Ukraine und Russland "Der Krieg ist hier für uns sichtbar" - Wie Ukrainer in Thüringen und ein Thüringer in der Ukraine auf den Konflikt schauen

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Wie schauen Ukrainer in Thüringen auf den Konflikt in ihrer Heimat? Wie erlebt ein Thüringer Kriegsreporter die Lage vor Ort und warum fehlen laut eines russischen Freundschaftsvereins Städtepartnerschaften in beiden Ländern? Eine Annäherung aus sicherer Entfernung - an den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

Training mit Holzgewehr - Bei den Freiwilligen Kämpfern ist alles dabei, Journalisten, Hausfrauen, Uni Profesoren
Training in der Ukraine mit Holzgewehr - bei den freiwilligen Kämpfern ist alles dabei: Journalisten, Hausfrauen, Uni-Professoren. Bildrechte: David Nolte

Myroslaw Schwab zieht einen Schlitten durch die Hotellobby in Erfurt. Darauf steht ein riesiger Topf. Er hat ukrainischen Kulisch für den Abend gekocht, eine Art "Feldküche" - heute würde man sagen "Streetfood" - mit Hirse und viel Schweinefleisch. Mit so einem Topf kriegt man viele Leute satt, sagt er.

Mann in Tracht
Koch Myroslaw Schwab Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Und es werden einige erwartet. Denn ukrainische Rallyefahrer haben sich angekündigt. Sie sind mit kleinen Autos auf dem Weg von der Ukraine nach Monaco. Bevor sie ankommen und auf ihre Landsleute hier in Thüringen treffen, treffe ich die "Ukrainischen Landsleute Thüringen" - also einige der 100 Vereinsmitglieder.

Ilona Mamiyeva ist Vorstandsmitglied. Sie hat sich schnell auf meine Facebook-Anfrage gemeldet. Denn uns interessiert, wie die Community den Konflikt in ihrem Heimatland beobachtet und bewertet. Sie erzählt, dass sie "praktisch jeden Tag auf Facebook alle Nachrichten dazu verfolgt" und spricht von einer "sehr beunruhigenden Situation". Von ihrer Heimatstadt Kharkiv aus sind es rund 30 Kilometer bis zur russischen Grenze. "Dort stehen schon die Panzer. Das ist natürlich sehr schwierig für mich. Ich habe dort Verwandte, Freunde, die Freunde meiner Kindheit. Wir sind alle zusammen beunruhigt", sagt Mamiyeva.

Vereinsmitglieder Ukrainischer Landsleute in THüringen e.V. beim Abendessen in einem Hotel in Erfurt.
Ilona Mamiyeva vom Verein Ukrainischer Landsleute in Thüringen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Politikexperte im Verein

Ivan Stryapko kommt aus dem "tiefsten Westen" der Ukraine - aus Uzhhorod, Zakarpatje, hinter den Karpaten. Die Krisen dort sind andere, als die, die jetzt in den Nachrichten zu sehen sind. Stryapko ist promovierter Politologe. Er schreibt auf Ukrainisch Artikel und Blogs über die Krise, aus Sicht eines Mannes, der nun seit einem Jahr in Thüringen lebt. Der Verein ist froh, dass der Wissenschaftler eines ihrer Mitglieder ist. Er kennt die Geschichte, die Zusammenhänge und kann viel erklären. Ich frage ihn, wie er es einschätzt: Die Panzer stehen da, aber von russischer Seite heißt es: "Es wird nichts passieren". Eine "sehr schwierige Frage, weil die Antwort darauf nur eine Person kennt und die sitzt in Moskau", so Stryapko. "Wer redet, schießt nicht", höre ich Außenministerin Annalena Baerbock sagen und frage nach den Gesprächen in Paris mit allen Beteiligten. Als ich sage: "Ich denke, das ist was Gutes", schüttelt die ganze Runde am Tisch mit dem Kopf.

Stryapko antwortet auf ukrainisch, Ilona Mamiyeva übersetzt seine Blöcke. Zusammengefasst sagt er: Beim Normandie-Format geht es um die beiden Gebiete Donezk und Lugansk und ihre Rechte. Die Gebiete sollen mit Sonderbestimmungen zur Ukraine gehören, als unabhängige Staaten. Damit hätte die Ukraine keinen Einfluss auf die Region und diese könne immer Veto einlegen gegen ukrainische Entscheidungen. Die Frage sei: Sind die Gebiete nun russisch oder ukrainisch? Seien sie russisch, habe Russland immer einen Grund, "einfach in diese Gebiete einzumarschieren". Diese Frage werde aber nicht vom Normandie-Format beantwortet. Es geht zwar um die beiden Gebiete und ihre Rechte - aber Putin stehe "aus einem anderen Grund an der Grenze - die Ukraine sucht Schutz in der Nato" und Putin wolle "entscheiden", dass die Ukraine nie zur Nato gehöre - nur dann bleibe er in "seinem Gebiet".

Während Ivan Stryapko erklärt, werfen die anderen am Tisch immer mal wieder etwas ein, das ich nicht verstehen kann. Aber sie scheinen seiner Meinung zu sein.

Nur eine Sache will der Vorstandsvorsitzende des Vereins - Vasyl Vitenko (Foto am Tisch, 2. v.l.) -nicht durchgehen lassen. "Krise und Konflikt: Woher kommt das? Das ist Krieg. Seit acht Jahren haben wir Krieg. Russland hat uns militärisch angegriffen am Donbass - mit russischer Munition, russischer Technik, russischer Ausrüstung - sie schießen auf uns. Wir haben ein Militärkrankenhaus besucht. Die Verwundeten dort kommen nicht aus einem Konfliktgebiet, sie kommen aus einem Kriegsgebiet". Der Sohn seiner Cousine ist dabei gestorben, 19 Jahre alt. Sein Freund 20. Vitenko betreibt einen "Securityservice" in Erfurt, "Objektschutz" sagt er und erzählt von einem Besuch 2015 in Mariupol: "Wir haben die nicht explodierten Raketen gesehen. Das ist Krieg in der einen Form und jetzt stehen wir vor einem großen Krieg."

"Früher hätten wir nie geglaubt, dass es zu Krieg kommt. Aber jetzt glauben wir das", heißt es am Tisch. Ilona Mamiyeva erzählt, was sie tagtäglich auf Facebook und Instagram angezeigt bekommt: "Die sozialen Medien haben diesen Krieg sehr nah zu uns allen gebracht. Wir sehen die Fotos der Jungs, die dort gestorben sind, ihre Gesichter, ihre Namen - der Krieg ist hier für uns sichtbar."

Nathalie Bedii hat in Kyiv gelebt und gearbeitet. Ursprünglich kommt sie aus Lwiw in der Westukraine. Dort hat sie "den größten Teil ihres Lebens" verbracht, weiß erst seit ihrer Zeit in Deutschland, "wie der Westen lebt" und das gefällt ihr. Die Tätowiererin mag die Treffen mit den anderen ukrainischen Landsleuten, die nun in Thüringen leben. Sie erzählt von Online-Treffen in der Pandemie und geplanten "Aktionen", bei denen die Ukrainer zum Beispiel auf dem Anger für Fragen bereit stehen. Ein Antrag für einen Stand an diesem Wochenende wurde laut Verein allerdings nicht bearbeitet. Das Vorhaben muss verschoben werden.

Vereinsmitglieder Ukrainischer Landsleute in THüringen e.V. beim Abendessen in einem Hotel in Erfurt.
Tätowiererin Nathalie hat sich spezielle ukrainische Ornamente stechen lassen. So kann sie die "Tracht" ihrer Heimat "jeden Tag tragen". Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Landkarte zum Ukraine-Russland-Konflikt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kriegsreporter vor Ort

David Nolte war gerade zehn Tage in der Ostukraine als Berichterstatter. Mit kleiner Kamera ausgerüstet, begleitet er (fürs Privatfernsehen) einen Reporter. Diese Woche kam die Ablöse, er schätzt, dass er bald wieder in die Ostukraine muss zum Berichten.

David vor Hotel Ukraine in Kiew - am Maidan Unabhängigkeitsplatz
David Nolte vor einem Hotel auf dem Maidan (Unabhängigkeitsplatz in Kiew, Ukraine.) Bildrechte: David Nolte

Nolte stammt aus der Rhön und betreibt den "Rhönkanal". Als wir miteinander telefonieren, ist er gerade noch in der Ukraine. "Unser Eindruck hier ist, dass in den Familien viel über die Politik gestritten wird. Aber die Ukrainer sind nicht böse auf die Russen - viele sind Verwandte. Der Feind, das ist Putin", so Nolte. Seiner Meinung nach haben die Menschen Angst, dass sich der Krieg verschärft - es wird "jeden Tag geschossen", manchmal vielleicht nur aus "Langeweile".

Bei seinem Besuch in Nju Jork bei Donezk im Osten der Ukraine üben die Kinder in der Schule regelmäßig, dass sie bei Schüssen die Ohren zuhalten und in die Mitte des Gebäudes rennen müssen. Die Acht- bis Zehnjährigen, die er besucht, haben sich "schnell daran gewöhnt, dass es knallt. Für ein Kind hier bei uns wäre das neu. Aber leider gewöhnt man sich schnell dran", berichtet er.

Schüler 8 bis 10 Jahre alt üben Ohren zuhalten und rennen vor Angriff
Acht bis zehn Jahre alte Schüler üben Ohren zuhalten und bei Angriff weggrennen. Bildrechte: David Nolte

Für einen Bericht hat er mit seinem Reporter zusammen auch ein Freiwilligen-Bataillon besucht. Es gibt eine Hotline, an der sich jeder melden kann, der lernen will, wie man mit einer Waffe umgeht oder durch Granatsplitter Verletzte versorgt. Darunter seien auch viele Mütter, die ihre Kinder beschützen wollten.

Auch viele Frauen, die Familie haben und sich für den Tag X vorbereiten wollen um ihre Kinder zu schützen
Auch viele Frauen in der Ukraine wollen sich vorbereiten auf mögliche Kämpfe, um ihre Kinder zu schützen. Bildrechte: David Nolte

Er war schon in der Ostukraine, auch sonst in vielen Kriegs- und Krisengebieten und erzählt, dass die Ukraine eine freie Presse hat. Die Menschen wählen, sie können Regierungen auch abwählen, es gibt Demonstrationen - die Polizei passt auf. "Das kannst du alles gut machen, ohne Angst zu haben" - Fernsehen und Presse sind "offen" - anders als in Russland. "Wenn du nur Russisch kannst und in Moskau lebst, wirst du gebrainwasht. Viele Russen sehen den Konflikt so wie Putin", sagt Nolte.

Deutsch-russische Freundschaft

Martin Kummer kennt sowohl Russland als auch die Ukraine. Er reist seit fast 30 Jahren immer wieder in die beiden Länder. Kummer war 16 Jahre lang Oberbürgermeister von Suhl, ist stellvertretender Kreisvorsitzender der Suhler CDU und taucht hier auf als Vorsitzender der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft. Zuletzt war er im Dezember 2021 in Russland.

Kummer 2017 zur XIV. Deutsch Russische Städtepartnerschaftskonferenz in Krasnodar (RF)
Martin Kummer 2017 in Russland bei der Städtepartnerschaftskonferenz in Krasnodar. Bildrechte: Deutsch-Russischer Freundschaftsverein

"Da spürt man, es geht ein Riss durch die Familien. Die leben in der Nähe von Moskau, haben keine Kontakte mehr in die Ukraine oder streiten sich am Tisch über das richtige Verhältnis von Russland und der Ukraine und das tut weh. Viele Leute haben Angst. Keine Mutter will ihr Kind in den Krieg schicken! Und auch wenn es in der Ukraine Patrioten gibt - eigentlich wollen sie das nicht. Diese privaten Erlebnisse zeigen mir, dass Krieg keine Lösung ist, weder von russischer Seite noch von ukrainischer", so Kummer.

Auch wenn sein Verein die deutsch-russische Freundschaft im Namen trägt, so hat er Russland, die Ukraine und Belarus im Blick. Verfolgt natürlich die Nachrichten und findet, dass Außenministerin Baerbock einen guten Job macht, wenn sie allen Beteiligten das Gleiche sagt, nämlich dass es keine Waffen geben wird aus Deutschland. Anders als Ivan Stryapko setzt Kummer viel Hoffnung in das "Normandie-Format" und die Gespräche in Paris. Doch etwas regt ihn auf: dass Thüringen kaum Partnerstädte in der Ukraine und Russland hat und damit auch Kontakte zur Administration fehlen.

Dmytro Kuleba und Annalena Baerbock 1 min
Bildrechte: dpa

"Die Länder sind nah, sehr nah, zwei-, zweieinhalb Flugstunden entfernt. Thüringen soll keine Außenpolitik machen - aber gerade jetzt fehlten Kontakte zu NGOs, Bürgerbewegungen und Städtepartnern."

Jugend Bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai
Jugend in Kaluga (Russland) bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai. Bildrechte: Deutsch-Russischer Freundschaftsverein/Manuela Hahnebach

Mit viel Mühe versuchen Erfurt und Weimar, solche Partnerschaften aufzubauen. "Aber alle Landesregierungen Thüringens haben da wenig geschafft", so Kummer. Die Devise auch hier: "Wir müssen mehr aufeinander zugehen." Nur am besten unbewaffnet.

noch 18 Sekunden an einem Fußgängerüberweg in der Innenstadt 4 min
Bildrechte: Deutsch-Russischer Freundschaftsverein/Karl-Heinz Frank

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 29. Januar 2022 | 05:00 Uhr

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