Corona in der Lungenklinik | Woche 7 Corona-Station Neustadt: "Omikron ist hier noch nicht angekommen"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche. Diesmal geht es darum, wie sich die Klinik auf die Impfpflicht für Pflegekräfte vorbereitet und was er zum Betrug mit Pflegebetten denkt.

Dr. Frieder G. Knebel in der Lungenklinik in Neustadt/Harz 14 min
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Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel über sinnvolle Hygieneregeln, die Vorbereitung seiner Klinik auf die Impfpflicht für Pflegekräfte und sagt seine Meinung zum Betrug mit Pflegebetten.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 13.01.2022 20:53Uhr 13:55 min

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Wir sind wieder in der Klinik in Neustadt. Wie ist bei Ihnen diese Woche die Lage?

Entgegen dem allgemeinen Deutschlandtrend sind ja Thüringen und Sachsen, die lange die Fahne an der Spitze getragen haben, jetzt eher die, die hinterherlaufen. Und darüber sind wir nicht traurig. Die Inzidenz in Thüringen ist doch deutlich gefallen, auch im Landkreis Nordhausen, zu dem wir ja zählen.

Wir haben natürlich Covid-Patienten, das ist klar. Auf der ITS (Intensivstation) liegen derzeit vier und im Haus sind noch weitere vier auf der Normalstation und damit sind wir momentan sehr gut bedient und hoffen, dass es so bleibt. Aber laut allen Prognosen kommt Omikron noch. Da müssen wir schauen, was sich da entwickeln wird in den nächsten Tagen.

Viele Experten sagen, die Symptome bei Omikron sind viel schwächer. Sie haben beim letzten Mal gesagt, dass man es aber auch nicht unterschätzen darf. Bemerken Sie jetzt hier bei den Patienten, die Sie hier haben, schon veränderte Symptome?

Anfänglich wurde nicht die Virus-Variante bestimmt und es wurden nur Stichproben sequenziert. Jetzt haben die Gesundheitsämter festgelegt, dass jede positive Covid-Probe sequenziert wird. Und damit haben wir jetzt eine Aussage zu 100 Prozent, welche Variante vorliegt.

Momentan bewegen wir uns hier noch im Delta-Bereich. Omikron ist noch unterrepräsentiert. Vielleicht, das wäre so eine kleine Hoffnung, haben wir Glück dadurch, dass wir ja lange hohe Inzidenzen hatten. So bringen die Genesenen einen gewissen Schutz in der Gesamtbevölkerung, denn die Impfung bringt den in Thüringen nicht, da liegen wir mit 65 Prozent unter dem Durchschnitt.

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Hauptsache gesund Do 13.01.2022 21:00Uhr 15:59 min

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Beim letzten Mal haben Sie ja noch gesagt, Sie sequenzieren nicht. Jetzt wird neuerdings sequenziert. Machen Sie das hier im Haus oder schicken Sie das ein?

Nein, das sind hoch spezielle Untersuchungen. Das kann man nicht einfach nebenbei machen, das braucht spezielle Labore. Laborleistungen hat zwar vielfach die einzelne Station oder auch das Krankenhaus, aber für viele Sachen gibt es zentralisierte Labore an Krankenhäusern als Labor-Gemeinschaft. Die verfügen dann auch über die entsprechende Technik. Man muss sich das vorstellen wie einen langen Tisch: Da steht eine Maschine neben der anderen und dort kann man dann verschiedenste Sequenzierungsarbeiten durchführen. Wir schicken das in ein spezielles Labor nach Halle, das ist dafür unser Partner.

Wenn ein Patient oder eine Patientin Husten hat und zum Arzt geht, wie läuft das momentan? Ordnet sich Corona schon in die normale Diagnostik ein?

Also es wäre nicht unklug, wenn man meint, man habe jetzt Fieber und Symptome, die in Richtung Covid gehen, dass man erst mal zu Hause einen Schnelltest macht. Und wenn dieser positiv ist, dann sollte ich mich beim Arzt vorher anmelden. Nutze ich vielleicht einen anderen Eingang? Gibt es separate Zugänge für Corona-Patienten?  In dem Fall würde ich mich nicht eine Stunde lang in den normalen Warteraum setzen. Also das wäre der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist, wenn denn ein positiver Schnelltest vorliegt, muss in einem Testzentrum ein qualifizierter PCR-Test gemacht werden. Bin ich infiziert, muss ich in Isolation, hatte ich Kontakt, in Quarantäne. Wenn es mir dann schlechter geht, muss ich in die Klinik.

Wenn ich aber Symptome habe und mein Schnelltest negativ ist, dann habe ich etwas Anderes. Kann ein normaler Schnupfen sein, kann Influenza sein, das wissen wir ja noch nicht. Und dann gehe ich natürlich zum Arzt, melde mich ganz normal an und muss dann schauen, was ergeben die Untersuchungen. Der Arzt wird das dann entscheiden.

Auch Influenza kann man natürlich abstreichen, sogar mit der gleichen Maschine wie bei Covid. Nach einer halben oder dreiviertel Stunde liefert die Maschine ein Ergebnis. Dann kann der Arzt sagen, ob der Patient ins Bett muss oder Medikamente bekommt oder ob man einfach abwartet. RSV zum Beispiel ist nach drei Tagen durch. Dann hat man allerdings noch zwei bis drei Wochen einen trockenen Husten.

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV)

Das RSV ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter und einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern. In Saisonalität und Symptomatik ähneln RSV-Infektionen der Influenza. Ihre Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung wurde lange Zeit unterbewertet. Nach aktuellen Schätzungen kommen RSV-Atemwegserkrankungen jedoch weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr vor.

RSV-Infektionen treten zyklisch auf. In Mitteleuropa ist die Inzidenz von November bis April am höchsten (RSV-Saison), in den übrigen Monaten kommen sporadische Infektionen vor. Der Gipfel der RSV-Saison erstreckt sich über etwa 4 bis 8 Wochen und liegt meist im Januar und Februar, seltener auch im November und Dezember. (Quelle: RKI)

Als ich vorhin ums Haus gelaufen bin, habe ich gesehen, dass überall Schilder hängen, dass Patienten mit Covid-Symptomen einen anderen Eingang nehmen sollen. Hat sich das jetzt hier alles so eingepegelt? Oder nervt es die Leute, dass das alles ein bisschen komplizierter ist als früher?


Ich weiß nicht, ob man sagen kann, es ist kompliziert, es ist anders, das will ich zugeben. Sinn dieser Übung ist ja, die Ströme zu trennen. Wir sind ja Level-1-Klinik, so dass wir einen Großteil der Patienten auf Anmeldung verlegt bekommen, das wird durch den Intensiv-Transport Mitteldeutschland organisiert.

Und die wissen auch genau, welches Krankenhaus sie wo anfahren. Eigentlich haben alle Krankenhäuser inzwischen eine gewisse Entzerrung und für Covid-Patienten gibt es meistens einen extra Fahrstuhl, einen extra Eingang und Ausgang. Das ist meist separiert und wird von dem üblichen Strom deutlich getrennt. Und das ist einfach sinnhaft und hat sich durchgesetzt.

Hinweisschild für Covid-19-Paienten
Corona-Patienten nutzen in Neustadt/Harz einen separaten Eingang. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und das ist genau das, was die Hygiene-Konzepte in den einzelnen Häusern auch vorschreiben. Also da gibt es überall einen Standard, der ist aufgeschrieben, festgelegt, mit der Hygiene abgestimmt und mit den Chefetagen. Ich denke, dass das kein Hindernis darstellt, eher ist jeder froh, dass diese Trennung eigentlich in der Regel sehr klug durchgeführt wird.

Stichwort Hygienemaßnahmen: Sie haben ja da Konzepte entwickelt und immer wieder verändert. Gibt es da jetzt Ideen, die unabhängig von Corona so gut sind, dass Sie die später beibehalten wollen?

Also Infektionskrankheiten haben die Menschheit ja schon immer beschäftigt. Bakterien, Viren, Pilze, alles was dazugehört, ist ja noch gar nicht so lange bekannt, gerade mal reichlich hundert Jahre. Es sind natürlich immer wieder Notwendigkeiten entstanden, Sachen weiterzuentwickeln. Aber man muss natürlich immer bedenken, dass auf jeder Körperzelle statistisch gesehen zehn fremde Lebewesen leben und das ist eine Menge.

Inhaliermaschine
Auch die Nutzung der Inhalations-Maschinen in der Lungenklinik in Neustadt unterliegt dem Hygienekonzept. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wenn man in die Geschichte guckt, dann weiß man auch, dass zum Beispiel früher viele Menschen an Zahnentzündungen gestorben sind. Das sieht man beispielsweise, wenn Archäologen Schädel ausgraben. Deswegen ist heute das Konzept der Hygiene ein ganz anderes. Also wir haben ja gelernt, auf Toiletten zu gehen und nicht mehr, wie im Mittelalter die Notdurft aus dem Fenster oder im Wohnzimmer zu verrichten. Wir haben auch gelernt, uns die Hände zu waschen und inzwischen haben wir vielleicht auch eine ganz andere Beziehung zu Desinfektionsmittel aufgebaut. Viele solche Dinge haben sich entwickelt und haben damit natürlich auch die Lebenserwartung der Menschen deutlich erhöht. Und wenn das so verstanden wird und umgesetzt, dann ist das schon gut.

Aber die Wirkung für den Einzelnen oder für das Haus ist unbedeutend, sondern es ist immer die statistische Wirkung für die Gesamtbevölkerung. Dazu gehören das Händedesinfizieren, Masken, Abstand, Lüften, all das. Und wenn jetzt immer ordentlich gelüftet wird, dann ist das sicher auch ein großer Fortschritt. Egal, ob mit oder ohne Corona.

Wir hatten das letzte Mal auch übers Impfen geredet. Jetzt rückt ja die Impfpflicht für Pflegeberufe näher. Ich gehe davon aus, dass das bei Ihnen im Hause auch diskutiert wird. Was für Gespräche und Diskussionen gibt es dazu?

Also ich glaube nicht, dass es Gesundheitseinrichtungen gibt oder Pflegeheime, die damit kein Problem haben. Überall gibt es natürlich auch Menschen, die - aus welcher Motivation auch immer - nicht geimpft sind. Und damit rückt natürlich jetzt eine Wand heran mit dem 16. März, wo noch nicht genau absehbar ist, was da eigentlich droht.

Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegepersonal ab 15. März

Der Bundestag hat am Freitag, 10. Dezember 2021, nach gut einstündiger Aussprache den gemeinsamen Gesetzentwurf von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP zur Stärkung der Impfprävention gegen Covid-19 beschlossen. In namentlicher Abstimmung stimmten 569 Abgeordnete für den Gesetzentwurf, 79 lehnten ihn ab. Es gab 38 Enthaltungen.

Der Gesetzentwurf der drei Koalitionsfraktionen sieht vor, dass in bestimmten Einrichtungen und Unternehmen tätige Personen geimpft oder genesen sein oder ein ärztliches Zeugnis über das Bestehen einer Kontraindikation gegen eine Impfung gegen Covid-19 besitzen müssen. Dem Personal in Gesundheitsberufen und Berufen, die Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen betreuen, komme eine besondere Verantwortung zu, da es intensiven und engen Kontakt zu Personengruppen mit einem hohen Infektionsrisiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf habe, heißt es darin.

Wir haben natürlich verschiedene Strategien entwickelt und müssen sehen, wie wir damit umgehen. Wir müssen gesetzlich die Leute freistellen, aber es sind ja schon Klagen auf dem Weg gegen dieses Gesetz und gegen diese Regelung.

Letztendlich wird kurz vorher noch mal genau entschieden werden müssen, was von all diesen Regeln am Ende übrig ist und was für den 16. März wirklich konkret gilt. Das sind jetzt noch etwa zwei Monate und diese Zeit würde ich erst mal in Ruhe abwarten. Wenn man das aber alles eins zu eins durchsetzen wollen würde, dass also dann ein Beschäftigungsverbot besteht, dann gibt es sicher erhebliche Probleme.

Und ob das klug ist, in dieser Situation, in die hart arbeitender Pflegeberufe einzugreifen, die ja teilweise auch in Quarantäne oder Isolation sind, weil sie eben auch mal eine Infektion haben oder Kontakt haben, weiß ich nicht. Dazu kommt noch, dass die Stimmung momentan nicht gut ist, wegen der letzten Vorschläge der Regierung zum Corona-Bonus und dessen Verteilung.

Haben Sie mit Ihren Mitarbeitern, die noch nicht geimpft sind, da schon mal drüber geredet, wenn man sich mal so auf dem Gang trifft? Gibt es solche Gespräche dann zwischen Tür und Angel auch mal?

Das würde ich so nicht machen, weil ich meine, derjenige, der nicht geimpft ist, der hat ja seine Gründe, der hat sich das ja überlegt. Und das ist ja auch keine Entscheidung der letzten drei Tage. Die Impfung begann ja schon Ende 2020. Und wenn jemand sich entschieden hat, gibt es natürlich Gespräche, aber gut vorbereitet.

Und natürlich muss man da schon mal darüber diskutieren. Aber so zwischen Tür und Angel, solche sensiblen Themen? Das würde ich eher nicht machen. Und ich muss auch ehrlicherweise sagen, dass natürlich die Pflegedienstleitung sich viel mit den Pflegekräften dazu austauscht. Innerhalb der Ärzteschaft wird darüber geredet und auch innerhalb der Verwaltung. Das Thema ist ein sehr sensibles.

Jetzt ist ja gerade auch die Diskussion um die Fördermittel für Intensiv-Betten lauter geworden. Wie verfolgen Sie diese Diskussion? Wie wirkt sich das auf Sie aus? Macht das zusätzlich eine schlechte Stimmung? Wie sehen Sie dieses Thema?

Intransparenz ist heute ein ganz schlechtes Thema, weil man kaum noch etwas auf Dauer verstecken kann. Es mag manchmal ein bisschen dauern, aber irgendwann kommt es ans Licht. Wir haben natürlich auch Fördermittel bekommen und wir haben auch unsere intensiv-Kapazität erweitert, das war aber schon 2020. Wir hatten dann eher die Problematik, dass wir keine Pflegekräfte hatten. Das ist jetzt aber wieder recht gut ausgeglichen.

Aber die Fördermittel, die wir erhalten haben, die sind natürlich ihrem Zweck entsprechend eingesetzt worden und das wird auch kontrolliert. Also mir ist nicht ganz klar, wie dass funktioniert, dass jemand Fördermittel bekommt und die zweckentfremdet nutzt. Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen, da fehlt es mir an krimineller Energie. Ich mag es lieber, wenn die Dinge so laufen, wie sie geplant sind.

Das ist ein gutes Stichwort, "wie sie geplant sind". Wir planen, uns nächste Woche wieder zu treffen. Ich danke Ihnen an der Stelle. Wir machen hier erst mal Schluss und alles Gute für die nächste Woche.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. Januar 2022 | 15:00 Uhr

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