Naturschutz im Wald Holz-Einschlag in der Hohen Schrecke wirft Fragen auf

Die "Hohe Schrecke" ist eines der bedeutendsten Buchenwaldgebiete Deutschlands. Forstwirtschaft im Privatwald geht dort nur, wenn der Naturschutz nicht leidet. Genau das wirft die Naturstiftung "David" dem Unternehmer Lindhorst als Flächeneigentümer aber vor. Das Land Thüringen will jetzt die Fläche begutachten und den Kaufvertrag überprüfen.

Es ist Holzernte-Saison in Thüringen. Die Waldbesitzer im Land lassen in diesen Tagen neben dem sprichwörtlichen "Käferholz" und vielen durch Trockenheit geschädigten Bäumen auch gesunde Stämme schlagen. So wie jedes Jahr. Sogar in Naturschutzgebieten. Dafür ist naturnahe Waldwirtschaft entwickelt worden. Holz gewinnbringend nutzen und die Natur schützen - das muss sich nicht widersprechen. Auch nicht in der "Hohen Schrecke" - dem wertvollsten Waldgebiet Thüringens.

Nordöstlich von Burgwenden lässt die Unternehmerfamilie Lindhorst Buchen und Eichen schlagen. Auf etwa 50 Hektar von über 1.000, die sie dort besitzt. Und dort, wo die Forstmaschinen ihre Arbeit getan haben, sieht es aus wie in einem normalen Thüringer Laubwald nach der Holzernte. Ein ungewohnter Anblick, bei dem sich Anwohner und Gäste der "Hohen Schrecke" vereinzelt gefragt haben: Ist das so in Ordnung?

Naturstiftung pocht auf besonders naturnahe Waldnutzung

Forstassessorin Gerlinde Straka sagt: Nein, ist es nicht! Als Mitarbeiterin der Naturstiftung "David", die das vom Bundesumweltministerium geförderte Naturschutz-Großprojekt in der "Hohen Schrecke" managt, schaut sie bekümmert auf die Spuren des Einschlags. Nicht wegen des Schlammes, der aufgehäuften Hölzer oder herumliegenden Äste. Straka beschäftigt, dass sich Naturstiftung und Unternehmer Lindhorst eigentlich einig sein müssten.

Gerlinde Straka
Gerlinde Straka, Mitarbeiterin der Naturstiftung DAVID Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Als der den Wald 2013 vom Land Thüringen kaufte, verpflichtete er sich im Kaufvertrag, die waldbaulichen Eckpunkte für die "Hohe Schrecke" bei der Bewirtschaftung seiner Flächen zu berücksichtigen. Diese Eckpunkte hatten Naturschutz-Experten beim Aufbau des Naturschutz-Großprojektes entwickelt. Danach sollen alle Flächen, die nicht ohnehin tabu sind für die Säge, zwar gewinnbringend, aber auch "besonders naturnah und unter vorbildlicher Berücksichtigung des Artenschutzes" bewirtschaftet werden.

Forstexpertin befürchtet vertane Chance für natürlichen Dauerwald

Stattdessen spricht Straka für die geschätzten 50 Hektar, auf denen die von Jürgen Lindhorst geführte "Naturerbe Hohe Schrecke GmbH" jetzt Holz schlagen lässt, von Raubbau. Es geht ihr nicht um einzelne Bäume. Ihr geht es um die Menge, die in den letzten Wochen gefallen ist.

Gezielt hätten die Waldarbeiter starke Bäume entnommen: Alte Buchen, die bis zu 190 Jahre lang dort gewachsen waren. Darin liege aber gerade der Wert dieses Waldes: Viele starke Exemplare verschiedener Altersklassen. Hier könne man behutsam immer wieder Bäume einzeln oder in kleinen Gruppen fällen und so das Kronendach erhalten. Das biete die Chance, dass sich dort ein natürlicher Dauerwald entwickeln kann.

Wald ohne starke Stämme
Nach dem Einschlag und vor dem Frühling ist es hell im Wald. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Stattdessen hätten die Waldarbeiter überwiegend junge Bäume stehenlassen. Das Kronendach habe große Lücken. Damit fehle der Schutz vor starker Sonneneinstrahlung. Der Lebensraum der dort heimischen Pflanzen und Tiere sei stark verändert worden. Das, was den Wald so wertvoll gemacht habe, sei womöglich an dieser Stelle für immer verloren.

Unternehmer Lindhorst hält die Eckpunkte hoch

Ist der Holzeinschlag so in Ordnung? Unternehmer Jürgen Lindhorst sagt: Ja! Die Lindhorst-Gruppe hat für den Schutz ihres Waldes in der "Hohen Schrecke" eine Familienstiftung gegründet. Deren Zweck: Ein Fünftel der erworbenen Fläche gar nicht nutzen, den Rest beispielgebend naturnah bewirtschaften und mit den Kommunen vor Ort den für ökologischen Tourismus anschieben.

Auf der Webseite der Stiftung steht: "Dabei erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit dem vom Bundesumweltministerium und dem Umweltministerium Thüringen geförderten Naturschutzgroßprojekt Hohe Schrecke". Die Unternehmensfamilie Lindhorst bekennt sich zur Umsetzung der in diesem Projekt entwickelten "waldbaulichen Eckpunkte".

Privater Waldbesitzer sieht keine der Vorgaben verletzt

Auf die Anfrage von MDR THÜRINGEN, zur Kritik der Naturstiftung "David" Stellung zu nehmen, reagiert die "Naturerbe Hohe Schrecke GmbH" empört. Der Holzeinschlag entspreche voll und ganz den Vorgaben der angesprochenen "waldbaulichen Eckpunkte", heißt es schriftlich.

Blick auf einen Holzstumpf
Auch im Naturschutzgebiet dürfen Waldbesitzer alte Buchen fällen Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Ältere Bäume habe man so entnommen, dass der beschriebene Effekt nicht eintritt und trotzdem genügend Licht den Waldboden erreicht, um die Naturverjüngung und die nächste Waldgeneration zu fördern. Hier sei man mit besonderem Fingerspitzengefühl vorgegangen, um genau das richtige Maß zu finden. Mindestens die Hälfte der geernteten Buchen sei wegen Trockenheitsschäden kurz davor gewesen, abzusterben. Mindestens 75% der Alt-Bäume seien im Wald verblieben.

Thüringer Umweltministerium schweigt sich aus

Ist der Holzeinschlag so in Ordnung? Das Thüringer Umweltministerium als oberste Naturschutzbehörde im Freistaat will sich nicht äußern. Das Problem berühre Vertragsinhalte zwischen der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen als Verkäufer und dem Unternehmer Lindhorst als Käufer der Waldfäche. Fragen Sie beim Forst nach – so die Bitte. Dort wäre man fachlich zuständig.

ThüringenForst lässt allerdings wissen: Zu beurteilen, ob der Einschlag den Vorgaben für das Naturschutzgebiet widerspricht, sei Sache vom Umweltamt des Landkreises Sömmerda. Hier kennen die Mitarbeiter den Vorgang noch gar nicht und verweisen MDR THÜRINGEN wieder an ThüringenForst. Das Forstamt Sondershausen könne das Umweltamt aber gern um Stellungnahme bitten.

Forstamtsleiter Uli Klüßendorf sagt, er beurteile den Einschlag lediglich auf der Grundlage des Thüringer Waldgesetzes. Bis auf einige wenige Grundregeln lasse das jedem privaten Waldbesitzer freie Hand, wie er seinen Wald bewirtschaftet. Aber er werde sich die Fläche anschauen.

Uli Klüßendorf
Uli Klüßendorf, Leiter der Forstamtes Sondershausen Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Landesentwicklungsgesellschaft nimmt Vertrag unter die Lupe

Ist der Holzeinschlag so in Ordnung? Der Geschäftsführer der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen, Andreas Krey, will, dass alle, die zuständig sind, sehr genau prüfen. Als die LEG den Wald an den Unternehmer Lindhorst verkauft habe, sei ganz eindeutig vereinbart worden, was mit dem Naturschutzgroßprojekt im Hintergrund beachtet werden muss, sagt Krey.

Holzeinschlag Hohen Schrecke
Andreas Krey, Geschäftsführer der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Für den Fall, dass die "Naturerbe Hohe Schrecke GmbH" massiv gegen die festgelegte Art der Bewirtschaftung verstößt, habe sich die LEG ein Recht auf Rückabwicklung offengelassen. Krey verweist auf die herausragende Bedeutung der "Hohen Schrecke". Bei der vielen Kraft um dem Geld, das dort bereits in den Naturschutz geflossen sei, müsse man jetzt auch den Erfolg schützen.

Kurz nach unserer Recherche vor Ort hat Jürgen Lindhorst als Geschäftsführer der "Naturerbe Hohe Schrecke GmbH" mitgeteilt, man habe per Mail alle Beteiligten angewiesen, den Holzeinschlag sofort zu stoppen. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN waren da schon alle Bäume gefällt, die fallen sollten.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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