Russisch-Lehrer berichtet Der Ukraine-Krieg zerstört auch das Leben vieler Russen

Michail Perepelkin ist Russisch-Lehrer an der Freien Waldorfschule Erfurt-Bischleben. Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat ihn erschüttert. Mit seinen Schülern spricht er über die Situation im Land.

Michail Perepeklin
Russisch-Lehrer Michail Perepelkin fühlt sich angesichts des Ukraine-Kriegs hilflos. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Mir - ein so kurzes Wort - steht russisch für Frieden. Es ist eines der ersten Wörter, die Russisch-Lehrer Michail Perepelkin seinen Schülern beibringt. Bislang weniger weil es ein so wichtiges Wort ist, sondern weil man es halt schnell lernen und aussprechen kann. Er unterrichtet an der Freien Waldorfschule in Erfurt-Bischleben Geschichte und Russisch.

Es war der Sinn seines Lebens, sagt er, ein besseres, klareres Bild seiner Heimat zu zeichnen. Brücken wollte er bauen, zwischen den Kulturen und den Menschen. Das begann mit Schülerreisen. Elf Tage fuhren sie nach Russland, nach St. Petersburg. Es gab Gegenbesuche und mancher hält bis heute Kontakt nach St. Petersburg.

Der Krieg zerstört europäische Werte

Dort ist Michail Perepelkin geboren. Damals hieß die Stadt noch Leningrad. Dort hat er Pädagogik und Germanistik studiert, ist gegen Putin auf die Straße gegangen und vor sechs Jahren auch aus Abenteuerlust nach Deutschland gekommen.

"St. Petersburg ist eine europäische Stadt. Die Menschen dort wollen frei und nach den Werten Europas leben", sagt der 36-Jährige. Doch der Krieg mit der Ukraine hat alles zerstört, auch für viele Menschen in Russland.

Russland-Ukraine-Krieg: Zerstörte Brücke in Irpin
Der Krieg hat Michail Perepelkin erschüttert. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

"Jahrzehntelang haben wir uns um ein Miteinander bemüht. Wir haben darauf gehofft, dass wir uns weiter annähern. Uns verbindet doch auch so viel. Jetzt aber können wir alles vergessen, wir werden nach dem Krieg nicht mehr da anknüpfen, wo wir vorher standen, sondern viel weiter vorn. Der Krieg und seine Folgen wirft uns Jahrzehnte zurück".

"Die ersten Tage konnte ich das Haus nicht verlassen"

Michail Perepelkin spricht leise, flüstert fast. So viel ist in ihm zerbrochen. "Der Krieg hat auch unsere Biografien erschüttert. Es fühlt sich so an, als ob die Zeit läuft, und dann wird man einfach zerrissen. Der Krieg macht alles, wofür ich bisher stand und gerungen habe, zunichte".

Es klingt resigniert - zunächst war er das auch, sagt er. In der Woche des Kriegsausbruchs war er zu Hause, krankgeschrieben. "Die ersten Tage konnte ich das Haus nicht verlassen. Wie sollte ich meinen Schülern gegenübertreten? Für mich war das erste Gefühl, wie auch für viele Menschen in Russland: Uns hat man die Zukunft geraubt, zerstört."

Mit den Schülern spricht er über den Krieg und seine Gefühle

Mit seinen Schülern hat er darüber geredet, ihnen offen seine Gefühle eingestanden und ihnen auch erzählt, dass so viele Russen nie und nimmer an einen Krieg mit dem Brudervolk in der Ukraine geglaubt haben.

Freie Waldorfschule Erfurt-Bischleben
Freie Waldorfschule Erfurt-Bischleben Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

"Nie und nimmer haben wir das für möglich gehalten. Ja, wir haben gesehen, dass das politische System in Russland autokratischer, despotischer wird, aber man hat es wohl doch nicht ernst genommen und immer gehofft, dass es besser wird." So viele seiner Freunde hätten Bekannte, Verwandte, Freunde in der Ukraine und seien entsetzt.

Leben in Deutschland - Familie in Russland

In Erfurt lebt der 36-Jährige mit seiner Frau, auch sie stammt aus Russland, und seiner Tochter. Sie ist schon in Deutschland geboren. Zu seiner Familie, der Tante, dem Cousin, den Freunden in St. Petersburg hält er Kontakt über Social Media.

"Sie fühlen genau das, was ich fühle: diese Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Verzweiflung. Nicht wenige packen ihre Koffer und wollen Russland verlassen. Menschen mit modernen Ansichten, die frei leben wollen, resignieren und denken jetzt nur noch daran, wie sie rauskommen aus Russland. Sie haben keine Kraft mehr gegen das System aufzustehen und sie haben Angst. Wenn man die Wahl zwischen Flucht und Knast hat - was wählt man dann?".

Am vergangenen Wochenende war der 36-Jährige mit auf der Demo auf dem Erfurter Domplatz gegen den Krieg, hat seine Solidarität mit der Ukraine gezeigt. Der Ton habe ihn aber teilweise erschreckt. "Wir wollen die Ukraine unterstützen und automatisch fordern wir mehr Krieg, als es jetzt schon gibt. Da habe ich Bedenken."

Demonstranten auf dem Domplatz.
Auch Michail Perepelkin war bei der Friedensdemo auf dem Domplatz. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Dass die Universitäten wie die Erfurter ihren Studentenaustausch mit Russland erstmal auf Eis gelegt haben, kann er als emotionale Sofortantwort zwar verstehen. "Aber wenn wir westliche Werte vermitteln wollen, geht das nur über Austausch und Bildung", sagt er.

Das Menschliche nicht vergessen

Im Interview stockt er immer wieder. Es ist ihm körperlich anzumerken, wie sehr ihm die ganze Situation zu schaffen macht. "Für mich persönlich besteht die Hoffnung nur noch darin, dass wir das Menschliche nicht vergessen." Er werde jetzt oft gefragt, warum die Russen sich nicht wehren und jetzt auf die Straße gehen.

In einer Demokratie, sagt er, vergisst man, wie brutal und repressiv ein Staat sein kann. Den Menschen drohen Haft, der Verlust ihrer Existenz, das mache Angst. Und so ziehen sich viele auch ins innere Asyl zurück oder sie verlassen das Land.

"100.000 sind es schon und es werden mehr. Sie sehen keine Zukunft mehr in Russland und wollen für dieses Land auch nichts mehr tun". Er selbst war immer stolz auf seine Heimat. Seit der Nacht auf den 24. Februar, der Nacht als Russland in die Ukraine einmarschiert ist, ist das vorbei.

Erstmals spricht er einen Gedanken aus, der für ihn nie in Frage kam. "Ich habe Zweifel, ob ich die russische Staatsbürgerschaft behalte." Nach sechs Jahren in Deutschland hat er Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Sich aber so von seiner Heimat zu trennen, ist dann doch der schwerste und letzte Schritt. "Aber jetzt denke ich darüber nach."

Michail Perepelkin will aber "nicht wie im Krieg alle Brücken sprengen, so dass nach dem Krieg keiner mehr drüber laufen kann". Deshalb will er sich jetzt um ukrainische Flüchtlingskinder kümmern - mit Sprachkursen.

MDR (rbü)

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