Weitere Verdachtsfälle Missbrauchsverdacht in Erfurter Kindergarten: Ermittlungen ausgeweitet

In einem katholischen Kindergarten in Erfurt soll es zu sexuellem Missbrauch gekommen sein. Mittlerweile liegen zwölf Anzeigen vor, so die Polizei. Damit haben sich die Fälle seit Bekanntwerden des Verdachts im Februar 2022 immer mehr ausgeweitet. Die Vorwürfe richten sich gegen einen ehemaligen Praktikanten. Das Thüringer Bildungsministerium hatte Ende Juni Dienstpläne eingesehen und dabei Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Ein Kindergarten
Die Anzahl der mutmaßlichen Missbrauchsfälle im Kindergarten in Erfurt-Hochheim ist mittlerweile auf zwölf gestiegen. Bildrechte: MDR/Ludwig Kendzia

Die Anzahl der möglichen Fälle von sexuellem Missbrauch in einem katholischen Kindergarten in Erfurt ist höher als bisher bekannt. Wie die Staatsanwaltschaft Erfurt und die Polizei MDR THÜRINGEN bestätigten, könnten mittlerweile zwölf Kinder von mutmaßlichen Taten eines ehemaligen Praktikanten betroffen sein.

Dieser war im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres seit September 2021 bis zum Bekanntwerden des ersten Falls im Februar 2022 in der Einrichtung.

Jugendlicher soll Kinder allein betreut haben

Der inzwischen 17-Jährige soll den Vorwürfen zufolge immer wieder über längere Zeiträume allein mit den Kindern gewesen sein und diese auch in den Mittagspausen betreut haben, ohne dass eine Erzieherin als Aufsichtsperson dabei gewesen sein soll. Deshalb wird auch gegen den Einrichtungsleiter weiter wegen des Verdachts auf Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ermittelt, so die Staatsanwaltschaft Erfurt.

Betroffene Eltern und Personal bereits vernommen

Die Ermittlungen werden "unter der gebotenen Sorgfaltspflicht mit Hochdruck" geführt, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft MDR THÜRINGEN mit. So seien alle Eltern der betroffenen Kinder inzwischen vernommen worden. Bei den Kindern würden noch fünf Vernehmungen ausstehen.

Diese würden alle im Beisein einer speziell ausgebildeten Gutachterin geführt. Zudem hätten sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des katholischen Kindergartens zu den Vorwürfen äußern müssen.

Der Eingang des neuen Justizzentrums in Erfurt
Laut Staatsanwaltschaft Erfurt sind mittlerweile alle Eltern der betroffenen Kinder vernommen worden. Bildrechte: dpa

Dienstpläne im Kindergarten unvollständig

Das Thüringer Bildungsministerium und das Erfurter Jugendamt sind in den Fall seit Bekanntwerden eingebunden. So hat das Bildungsministerium Ende Juni in der Einrichtung eine unangekündigte Kontrolle durchgeführt und dabei auch Dienstpläne eingesehen. Diese seien teilweise unvollständig gewesen und hätten nachgearbeitet werden müssen, so das Ministerium.

Für Mitte Juli wurde eine Kinderschutzwoche in dem Kindergarten angeordnet. Diese sei Teil des Programms, welches das Bildungsministerium gemeinsam mit dem Jugendamt der Stadt Erfurt entwickelt hat, um das Thema sexueller Missbrauch im Kindergarten aufzuarbeiten. Auch der Kinderschutzbund sei eingebunden.

Es geht vor allem darum, dass produktive Miteinander im Team zu stärken und weiterhin gut zusammenzuarbeiten, immer zum Wohle der Kinder.

Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums

Ein Kindergarten
Der ehemalige Praktikant soll den Vorwürfen zufolge immer wieder über längere Zeiträume allein mit den Kindern gewesen sein. Bildrechte: MDR/Ludwig Kendzia

Bis 2023 weitere Überprüfungen durch Bildungsministerium

Die mutmaßlichen Vorfälle hätten im Kindergarten für Spannungen zwischen den Eltern selbst, aber auch den Beschäftigten geführt, heißt es aus dem Ministerium. Der Träger, die katholische Pfarrgemeinde St. Nikolaus, sei vorläufig aber nicht als unzuverlässig einzustufen, so der Sprecher, dennoch allein zum Teil überfordert mit der Situation. Ziel sei es darum, das Geschehene weiter aktiv aufzuarbeiten.

Deshalb werde das Ministerium bis mindestens zum Januar 2023 den Kindergarten weiter überprüfen und diesen unterstützen. "Es geht vor allem darum, dass produktive Miteinander im Team zu stärken und weiterhin gut zusammenzuarbeiten, immer zum Wohle der Kinder", erklärte ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums.

Das Bistum Erfurt betonte, dass sowohl Bischof Ulrich Neymeyr als auch die Bistumsleitung jederzeit zu Gesprächen bereit seien. So habe es erst vor Kurzem ein Gespräch zwischen einigen betroffenen Eltern und Neymeyr gegeben. Dieser soll sich von den mutmaßlichen Vorfällen betroffen gezeigt und eine Aufarbeitung versprochen haben, heißt es aus Teilnehmerkreisen.

Weitere Missbrauchsfälle in Thüringen

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 15. Juli 2022 | 18:00 Uhr

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