Fakt ist! aus Erfurt Nachwuchsmangel und Image-Sorgen: Handwerk in Thüringen bleibt Großbaustelle

Wieso haben Schulabgänger wenig Lust auf einen Handwerksberuf? Liegt es wirklich nur am schlechten Image? Was könnte den Missstand beheben? Lösungen auf diese Fragen haben am Montagabend Firmenchefs, Experten und frustrierte Kunden bei Fakt ist! in Erfurt gesucht.

Über zwei Jahre lang hat Viola Worsch aus Neudietendorf auf ein Ersatzteil für ihre Badewanne gewartet. Sie hat Elektriker und Sanitärfachleute angefragt - viele Anrufe blieben unbeantwortet, Fachleute unerreichbar, schildert sie am Montagabend bei Fakt ist! aus Erfurt.

Ein Problem, mit dem die Thüringerin nicht allein dasteht. 21.000 Menschen haben im Vorfeld der Fakt ist!-Sendung an einer Umfrage teilgenommen: 83 Prozent davon gaben an, dass sie Schwierigkeiten haben, einen Termin für einen Handwerker zu bekommen. "Aufträge für Handwerksarbeiten gibt es ohne Ende", sagt Stefan Lobenstein, der Präsident des Thüringer Handwerkstages und fügt hinzu: "Aber die durchschnittliche Wartezeit beträgt elf Wochen."

Eine Frau mit Mikrofon 1 min
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Mo 18.10.2021 22:10Uhr 00:33 min

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Handwerk: Zu wenig professionelle Kräfte - lange Wartelisten

Vor allem in drei Berufsfeldern gibt es in Deutschland zurzeit jeweils über zehntausend offene Stellen: Es fehlen Bauelektriker, Klempner und Fleischereifachverkäufer. Aber auch in anderen Branchen fehlen professionelle Kräfte. Das Dauerproblem: der Nachwuchsmangel. Die Firmen finden keine Auszubildenden. In Zahlen sieht das so aus: 13.000 von 30.000 Betrieben in Thüringen sind als Ausbildungsbetriebe gemeldet - aber nur in aktuell 3.300 Betrieben wird tatsächlich ausgebildet.

Jessica Weber-Täntzler, Jugendsekretärin DGB-Thüringen
Die Thüringer DGB-Jugendsekretärin Jessica Weber-Täntzle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Woran liegt das? Die Thüringer DGB-Jugendsekretärin Jessica Weber-Täntzler sieht das Problem sowohl in den Arbeits- als auch in den Ausbildungsbedingungen. Die Hauptstreitpunkte: Vergütung und Überstunden. In Thüringen seien viele Betriebe nicht an Tarifverträge gebunden, das erschwere die Lage. Außerdem sei es für junge Auszubildende wichtig, eine Perspektive zu haben, so Weber-Täntzler. Sie müssen wissen, ob sie nach der Ausbildung auch vom Unternehmen übernommen werden.

Forderung: Mehr Berufsorientierung für junge Menschen

Für Lobenstein spielt aber noch ein anderer Punkt eine entscheidende Rolle. "Die Berufsorientierung für die handwerklichen Berufe muss optimiert werden", sagt er.

Es ist wichtig, den jungen Menschen frühzeitig Orientierung und Praktika zu bieten.

Stefan Lobenstein, Präsident des Thüringer Handwerkstages

Stefan Lobenstein, Präsident Thüringer Handwerkstag e.V.
Präsident des Thüringer Handwerkstages Stefan Lobenstein bei Fakt ist! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Junge Menschen an die Handwerksberufe heranzuführen, dass müsse viel früher beginnen, so Lobenstein. Der Thüringer Handwerkstag habe deshalb zurzeit sogar eine Kampagne in Kindergärten laufen. Von Weber-Täntzler muss sich der Präsident jedoch die Frage gefallen lassen, warum man sich nicht schon vor Jahren mehr gekümmert habe. "Diese Diskussion ist nicht neu", kritisiert sie.

Um die Not auf dem Personalmarkt zu umgehen, hat Sven Rogga aus Weimar eine spezielle Lösung gefunden. Der Architekt hat sich seinen eigenen Bautrupp zusammengestellt, um die vielen Anfragen zu bearbeiten. Maurer, Putzer, Fliesenleger, Sanitär- und Heizungstechniker - nur ein Schweißer fehle in seinem Expertenteam, berichtet er. In Deutschland habe er keinen finden können, also wollte er einen Verwandten aus Russland dazuholen. Doch der Plan scheiterte an der Bürokratie, "er hat kein Visum bekommen", berichtet Rogga.

Lobenstein macht dafür die Regierung verantwortlich. Es müsse viel einfacher sein, auch Fachkräfte aus dem Ausland zu beschäftigen. "Wir sind zu wenige aus eigener Kraft", sagt er. "Wir haben zu wenig Kinder und von ihnen gehen viele von der Schule lieber ins Studium."

Hochschule statt Ausbildung - oder beides?

Bildungsforscherin Sigrun Nickel sieht darin aber auch Chancen für das Handwerk. "Es gibt schon jetzt viele Menschen, die zuerst eine Ausbildung machen und dann ein Studium." Auch ohne Abitur, etwa durch Lehrjahre, lasse sich die Hochschulreife erlangen - "das macht die Ausbildung auch attraktiver", findet Nickel.

Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung, Centrum für Hochschulentwicklung
Bildungsforscherin Sigrun Nickel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Formen wie das Duale Studium beispielsweise könnten in Zukunft noch wichtiger werden auch für Handwerksberufe. "Wir brauchen auch junge Leute mit einer akademische Ausbildung", sagt Heiko Platz, Ausbilder beim Sanitär- und Heizungstechniker Bezold + Platz in Ohrdruf. Nur so könne man auf dem Stand der Zeit bleiben.

"Wir wollen auch Leute haben, die auch im Büro das Niveau des Handwerks anheben." Moderator Andreas Menzel fasst es so zusammen: Der zukünftige Handwerker könne also Management aber auch selber anpacken? Das sei ein Trend in die richtige Richtung, findet Sigrun Nickel.

Grafik zur Handwerksausbildung in Thüringen 1 min
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Mo 18.10.2021 22:10Uhr 00:15 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! aus Erfurt | 18. Oktober 2021 | 22:10 Uhr

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