Corona in der Lungenklinik | Woche 2 "Wenn Sie Angehörige trösten, trösten Sie auch ein bisschen sich selbst"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche über die Situation in seiner Klinik. Diesmal erzählt er, wie es gelungen ist, Personal zurückzugewinnen und wie man den Mitarbeitenden hilft, die mentale Belastung auf einer Intensivstation zu bewältigen.

Dr. med. Frieder G. Knebel auf der Intensivstation 7 min
Dr. med. Frieder G. Knebel, der ärztliche Direktor der Doceins Lungenklinik in Neustadt/Harz. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
7 min

Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel, wie es gelungen ist, Personal zurückzugewinnen und wie man den Mitarbeitenden der Klinik in Neustadt hilft, die mentale Belastung auf einer Intensivstation zu bewältigen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 09.12.2021 22:14Uhr 06:53 min

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Sie haben ja beim letzten Mal erzählt, dass es Ihnen gelungen ist, neues Personal dazu zu gewinnen und auch zurückzuholen. Vielleicht können Sie mir erzählen, wie Sie das geschafft haben.

Man macht natürlich immer ein bisschen Marketing, das ist klar. Das Wesentliche ist aber die Verbindung von Mensch zu Mensch. Die Leute hier kennen sich weitestgehend und reden miteinander, treffen sich oder telefonieren. Über die Jahre sind Freundschaften entstanden. Das meiste lief praktisch auf privater Ebene - mehr oder minder unter dem Aspekt: "Ach, das ist jetzt doch anders".

Oder es hat jemand von außen angerufen, hat dann gesagt: "Na ja, ich würde vielleicht doch wiederkommen", und mit dieser Person haben wir dann gesprochen, und noch mal vorgestellt: Was haben wir für Konzepte? Wohin entwickeln wir uns? Was ist der zukunftsfähige Ansatz? Welche Investitionen gibt es? Das hat schon viel dazu beigetragen.

Aber man muss natürlich klar sagen: Personal gibt es deutlich zu wenig. Was auch interessant ist: In der zweiten und dritten Welle gab es zum Beispiel Kinderbetreuungsangebote, die gibt es so in der vierten Welle nicht. Und wenn der Kindergarten anruft, ein Kind müsse in Quarantäne, weil es einen Fall in der Gruppe gebe, dann sind schnell mal drei, vier Mütter weg. Dann muss man sehen, wie man die Schicht übersteht.

Und dann gibt es die Pflegepersonal-Untergrenzen-Verordnung und das heißt, man fällt durch diesen Ausfall teilweise unter die Untergrenze, denn die Betroffenen sind ja dann 14 Tage in Quarantäne. Man kann sie aber auch nicht plötzlich ersetzen und schon hat man ein Problem und es folgen Abzüge. Da sind viele Dinge, die spielen heute eine Rolle, was Personal anbelangt. Die sieht man so außerhalb des Krankenhauses nicht.

Erklärung Pflegepersonal-Untergrenzen-Verordnung

Seit Januar 2019 gelten für Krankenhäuser verbindliche Pflegepersonal-Untergrenzen. Das Instrument "Pflegepersonaluntergrenzen" legt für bestimmte Bereiche stationsbezogen eine Mindestanzahl an Pflegekräften zur Versorgung einer festgelegten Anzahl an Patientinnen und Patienten fest. Wird im Monatsdurchschnitt weniger Pflegepersonal als vorgeschrieben eingesetzt, muss das Krankenhaus Vergütungsabschläge hinnehmen oder zukünftig die Patientenzahl reduzieren. Gestartet ist das Instrument, das der Qualitätssicherung dienen sollte, 2019 in den Bereichen Geriatrie, Intensivmedizin, Kardiologie und Unfallchirurgie.

Das kann ich mir gut vorstellen, es ist ja auch so, dass die Arbeit mit Corona-Patienten sehr viel aufwändiger ist, aber eben vor allen Dingen, dass es mental auch anstrengend ist. Wo können sich denn die Mitarbeitenden hinwenden bei Ihnen, die mental an ihre Grenzen stoßen?

Als erstes die Schicht, dann natürlich das Team als solches. Aber wir haben auch Psychotherapeuten und regelmäßige Supervision, das ist vorgeschrieben für die ITS (Intensivstation) und andere Bereiche. Und natürlich hat jeder auch seine Familie, wo man sich mal den seelischen Druck vom Leib reden kann. Aber die Arbeit ist schon anders, wenn man viele Stunden dort in Vollschutz arbeitet. Trotz der Helme und der Ventilatoren ist das nicht ohne.

Der größte Vorteil ist eigentlich, dass inzwischen alle geimpft sind. Das heißt, das Infektionsrisiko oder die bedrohliche Situation: "Ich könnte ja selber krank werden und das mit nach Hause nehmen", die ist kleiner geworden, aber immer noch zu einem gewissen Teil da. Jetzt mit Omikron muss man noch mal sehen, wie sich das entwickelt.

Jetzt liest man ja immer wieder, dass in vielen Krankenhäusern Pflegekräfte nicht geimpft sind, bei Ihnen ist das ja offenbar anders. Was ist für Sie der Grund dafür?

Über die Frage habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich würde aber sagen, dass die Menschen, die hier arbeiten, viel miteinander reden - ob Ärzte, Pflegende, ob Küchenpersonal, Techniker, Reinigungskräfte, Verwaltungsangestellte, das ist völlig egal. Wir sind ja ein sehr kleines Haus und damit kennt noch jeder jeden. Das ist schon mal ein großer Vorteil. Und in diesem Bereich wird natürlich auch miteinander gesprochen: "Was denkst du über Impfungen?". So ist eigentlich eine relativ gleichförmige Gruppenmeinung entstanden, sich doch impfen zu lassen.

Und ich glaube, diese Gruppen-Konformität war dort ein Vorteil. Die hat nicht zu einer Silo-Mentalität geführt und zum Abschotten, sondern zu einer fast hundertprozentigen Impfquote. Auch wir haben natürlich Menschen, die jetzt sagen: "Nein, ich lasse mich nicht impfen". Das gibt es hier natürlich auch und sie können ja trotzdem hier arbeiten. Das ist okay, aber sie müssen dann natürlich jeden Tag vor Schichtbeginn einen Schnelltest machen.

Früher war das ja so, vor Corona, dass man auch mal Kolleginnen und Kollegen zum Hospitieren einladen konnte. Das ist ja heute alles ein bisschen erschwert. Kriegen Sie Anfragen von Kollegen, was den Umgang mit den Corona-Patienten betrifft?

Momentan nicht, weil alle mit ihren Einrichtungen wegen Corona so unter Druck sind, dass keiner wirklich Zeit hat, über den Tellerrand zu gucken. Das muss man auch verstehen, weil Ärzte grundsätzlich knapp sind. Und wenn dann noch jemand für eine Hospitation weggehen würde in so einer Notsituation, in der die zweite und die dritte ITS aufgemacht werden, um alle Patienten zu behandeln - das fänden der Chef oder die Verwaltung wahrscheinlich nicht wirklich gut. Die sind froh, wenn genug Ärzte da sind, die die Schichten dort ableisten können.

Sie haben es gerade gesagt, das erfordert eine Menge Arbeit. Sie können sich als Chef mit dieser vielen Arbeit ja mental doch auch ganz gut ablenken, kann ich mir vorstellen. Aber Sie sind ja auch Arzt. Wie schaffen Sie das? Wie gehen Sie mit dieser Situation um, die wir jetzt gerade haben, dass auch junge Leute auf der Intensivstation liegen, deren Zustand sich schnell verschlechtert? Wo können Sie das mal abladen?

Ach, das ist immer schwierig. Wir unterhalten uns im Kollegenkreis. Die Supervisionen, die schätze ich auch. Das hängt ja nicht an irgendeiner Dienststellung, das sollten schon alle nutzen. Und ich spreche auch mal mit meiner Gattin über solche Dinge, anonym natürlich. Aber über diese Belastungen muss man doch mal irgendwo reden. Und gerade, wenn man einen Patienten verliert, ist das immer eine Niederlage - und die muss man wegstecken.

Wir sind relativ gut, was die Überlebensraten betrifft. Aber das beruhigt einen nicht, weil es ja nicht um die Statistik geht, sondern immer um jeden Einzelnen. Und der kann nicht "ein bisschen" sterben, sondern entweder man überlebt das, wie Gott sei Dank die meisten, oder eben leider nicht. Und immer ist so ein Verlust eine Niederlage, die man dann verkraften muss. Und das geht auch nur im Team.

Und manchmal muss man vielleicht auch mal zusammen eine Träne vergießen mit den Angehörigen oder mit ihnen sprechen und Trost spenden. Aber mit diesen Worten für die Angehörigen spendet man sich auch selber immer ein bisschen Trost. Das muss ich auch sagen. Aber es ist nicht wirklich leicht.

Vielen Dank, Dr. Knebel.

Was die Lungenklinik beim Beatmen anders gemacht hat als viele andere Krankenhäuser und wie die Mitarbeitenden mit dem Sterben ihrer Patienten umgehen, erzählt Dr. Knebel dann nächste Woche.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 10. Dezember 2021 | 18:00 Uhr

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