Solaranlagen auf dem Feld Photovoltaik auf Ackerflächen: Wissenschaft euphorisch, Bauern skeptisch

Thomas Kalusa
Bildrechte: MDR/Karina Heßland

Die Photovoltaik soll in Deutschland massiv ausgebaut werden - unter anderem mit einer Solaranlagen-Pflicht für Neubauten. Ein noch viel größeres Potenzial steckt indes in Solaranlagen über Ackerflächen. Doch die Thüringer Landwirte haben ihre Zweifel.

Mit einem Kran wird eine Agrar-Photovoltaik-Anlage montiert (Aufnahme mit einer Drohne).
Mit einem Kran wird eine Agri-Photovoltaik-Anlage montiert - hier im Wendland in Niedersachsen. Bildrechte: dpa

Diesel ist teurer als Benzin, die Zwei-Euro-Marke für Kraftstoff an der Tankstelle überschritten. Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt, wie verwundbar unsere Energieversorgung ist. Die neue Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, den Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv voranzutreiben. Dazu beitragen könnte die sogenannte Agri-Photovoltaik (Agri-PV) - also die gleichzeitige Nutzung von Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion und für Energieerzeugung.

In Erfurt wird schon seit über zweieinhalb Jahren  daran geforscht, wie mehr Flächen für Solarenergie erschlossen werden können. Professorin Kerstin Wydra von der Fachhochschule Erfurt sagt, das Dächerprogramm der Bundesregierung mit einer Solaranlagen-Pflicht auf Neubauten reiche nicht aus, wenn die installierte Photovoltaikleistung in Deutschland von derzeit 60 Gigawatt auf 200 Gigawatt erhöhen werden soll.

Wydra sagt: Allein auf den Thüringer Ackerflächen, auf denen jetzt Raps, Mais und andere Energiepflanzen für die Biodieselerzeugung und für Biogasanlagen angebaut werden, könnten theoretisch 77 Gigawatt Strom erzeugt werden. 17 Gigawatt Strom mehr als momentan in ganz Deutschland bei voller Produktion mit Photovoltaik erzeugt wird.

Rapsfeld vor Windpark
Energiepflanze mit Windenergie... Bildrechte: IMAGO / Westend61

Klimawandel kostet Landwirte halbe Milliarde Euro

Die Professorin im Forschungsbereich Pflanzenproduktion im Klimawandel sieht dadurch sogar bessere Wuchsbedingungen für Nahrungsmittel. Denn der Klimawandel beeinflusst auch die Ertragslage bei der Landwirtschaft. Sie rechnet vor, dass deutsche Landwirte durch den Klimawandel jährlich über eine halbe Milliarde Euro Verlust machen. Mehr als Hälfte davon entsteht durch Trockenheit, ein Viertel durch Hagelschäden.

Früchte
Hier wachsen Himbeeren unter einem Solar-Dach. Bildrechte: Karthaus/BayWa

Der Anbau von Energiepflanzen, vor 20 Jahren noch mit Steuererleichterungen und Fördermitteln vorangetrieben, habe sich als der falsche Weg erwiesen, so Wydra. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern würde ein PKW, der 5,5 Liter Biodiesel verbraucht, mit dem Jahresertrag eines Rapsfeldes 32.000 Kilometer weit fahren können. Mit dem Jahresertrag einer PV-Anlage auf einem Hektar hätte ein E-Auto (Verbrauch 16 kWh pro 100 Kilometer) dagegen eine Reichweite von sagenhaften 3.750.000 Kilometer, käme also 116-mal so weit.

Biogasanlagen weiter wichtig

Die Landwirtschaft selbst sieht in der Ausweitung von PV-Anlagen auf landwirtschaftlichen Flächen allerdings einige Probleme. Es gebe Chancen und Risiken, sagt Toralf Müller, der Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes aus Pfersdorf bei Hildburghausen. Er betreibt selber eine Biogasanlage. Er sagt, letztlich wollten sich die Landwirte der Photovoltaik nicht verschließen, das sei auch im Positionspapier des Thüringer Bauernverbandes zur Agri-Photovoltaik so festgehalten. Aber Biogasanlagen seien weiter wichtig für die Grundlast, so Müller. Sonne scheint nur am Tag. Etliche Häuser in seinem Ort würden durch die Biogasanlage mit Wärme und Strom versorgt. Zudem könne die Behandlung von Gülle und Pflanzen in den Anlagen die Methanemissionen senken.

Testanlage für Agri-PV in Biessenhofen im Allgäu.
Testanlage für Agri-PV in Biessenhofen im Allgäu. Bildrechte: IMAGO / MiS

Weniger Nitrate im Boden

Auch deshalb ist in den vergangenen 20 Jahren erheblich in Biogasanlagen investiert worden. 260 Biogasanlagen gibt es in Thüringen, das seien Investitionen von 500 Millionen Euro, so Müller. 90 Prozent der Emissionen von Methan und Lachgas aus landwirtschaftlichen Abfällen wie Gülle könnten durch die Biogasanlagen vermieden werden. Auch der Schwefel, der die Gülle so stinken lässt, werde durch den Vergärungsprozess reduziert. Zudem sei der Stickstoffdünger aus der Biogasanlage für Pflanzen besser verfügbar. Es sei mehr von der Stickstoffvariante Ammoniumnitrat im Dünger. Das werde weniger ausgewaschen und könne dadurch auch nicht in tiefere Bodenschichten oder gar ins Grundwasser gelangen.

Kühe im Kuhstall, eine Hand reicht Futter
Ihre "Abgase" werden noch genutzt. Bildrechte: Budimir Jevtic/Adobe Stock

Umdenken gefordert

Kerstin Wydra sieht dagegen mehr negative Effekte durch Energiepflanzenanbau. Vor allem die Monokulturen mit riesigen Mais- und Rapsfeldern seien für die Natur und die Artenvielfalt schädlich. Auf 110.000 Hektar würden allein in Thüringen Energiepflanzen angebaut. Sie plädiert für ein Umdenken und belegt dies auch mit technischen Lösungen, die vielerorts eine Doppelnutzung von Ackerwirtschaft und PV-Anlagen möglich machten.

Überdachte Erdbeerfelder, Obstplantagen und Gemüsefelder schützten Pflanzen vor extremer Hitze und Hagel. Auch senkrecht aufgebaute Solaranlagen können eine Doppelnutzung für Landwirtschaft und Stromgewinnung möglich machen. Derzeit plane man in Thüringen Pilotanlagen, wie es sie beispielsweise schon in Baden-Württemberg gibt. Dabei werden Seilkonstruktionen über die Äcker gespannt, ähnlich wie beim Hopfenanbau, sodass Landmaschinen darunter problemlos arbeiten können.

Überdachtes Feld
Auch als Schutz geeignet. Bildrechte: Karthaus/BayWa

Steiniger Boden: Gefahr für Solaranlagen?

Landwirte-Funktionär Müller bleibt skeptisch. Ackerbau und Solarflächen ließen sich vielerorts nicht vereinbaren. Manche Geräte für den Feldbau haben eine Breite von bis zu zwölf Metern. Auch könnte es beim Pflügen in den in Süd- und Nordthüringen oft steinigen Böden Schäden an den Solaranlagen geben. Anders sieht er es im Grünland, das durch den Rückgang bei der Tierproduktion immer mehr Möglichkeiten biete. Grünland soll aber nach bisherigen Plänen der Bundesregierung für Solarflächen nicht genutzt werden.

Kerstin Wydra treibt auch die zuweilen schwer berechenbare Haltung der Bürger vor Ort um. Es dürfe nicht wie bei der Windkraft eine ablehnende Haltung gegen die Energieerzeugung mit Photovoltaik auf landwirtschaftlichen Flächen entstehen. Deswegen müssten die Bürger bei der Agri-Photovoltaik von Anfang an eingebunden werden.

MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit | 05. März 2022 | 18:25 Uhr

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