Thüringen | Sachsen-Anhalt Unverkäuflich: Der uralte Siebengemeindewald und seine Geschichte

Porträt Regionalkorrespondent Armin Kung
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Den Siebengemeindewald im Südharz gibt es seit mindestens 700 Jahren. Mehrere Orte in Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden eine Waldgenossenschaft, die noch immer auf mittelalterlichem Recht fußt.

Hand mit Waldunterlagen
Uralte Waldunterlagen belegen die lange Geschichte der Waldgenossenschaft. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Sieben Gemeinden am Rande des Südharz tragen ein uraltes Geheimnis in sich. Wer hier ein Haus besitzt, erhält einen Anteil am Siebengemeindewald. Einer 1000-Hektar großen Waldgenossenschaft nördlich der A38. Dank eines kuriosen Rechtsrelikts aus dem Mittelalter, das nach über 700 Jahren noch immer gültig ist.

Eine Urkunde aus dem Jahr 1341 besagte erstmals, dass Bewohner von sieben Orten exklusiven Zugang zu dem Wald erhalten. Dabei handelt es sich um den Thüringer Ort Görsbach und die sachsen-anhaltischen Orte Berga, Bösenrode, Uftrungen, Thürungen, Rosperwenda und Schwenda. Eine im Jahr 1868 endgültig festgelegte Liste regelt, welcher Bewohner auch Waldgenosse ist. Daraus sind 951 ideelle Waldanteile entstanden.

Waldanteile für die Ewigkeit

Besonders am Siebengemeindewald ist, dass die Waldgenossen ihre Anteile nicht verkaufen können. Die Anteile sind auf ewig an den Boden gebunden. Wer sich auf einem der Grundstücke ein Haus kauft, wird Waldgenosse. Wer ein Grundstück vererbt, vererbt das Recht. Wer verkauft, verliert den Zugang zum Wald.

Baum mit Schild
Jedem Waldvogt wird ein Baum mit Schild gewidmet, als Dank für seine oder ihre Dienste. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Ein Recht, das auf uralten Prinzipien beruht. Waldgenossenschaften regelten im Mittelalter den Zugang zum Holz, einem überlebenswichtigen Rohstoff dieser Epoche. Heute unvorstellbar: Die Anwohner mussten dafür nichts bezahlen. Die Grafen von Honstein und später von Stollberg gewährten ihren Untertanen die private Nutzung des Holzes. Die heutigen Bewohner der sieben Gemeinden müssen dagegen etwas bezahlen. "Allerdings zu einem sehr günstigen Preis", sagt Waldvogt Jens Hoffmann.

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Umwelt in Ostdeutschland Do 28.10.2021 18:50Uhr 24:52 min

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Die wenigsten wissen davon...

Allerdings wissen die wenigsten Anwohner davon. Der Waldvogt schätzt, dass nur zehn Prozent dieses Recht tatsächlich nutzen. Einer, der regelmäßig Holz aus seinem Wald holt, ist Helmut Zimmermann aus Görsbach im Landkreis Nordhausen. Er ist Ortvorstand von Görsbach und leidenschaftlicher Waldgenosse. Der 73-Jährige erinnert sich gut, wie zu DDR-Zeiten der Waldvogt ins Dorf kam: "Erst ging ein Ausrufer durch das Dorf und kündigte an, dass der Waldvogt da ist. In der Schenke hat dieser dann die sogenannten Holzzettel verteilt. Darauf war genau beschrieben, wie viel Holz jedem Grundstück zusteht und wo man seinen Stapel findet. Dann zogen die Familien los und suchten ihr Holz."

Waldvogt Jens Hoffmann (l.) und Görsbacher Ortsvorstand Helmut Zimmermann
Waldvogt Jens Hoffmann (l.) und der Görsbacher Ortsvorstand Helmut Zimmermann. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Viele Waldgenossenschaften haben die Jahrhunderte nicht überlebt. In dem Buch "675 Jahre Siebengemeindewald" schreiben die Autoren Steffi Rohland und Heinz Noack von drei weiteren Genossenschaft im heutigen Landkreis Sangerhausen, die aufgelöst wurden.

Der Siebengemeindewald dagegen hatte selbst die enteignungsfreudige DDR überlebt. Auf dem Papier wurden die sieben Gemeinden zwar nicht enteignet. Doch in der Praxis wurde der Wald als "Zwischengenossenschaftliche Einrichtung Wald" (ZEW) in die staatliche Forstwirtschaft eingegliedert. Unterlagen zeigen, dass die Waldgenossenschaft aber nie ganz aufgegeben hatte: Selbst zu DDR-Zeiten führte der eigentlich arbeitslose Waldvogt Richard Gottschalk die Konten der Waldgenossenschaft weiter.

Wie ein Forstbetrieb, nur ohne Profit

Nach der Wende erhielten die sieben Orte ihren Wald zurück und organisierten sich neu. In den Gemeinden wählte man einzelne Ortsvorstände, die Teil des Waldvorstandes wurden.

Waldhaus
Im Waldhaus wohnt der Förster der Genossenschaft. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Auf den ersten Blick wirkt der Siebengemeindewald heute wie ein normaler Forstbetrieb. Waldarbeiter fällen Bäume, Stämme werden auf Laster verladen und ins nahe Sägewerk verkauft. Ein Förster wohnt im 200 Jahre alten Waldhaus. Doch die Waldgenossen wollen keinen Profit machen. Sie wollen den Wald nachhaltig pflegen und die lokale Tradition erhalten. "Jeder Cent Mehreinnahme fließt wieder zurück in die Pflege und die Erhaltung des Waldes", sagt Waldvogt Jens Hoffmann.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 02. Januar 2022 | 16:42 Uhr

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