Berufswunsch und Berufsalltag Wer gräbt wo in Thüringen was aus? - Interview mit einem Experten

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Immer wenn gebaut wird, rücken auch sie an: Die Archäologen. Über eine Hassliebe von Kulturrettern und Bauleuten und von einer "verrückten" Berufsgruppe, der der Nachwuchs ausgeht. Christian Tannhäuser vom Landesamt für Archäologie spricht im Interview über den Grabungsalltag in Thüringen und über Nachwuchssorgen.

Menschen arbeiten an einer Augrabungsstelle
Ausgrabung auf dem Erfurter Domplatz. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Herr Tannhäuser, wo wird denn in Thüringen überall gegraben?

Überall. Das hängt damit zusammen, dass wir mit dem Baugeschehen untrennbar vernetzt sind. Es gibt in Ostthüringen ein großes Trassenprojekt an einer Ferngas-Trasse, Südlink wird uns sicherlich beschäftigen - auch wenn es uns auch nur im Zipfel Thüringens streift. Ganz wichtige Schwerpunkte sind natürlich die Städte: Erfurt, Weimar, Gotha, Eisenach, Gera - überall wird gebaut.

Dr. Christian Tannhäuser
Dr. Christian Tannhäuser Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Hat sich durch die Corona-Krise daran was geändert?

Die Bauindustrie ist nach meiner Einschätzung der Wirtschaftszweig, der aus der Corona-Krise am unbeschadetsten herauskam - abgesehen vielleicht von Lieferschwierigkeiten bei Baumaterial. Ich kenne in Thüringen keinen Fall, wo eine ganze Baustelle über lange Zeit aufgrund von Corona stillgelegt wurde. Es gab vielleicht mal punktuelle Unterbrechungen wegen einzelner Corona-Fälle und Quarantäne. Aber das sind dann zwei bis vier Wochen und zum Teil wurden Ersatz-Teams geschickt.

Das war natürlich trotzdem anstrengend - aber der Bau ging immer weiter und demzufolge mussten wir auch weiter arbeiten. Die Bauindustrie wartet nicht auf uns und so wäre ein Großteil von kulturellem Gut und Erbe für die Nachwelt verloren. Wir hatten aber natürlich den Vorteil, dass wir arbeiten durften, konnten und mussten und haben in dieser Zeit tatsächlich auch wirklich viele Sachen gemacht.

Natürlich unter den erschwerten Corona-Bedingungen: Hygieneregeln wurden sehr verschärft. Die Arbeiter durften nicht mehr zusammen Pause machen, es gab Schichtbetrieb. Aber wir haben auch das Glück, dass wir unter freiem Himmel arbeiten können und da steht niemand enger als anderthalb Meter. Das sieht auf den Winterbaustellen in der Stadt in Grabungszelten schon anders aus. Wir hängen am Tropf der Bauindustrie oder anders gesagt - sind als Überwacher der Industrie tätig. Und deswegen haben wir kontinuierlich durchgearbeitet in ganz Thüringen, und das wird auch so weitergehen.

Menschen arbeiten an einer Ausgrabungsstelle
Arbeit an einer Ausgrabungsstelle Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Ist das eine "Hassliebe"?

Das kann man so sagen. Natürlich interessiert sich jeder für Geschichte und seine Kultur. Das kriegen wir auch als Feedback auf unseren Ausgrabungen immer wieder mit. Normalerweise gibt es auch immer einen Tag der offenen Tür bei solchen großen Ausgrabungen. Das fiel nun durch Corona weg.

Aber: es ist gesetzlich geregelt, dass wir bei Bauvorhaben eingeschaltet werden müssen. Es ist eine Auflage genau wie der Umweltschutz oder der Gewässerschutz. Wir müssen also in allen Planungen berücksichtigt werden. Das funktioniert bei großen Straßenbauprojekten zum Beispiel sehr gut. Die Planungsbüros haben uns auf dem Schirm.

Aber bei privaten Hausbauern sieht das manchmal anders aus. Wir versuchen auch, das nicht über das Maß hinaus zu strapazieren und das dürfen wir auch nicht, dafür gibt es einen "Zumutbarkeits-Faktor". Aber die Bauherren werden für diese Ausgrabungen finanziell herangezogen. Das ist gesetzlich festgelegt - und es ist das wirtschaftliche Risiko, das ich als Bauherr trage.

Der Kulturschutz gehört dazu, aber da stößt das Verständnis immer mal an seine Grenzen und wir müssen gelegentlich auch mal die Ellenbogen und die Schultern ausfahren und auch mal ein Ordnungsstrafverfahren einleiten oder einfach "auf den Tisch hauen" bei einer Beratung und dann klappt das. Wir wollen natürlich auch den Bau nicht verhindern. Das ist nicht unser Job. Wir müssen unsere Arbeit machen und die Bauleute müssen ihre Arbeit machen und wir müssen versuchen, die Schnittstellen so geschmeidig wie möglich zu gestalten.

Wenn ich mir vorstelle, dass Sie mit 20 Leuten auf meine Baustelle kommen und ich die alle bezahlen soll, ist das verständlich!

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das bei einem privaten Häuserbauer passiert, ist gering. Ein Bungalow hat vielleicht 150 Quadratmeter Stellfläche. Hier entlang der B247 ist das was anderes - da reden wir von 40.000 Quadratmetern.

Aber gab es nicht in Erfurt ein Projekt, bei dem aus geplanten Sozialwohnungen dann hochpreisige Wohnungen wurden? In einer Querstraße zur Andreasstraße.

Ob das ohne Archäologie tatsächlich Sozialwohnungen gewesen wären? Das ist eine philosophische Frage und ich wage es zu bezweifeln. Es gibt ja schließlich in den Innenstädten den Begriff des "Betongoldes". Für solche Projekte gibt es aber die gesetzliche Festlegung, wie hoch die Kosten für archäologische Untersuchungen sein dürfen und das sind 15 Prozent der Gesamtkosten des Projekts. In den Innenstädten liegen wir meistens bei acht bis zehn Prozent und bei Straßenbauprojekten wie in Schönstedt bei fünf bis sechs Prozent.

Es kann aber sein, dass die Planungen nicht gut sind und es dann durch die Archäologie auch zu Verzögerungen kommt und die sind teuer für den Bauherren, teurer als die eigentliche Ausgrabung. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau und ich muss sagen: Wer in einer Innenstadt wie Erfurt baut und von Archäologie noch nie etwas gehört haben will, der ist entweder ignorant oder stellt sich dumm.

Wir haben hier den Dom und den Petersberg, die alles überragen als Landmarke, wir haben Duzende Kirchen in der Erfurter Innenstadt und wenn man glaubt, dass man in der Nähe eine dreistöckige Tiefgarage bauen kann, ohne Archäologie, dann sollte man sich einen anderen Beruf suchen.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 29. Mai 2021 | 07:20 Uhr

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