Erstmals im ländlichen Raum Regelschule Küllstedt startet Klasse für ukrainische Kinder

An der Regelschule Küllstedt im Eichsfeld startet am 30. Mai eine Intensivdeutschklasse: Muttersprachlerin Natalja Yurschuk aus Kiew wird 25 Stunden Deutsch pro Woche unterrichten. Los geht es mit elf Schülern von der fünften bis zur zehnten Klasse.

Eine Schulkasse steht in einem Klassenraum vor einer Tafel
Jegor und Micha (vordere Reihe) gehen bereits in eine 5. Klasse in Küllstedt. Auch sie haben dann täglich fünf Stunden Deutsch bei Natalja Yurshuk (l.) Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Derzeit gehen drei junge ukrainische Kriegsflüchtlinge in Küllstedt zur Schule: Jegor (10) und Micha (11) in die fünfte Klasse und Alexandra (14) in die achte Klasse. Alexandra nimmt zeitweise am Online-Unterricht in der Ukraine teil. Immer wenn sie die Kopfhörer im Ohr hat, weiß ihre Lehrerin in Deutschland Bescheid. Den Laptop holt sich Alexandra täglich im Schulleiterzimmer ab.

Der Unterricht ist besonders in der fünften Klasse eine Herausforderung. Mathelehrerin Susanne Heilwagen bereitet sich viel intensiver vor, sagt sie. Mit einem Übersetzerprogramm und Englisch klappt es ganz gut, sagen die Mitschüler. Sie sind stolz, zwei junge Ukrainer in der Klasse zu haben und helfen, so oft sie können. Ab 30. Mai lernen die ukrainischen Jungen dann gemeinsam mit elf anderen Kindern in einer Deutschintensivklasse.

Ein Bus steht vor einem Schulgebäude
Die Regelschule hat 120 Schüler und betreut erstmals ausländische Kinder. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Schulleiterin holt Klasse nach Küllstedt 

Schulleiterin Verena Crivellaro bemüht sich seit April um so eine Klasse in Küllstedt. Die neue Klasse ist die erste im ländlichen Raum. Crivellaro hat selbst fünf Jahre lang so eine Deutschklasse in Heiligenstadt unterrichtet. Seit dem Vorjahr leitet sie die Schule in Küllstedt. Um Küllstedt gibt es besonders viele Schulkinder aus der Ukraine.

Viele von ihnen sind über das Landhotel in Bickenriede in die Region gekommen. Bei einem Willkommenstreffen im Bickenrieder Marienheim hat auch Verena Crivellaro die vielen Kinder gesehen. Seitdem bemüht sie sich um eine Sprachförderklasse an ihrer Schule.

Eine Frau Pakt eine Trinkflasche in einen Beutel
Jeder ukrainische Schüler erhält einen Rucksack mit Schulutensilien. Mit einem Aktionstag hat die Schule dafür Spenden gesammelt. Schulleiterin Verena Crivellaro packt einen Rucksack für Mädchen aus. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Fünf Intensivklassen in Nordthüringen

Im Schulamtsbezirk Nordthüringen gibt es seit 2015 an fünf Orten sogenannte Intensivdeutschklassen: in Nordhausen, Sondershausen, Mühlhausen, Leinefelde und Heiligenstadt. Diese werden derzeit wieder aufgestockt; die Klasse in Heiligenstadt wird ab September wieder neu eröffnet.

Dass es nun in erstmals im ländlichen Raum so ein Angebot gibt, hat einen Grund: "Wir wollen die Kinder nicht durchs Eichsfeld kutschen. Die Situation ist diesbezüglich anders als 2015. Die Flüchtlinge sind breiter gestreut", sagt Bernd Kittlaus vom Nordthüringer Schulamt in Worbis. "Wir sind auf solche Massen nicht eingestellt." Gesucht werden deshalb in Nordthüringen 18 Lehrerinnen.

Hunderte Anträge stapeln sich auch in Worbis

Auch im Schulamt Worbis stapeln sich wie in allen Schulämtern die Anträge auf Schulbesuch; beispielsweise 240 aus dem Kreis Nordhausen und 109 aus dem Kyffhäuserkreis. Bisher besuchen 1.500 junge Kriegsflüchtlinge eine Thüringer Schule. Jedes neue Schulkind muss in Deutschland gemeldet und gegen Masern geimpft sein.

Pro Klasse sollen maximal 15 Schüler unterrichtet werden. Weil einige Kinder aus dem benachbarten Unstrut-Hainich-Kreis kommen, muss Crivellaro auch so genannte Gastschulgenehmigungen beantragen. Dabei geht es auch um Kostenübernahme für den Schulbus. Erst wenn beide Landkreise und die eigentlich zuständige Schule zustimmen, gibt es die Erlaubnis.

Motivation sehr wichtig

Mit Natalja Yurschuk gibt es in Küllstedt nun auch eine Deutschlehrerin für die Ukrainer. Die Kiewerin hat bisher an einer Privatschule unterrichtet und freut sich nun auf ihre ukrainischen Schüler. "Es ist wichtig, die Kinder zu unterstützen, und dass sie einen Ansprechpartner haben", sagt Yurschuk.

Eine blinde Frau steht vor einer Schule
Natalja Yurchuk unterrichtet bis Kriegsbeginn seit fast 20 Jahren Deutsch an einer Kiewer Privatschule; ab 30. Mai ist sie hier an der Küllstedter Regelschule als Deutschlehrerin zur Sprachförderung für Ukrainer zunächst für ein Jahr angestellt. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

"Fremdsprachen sind wichtig und erst recht für die Zeit nach dem Krieg", sagt sie. Die Motivation der Kinder ist im Moment besonders wichtig. In der Ukraine unterrichten fast alle Schulen Englisch. Französisch, Spanisch oder Deutsch werden als zweite Fremdsprache angeboten.

Es ist immer ein Plus, wenn man Fremdsprachen spricht. Wenn wieder Frieden ist, erhöhen sich mit den Deutschkenntnissen auch die beruflichen Chancen. 

Natalja Yurschuk

Für jedes Kind einen Schulrucksack

Noch bevor überhaupt der erste ukrainische Schüler da war, haben die Kinder kurz nach Kriesgbeginn eine Spendenaktion gestartet. Vom Erlös erhalten alle urkainischen Mitschüler einen Schulrucksack.

Mehr zu den Folgen des Krieges gegen die Ukraine

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 16. Mai 2022 | 20:30 Uhr

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