Erinnerungskultur Lichtprojektion in Nordhausen bringt NS-Verfolgte zurück in die Straßen

Das Erinnerungsprojekt "Faces for the names" macht Opfer des Nationalsozialismus mitten im Stadtleben sichtbar. Große Lichtprojektionen von Gesichtern NS-Verfolgter werden an ehemalige Wohnstätten oder Arbeitsorte geworfen. In dieser Woche ist das Projekt zu Gast in Nordhausen. Ein Gedenkmarsch, der auch von seinem charismatischen Gründer geprägt ist.

Ein Mann projiziert ein Gesicht an eine Hauswand, darunter stehen Menschen.
Das Projekt "Faces for the names" macht Halt in Nordhausen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mann am Mikrofon ist bekannt dafür, dass er immer eine Kippa trägt. Terry Swartzberg ist gebürtiger New Yorker, Wahlmünchner seit 1985 und macht seit 2012 ein Experiment daraus, wie die Menschen auf den Straßen auf sein sichtbares Jüdisch-Sein reagieren. Egal wo er hingeht, er behält seine Kippa auf. Die positiven Reaktionen überwiegen deutlich, sagt er.

Den Toten ein Gesicht geben

Um die Sichtbarkeit von Juden im Alltag geht es Swartzberg auch an diesem Mittwochabend in Nordhausen. Mit Lautsprechern und einem Projektor ist er in den Südharz gekommen. Er will Nordhäuser Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, für einen kurzen Moment in die Straßen zurückzuholen. "Bringing them back" - ruft Terry Swartzberg ins Mikro. "Wir bringen sie zurück in unser Bewusstsein und unsere Herzen", sagt er in der Jüdenstraße.

Eine Frau, daneben ein Mann, der in ein Mikrofon spricht.
Terry Swartzberg ist mit dem Erinnerungsprojekt in Nordhausen unterwegs. Bildrechte: MDR/Armin Kung

"Faces for the names" - zu Deutsch "Gesichter zu den Namen" - ist ein 2021 gegründetes Gedenkprojekt des Vereins J.E.W.S (Jews engaged with society e.V.). Ein Projektor, zusammengebaut aus einer starken Taschenlampe und einem Kameraobjektiv, wirft die Porträts ermordeter Juden bereits in der Dämmerung an die Hausfassaden.

Erinnerungskultur trotz schwindender Zeitzeugen

Um 18 Uhr versammeln sich rund 40 Zuschauer in der Straße "Auf dem Sand". Swartzberg spricht auf dem Gehweg vor einem Wohnblock darüber, wie es gelingen kann, die Erinnerungen lebendig zu halten - trotz des Verschwindens von Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden. Mit dem Projekt will er genau das schaffen.

Ein Mann bedient einen Projektor.
Die alten Aufnahmen werden mit einer Taschenlampen-Konstruktion an die Fassaden geworfen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Über Swartzberg prangt das Gesicht von Theodor Wolff, projiziert an die Hausfassade. Wolff wurde 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Sein Gesicht als visuelles Element soll helfen, auch bei jüngeren Menschen das Interesse an der Geschichte der Shoa, dem Genozid an den europäischen Juden, wachzuhalten. Schüler der Lessing-Regelschule, des Humboldt-Gymnasiums und Studenten der Fachhochschule sind gekommen.

Muslimische Sozialarbeiterin spricht Gebet

Swartzberg spricht zuerst das Kaddish, das jüdische Totengebet. Kurz darauf holt er Julia Lahlou aus dem Publikum zu sich. Sie ist Jugendsozialarbeiterin an der Lessing-Schule und Muslima. "Wir praktizieren ja Solidarität zwischen Juden und anderen Religionen. Bitte lies dieses Gebet auf Deutsch." Julia Lahlou spricht das Gebet für die sechs Millionen Ermordeten.

Ein Mann mit Mikrofon spricht mit einer Frau.
Julia Lahlou spricht in Nordhausen ein Gebet für die von den Nazis ermordeten Menschen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Auch Schülerinnen machen mit. Die 13-jährige Freddy vom Humboldt-Gymnasium trägt die Biografie des Nordhäusers Joseph Immanuel vor. Er wurde 1942 in Theresienstadt, dem heutigen Terezín, ermordet.

Erinnerungswanderung durch die Stadt

Beim Gedenkprojekt "Faces for the names" wandern die Teilnehmer immer auch durch die Stadt: Von Wohnstätte zu Wohnstätte geht es - werden die Biografien der Ermordeten verlesen. Nordhausen ist die erste Station des Projekts in Thüringen und Ostdeutschland, erzählt Terry Swartzberg unterwegs.

Am Pferdemarkt wird er mit seinem charmanten New Yorker Dialekt über Nordhausen sagen: "Leute, habt ihr die Nordhäuser Bibliothek gesehen? Ich war schon in vielen Städten, aber das ist die schönste von ganz Deutschland. Kein Witz!"

Freude über Unterstützung der Bevölkerung

Der vierte Halt des Abends ist die Rautenstraße. Der Gedenkzug stoppt vor einem der vielen Schaufenster. Terry leuchtet mit der Taschenlampe auf einen Stolperstein. "Die Rautenstraße war mal voll mit jüdischem Leben", sagt er. Es mache ihn glücklich zu sehen, wie stark die Zivilgesellschaft in Nordhausen heute wieder ist, und blickt dabei ins Publikum.

Der letzte Weg des Abends führt zum Pferdemarkt. Der Tross spaziert vorbei am Denkmal für die zerstörte Nordhäuser Synagoge. Sie wurde während der Novemberpogrome 1938 durch die Nationalsozialisten in Brand gesetzt.

Menschen stehen in einer Reihe unter einer Straßenlaterne.
Das Erinnerungsprojekt lebt vom Rückhalt in der Bevölkerung, wie hier in Nordhausen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Wenige Meter weiter an einem Wohnhaus wirft der Projektor das letzte Mal Gesichter an die Fassade. Terry Swartzberg spricht ein letztes Gebet. Er erklärt: "Darin heißt es, dass ich dankbar bin, so lange leben zu dürfen, dass ich diesem schönen Moment erleben durfte." Die Zuschauer rufen "Amen" und applaudieren.

Projekt endet mit öffentlicher Feier

"Faces for the names" endet am Freitag, dem jüdischen Shabbat. Terry Swartzberg lädt dazu zu einer öffentlichen Feier auf dem Nordhäuser Pferdemarkt ein - mit einem Friedensgebet und dem gemeinsamen Singen des Liedes "Ose shalom".

MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | THÜRINGEN JOURNAL | 13. Oktober 2022 | 19:12 Uhr

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