Ukraine-Krieg Wo die russisch-orthodoxe Kirche Thüringen steht

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Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine treibt einen Keil in die orthodoxe Kirche. Während der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill in Moskau den Krieg rechtfertigt, wird er in den ukrainischen orthodoxen Kirchen verurteilt, wie auch von einigen Priestern in Russland. Wie positioniert sich der Thüringer Erzpriester?

Der Erzpriester Mihail Rahr von der russisch-orthodoxen Kirche Weimar in seiner Kirche 11 min
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Was sagt der Priester zum Krieg in der Ukraine? Was macht der Krieg mit seiner Gemeinde? Wie helfen die orthodoxen Christen den Opfern des Krieges?

MDR FERNSEHEN Do 10.03.2022 12:47Uhr 11:06 min

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Wenn Erzpriester Mihail Rahr Nachrichten vom Krieg aus der Ukraine hört, denkt er zuerst an die vielen Menschen, die darunter leiden, die sterben oder fliehen müssen, erzählt er.

"Das ist schrecklich. Aber es weiß auch noch keiner, was danach kommt. Und natürlich denke ich auch an unser Miteinander hier, weil ich ja Brüder und Schwestern, also Gemeindeglieder, Schäfchen, geistliche Kinder aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion habe. Also wir haben, wir haben sehr, sehr viele Nationalitäten hier und dieser Konflikt, der ist natürlich eine richtige Katastrophe für uns."

Erzpriester Mihail ist als Vorsteher der heiligen Maria Magdalena Kirchengemeinde zuständig für ganz Thüringen. In der Russischen Orthodoxen Kirche in Weimar feiert er Gottesdienste für etwa 300 Gemeindemitglieder aus dem ganzen Freistaat. Und das schon seit 22 Jahren.

Kosmopolitische Familie mit russischen Wurzeln

Er lebt gern hier in der Stadt, für seine beiden Töchter ist Weimar ja auch Heimat. Dabei ist seine Familie eigentlich nicht so bodenständig, sagt er: "Wir sind eine kosmopolitische Familie. Ich selbst bin in Tokio geboren, bin aber russischer Abstammung. Russland ist immer meine Heimat gewesen, auch, als es noch die Sowjetunion gab, wir sind ja russische Emigranten gewesen. Wir haben diese Heimat geliebt, die wir gar nicht kannten. Ich habe an so vielen Orten gelebt, auch im Ausland studiert - USA, Tschechoslowakei. Und wenn man mich fragte, wo fühle ich mich heimisch, wusste ich keine Antwort darauf."

Der Erzpriester Mihail Rahr von der russisch-orthodoxen Kirche Weimar in seiner Kirche
Erzpriester Mihail Rahr ist für die Russisch-Orthodoxe Gemeinde in ganz Thüringen zuständig. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Seine Kinder haben diese Antwort jetzt. Der Priester ist froh darüber: "Danach können sie die Welt für sich erobern. Aber sie wissen, wo ihre Wurzeln sind. Ich bin in Japan geboren. Meine Vorfahren stammen aus Russland. Ich bin selbst aber in Deutschland aufgewachsen, in Westdeutschland, jetzt leben wir hier im Osten. Ich bin hier sozialisiert. Es ist schon gut, wenn man weiß, wo man hingehört oder wo man herkommt."

Nationalität war früher nicht wichtig

Früher, so erzählt Rahr, hat genau das in der Gemeinde niemanden interessiert. Ob Griechen, Serben, Rumänen, Bulgaren, Ukrainer oder Russen - alle waren im Glauben vereint. "Ich weiß natürlich, wenn jemand aus Charkow kommt oder aus Sankt Petersburg oder aus Minsk, man kennt die Leute, aber es spielt hier keine Rolle. Aber jetzt, in dieser Konfliktsituation haben wir gemerkt, das war eine Prüfung. Und da muss ich wirklich den Hut vor meiner Gemeinde ziehen, dass sie alle gesagt haben, wir sind Brüder und Schwestern in Christus."

Und das, obwohl es viele unterschiedliche politische Meinungen und Einschätzungen der Lage im Kriegsgebiet gibt. In einem Punkt sind sich aber alle einig, beobachtet der Priester: "Alle hoffen, dass das ein schnelles und wenn irgendwie möglich, ein gutes Ende nimmt."

Keine politischen Aussagen in der Kirche

Rahr selbst behält seine politische Einstellung für sich. "Das ist Privatsache", sagt er. Auch sein Bischof in Berlin hat seine Priester aufgefordert, im privaten sozialen Umfeld ihre Standpunkte zu vertreten: "Aber natürlich basierend auf dem christlichen Glauben. Also keinen Hass entwickeln, auch die andere Seite respektieren. Dann kann man über alles diskutieren."

In seinem Job als Priester allerdings, in der Gemeinde, hat diese private Meinung nichts zu suchen, findet Rahr. "Denn das führt zur Spaltung und das will niemand."

Glaube hat oberste Priorität

Für den Erzpriester steht ohnehin der Glaube an erster Stelle. Egal, wo jemand herkommt - er ist ein Bruder oder eine Schwester im Glauben. Das ist für ihn wichtiger als die Nationalität. "Wenn sich jemand nicht oder nur oberflächlich mit der Kirche identifiziert, dann ist er natürlich nicht mein Feind. Gott bewahre, aber ich kann mich mit ihm über Fußball, über das Wetter, über sonst was unterhalten, aber ich habe keine wirklich tiefe spirituelle Basis mit ihm. Das, was wirklich verbindet, das ist dann nicht gegeben."

Keinen Hass entwickeln, auch die andere Seite respektieren. Dann kann man über alles diskutieren.

Mihail Rahr Erzpriester für Thüringen

Und das ist auch ein Grund, warum er seine Kirchenführer derzeit nicht beneidet. Natürlich ist für Christen jeder Krieg absolut untragbar, aber jetzt geht es auch um politische Aussagen: "Der Patriarch, der ist natürlich in einer sehr schwierigen Situation. Der Metropolit von Kiew, hat sich dagegen dezidiert gegen den Krieg ausgesprochen, und es ist klar, er hat auch den russischen Präsidenten diesbezüglich angesprochen. Er hat gesagt, dass Putin das tut, was Kain getan hat. Ja, das ist seine explizite Formulierung."

Zum Aufklicken: Wer war Kain?

Im ersten Buch Mose findet sich die biblische Erzählung über Kain und Abel, die ältesten Söhne Adams und Evas. Kain, der Ackerbauer, war neidisch auf seinen Bruder Abel, den Hirten, weil Gott dessen Opfer vorzog. In der Folge kamen ihm böse Gedanken, er hörte nicht auf die Ermahnungen Gottes und erschlug schließlich seinen Bruder. Damit wurde er laut Bibel zum ersten Mörder. Kain wurde für seine Tat von Gott verstoßen.

Für Mihail Rahr gibt es zusätzlich zu den Kämpfen auch noch einen "Nachrichtenkrieg, einen Informationskrieg, einen regelrechten Propagandakrieg". Für ihn als Seelsorger ist eins deshalb besonders wichtig: "Ich will nicht, dass jetzt alle Russen, also alle Staatsbürger Russlands oder auch Russischstämmigen oder Russlanddeutschen, die eben aus Russland kommen und auch als Russen wahrgenommen werden, dass die jetzt hier in Sippenhaft genommen werden."

Für Rahr ist es das oberste Ziel der Priester, den Seelenfrieden zu bewahren. "Wenn ich etwas machen könnte, um den Konflikt zu entschärfen, ihn zu beenden oder zu verkürzen, dann würde ich das tun. Aber im Moment können wir nur beten." Er hat auch an seine Gemeinde appelliert, den Frieden in ihren Herzen zu bewahren. "Friede sei mit euch" heißt es immer nach dem Gottesdienst. "Der Frieden, das Heil unserer Seelen, ist eigentlich unser primäres Ziel, die Daseinsberechtigung unserer Gemeinde."

Hilfe für die Opfer des Krieges

Natürlich helfen sie als Christen auch wo es geht. Sie sammeln Spenden, stellen Schlafplätze zur Verfügung. Und jetzt in der Fastenwoche sind die Gebete noch intensiver als sonst. "Das heißt, der Gedanke ist immer da. Und wir beten immer für den Frieden, wir beten immer um Versöhnung und heute und jetzt natürlich noch viel mehr", so Rahr.

Für den Priester sind nicht nur die Politiker schuld am Krieg: "Auch wir ganz einfachen Menschen, wir haben vielleicht alle ein Sandkörnchen, ein Staubkörnchen, dazu beigetragen. Unsere Aufgabe muss es sein, die Menschen dazu zu erziehen, dass wir den Frieden haben, die Freundschaft, die Liebe."

Wir werden alles überstehen, wir können alles, Hauptsache, es gibt keinen Krieg.

Erzpriester Mihail Rahr

Rahr erinnert sich, dass Russen und Ukrainer, dass die Menschen in der ganzen Region schon wirklich schwere Zeiten erlebt haben seit dem Zerfall der Sowjetunion: "Die 90er Jahre waren extrem schwierig, da ging es wirklich ums nackte Überleben für die Menschen. Also wirtschaftlich, sozial und auch die Kriminalität war sehr hoch, aber die Menschen haben gesagt, wir werden alles überstehen, wir können alles, Hauptsache, es gibt keinen Krieg. Und jetzt? Ist es soweit."

Die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche

Die weltweit mehr als 220 Millionen orthodoxen Christen bilden nach Katholiken und Protestanten die drittgrößte christliche Konfession. Von ihnen gehören rund 150 Millionen zum Moskauer Patriarchat. Seit 2009 wird das geleitet von Kyrill I. (weltlicher Name: Wladimir Michailowitsch Gundjajew). Er kommt aus Wladimir Putins Heimatstadt St. Petersburg.

Russisch-orthodoxer Erzbischof von Paris kritisiert Kyrill I.

Metropolit Jean Renneteau von Dubna, Leiter des zu Moskau gehörenden Erzbistums der russischen-orthodoxen Kirchen in Westeuropa, übt öffentlich Kritik an Patriarch Kyrill I. Dieser solle seine Stimme gegen "diesen abscheulichen und absurden Krieg" erheben, schrieb der Geistliche in einem Offenen Brief. Er fordert den Patriarchen auf, "bei den Machthabern der Russischen Föderation dafür eintreten, dass dieser mörderische Konflikt schnellstmöglich ein Ende findet".

Der Erzbischof äußerte explizit sein Missfallen über eine Predigt Kyrills vom 6. März, in der dieser den Krieg Russlands gegen die Ukraine als einen "metaphysischen Kampf" rechtfertigte. "Mit allem Respekt, den ich Ihnen schulde und erweise, aber auch mit einem unermesslichen Schmerz, fühle ich mich verpflichtet, Sie darauf hinzuweisen, dass ich eine solche Auslegung des Evangeliums nicht unterschreiben kann", so der Metropolit mit Sitz in Paris. Niemals sei es zu rechtfertigen, wenn die "guten Hirten, die wir sein sollen, aufhören, Friedensstifter zu sein".

Kritik auch aus Deutschland

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hat die russisch-orthodoxe Kirche ebenfalls aufgefordert, für Frieden in der Ukraine einzutreten. Käßmann sagte MDR AKTUELL, Patriarch Kirill solle seinen Einfluss auf den russischen Präsidenten Putin geltend machen.

Wenn eine Kirche nicht zum Frieden aufrufe, dann versage sie an ihren eigenen Grundlagen. Außerdem solle die Kirche Feindbilder abbauen, um dem Hass entgegen zu wirken.

Der bekannte tschechische Ökumeniker Pavel Cerny fordert angesichts der Haltung der russisch-orthodoxen Kirche zum Krieg gegen die Ukraine sogar deren Ausschluss aus dem Weltkirchenrat (ÖRK).

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 07. März 2022 | 08:00 Uhr

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