grundgedanke ist, so weit wie möglich hinten auf dem Sattel zu sitzen, wo am meisten Fläche ist", doziert Risse, der gut und gern auch als Professor der Fahrradwissenschaften durchgehen könnte. "Hier zum Beispiel", sagt er und klappt den Laptop auf. Der Bildschirm zeigt die Mess-Ergebnisse eines Kunden. Sie erinnern an die Bilder aus dem Kernspintomografen, nur, dass sie keine Gehirne mit gelben und roten Flecken zeigen, sondern Fahrradsattel. Tatsächlich ermittelt Risse auf diese Weise Druckpunkte und findet dadurch den richtigen Sattel für jeden Allerwertesten.

Immer wieder klagen Fahrradfahrer auch über Schmerzen in den Handgelenken. Dafür ist meist der dritte Kontaktpunkt ursächlich: der Lenker. Die Breite und Krümmung des Lenkers sei entscheidender als die Länge der Arme, sagt Risse. Viele Stadträder hätten eine zu starke Krümmung im Lenker, während die Lenker von Mountainbikes in der Regel zu gerade sind. Dadurch quetschen sich viele den Karpaltunnel im Handgelenk. Schmerzen oder Taubheit seien oft die Folge, sagt Risse.

Druckpunktmessung bei Fahrradsatteln mittels Computer-Software
Beim Bike-Fitting werden Mensch und Fahrrad vermessen, um die optimale Sitzposition zu finden. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Der Rahmen macht das Fahrrad

Doch alle Pedale, Sattel und Lenker dieser Welt bringen nichts, wenn das Fahrrad ein grundlegendes Problem hat: den Rahmen. Denn oft passe der Fahrradrahmen einfach nicht zum Fahrer oder zur Fahrerin. So seien Damenräder in der Regel etwa fünf bis zehn Zentimeter zu kurz, sagt Risse. Dann werde es schwierig, ein altes Rad unter gesundheitlichen Aspekten zu "tunen". Bei Neukäufen bietet Risse deshalb auch an, die Rahmen individuell fertigen zu lassen.

Fast aussichtslos ist es hingegen bei alten BMX- oder Klapprädern, die von ihrer Beschaffenheit her den ergonomischen Prinzipien kaum gerecht werden können. Eine andere Sache sind wiederum Kinderfahrräder, deren Besitzer noch wachsen. Auch für sie bietet Risse Bike-Fittings an, die auf Räder ausgelegt sind, die ein Stück weit mitwachsen können. "Hier gibt es aber Grenzen und deswegen bin ich so ehrlich und rate allen Eltern dazu, gebrauchte Fahrräder zu kaufen. Das ist nachhaltiger und besser fürs Portemonnaie."

Ladeninhaber Sebastian Risse
Schon als kleiner Junge hat Risse an Fahrrädern geschraubt. 2018 eröffnete er seinen Laden in Erfurt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Alles begann mit einem Kinderfahrrad

Ob seine Liebe zum Rad auch mit einem Kinderfahrrad begonnen habe? "Jooaaahhh", schwärmt Risse und bekommt große Augen. "Das war damals ein Rad aus dem Quelle-Versand in den Neunzigern. Damals hat das alles angefangen."

Er klingt plötzlich nicht mehr wie der Fahrrad-Professor, sondern wie ein kleiner Junge. Schon in seiner Jugend habe er an Rädern gebastelt und seine Leidenschaft dann später parallel zum Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zur Geschäftsidee entwickelt. Eine Fortbildung bei dem Sportwissenschafter Holger Röthig in Essen habe ihn dann zum Bike-Fitting gebracht. Als er 2018 seinen eigenen Fahrradladen eröffnete, ging ein lang gehegter Traum in Erfüllung.

Große Nachfrage, aber geringes Angebot in Thüringen

Mit der ergonomischen Fahrrad-Beratung hat Risse eine Nische besetzt, die stetig wächst. Auch der E-Bike-Hype macht sich hier bemerkbar. Denn mit den Elektrofahrrädern entdecken oft auch ältere Menschen ihre Liebe zum Zweirad wieder. Eine Zielgruppe, die wie gemacht ist für das auf Gesundheitsfragen spezialisierte Bike-Fitting.

Ein Fahrrad ohne Hinterrad in der Werkstatt. Im Hintergrund ein Mechaniker.
An Fahrrädern geschraubt wird im "Radgeber"-Laden von Sebastian Risse auch, aber hauptsächlich geht es hier ums Bike-Fitting - dem Gesundheits-Tuning für Fahrräder. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Die Corona-Pandemie hätte ihr Übriges dazu beigetragen, dass der Laden brummt, erzählt Risse. Die Kunden hätten in den Frühlingsmonaten Schlange gestanden. "Da habe ich teilweise 70 oder 80 Stunden pro Woche gearbeitet, weil die Nachfrage so groß war", sagt Risse, der mit seinem "Radgeber"-Laden in Thüringen fast allein auf weiter Flur ist. Professionelle Bike-Fitting-Beratungen gibt es aktuell nur noch in zwei weiteren Läden im Freistaat - in Jena bei Torsten Hiekmann und in Leinefelde-Worbis bei "EIC-Bike".

MDR (ask)

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