Archäologie Ein Batzen Funde: Was die Ausgrabungen bei Schönstedt alles zutage fördern

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Kurz hinter Bad Langensalza bei Schönstedt steht ein großer Bagger und trägt die Erde ab. Eine Gruppe Grabungsleute sichert hier Gräber, Skelette, Keramik und Metall, das von einem früheren Leben an der heutigen B247 erzählt. Bald verläuft hier eine neue Straße. Zuvor wird alles gesichert. Ein Besuch im strömenden Regen.

Menschen stehen an einer Ausgrabungsstelle
Bestes Grabungswetter in Schönstedt? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Es ist Mai in Thüringen und es regnet. Je näher ich dem Feld in Schönstedt komme, desto schlimmer wird es. Christian Tannhäuser vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hat mir die grobe Richtung durchgegeben. Nach einem Klinkerbau links soll ich rechts nach einem Bagger Ausschau halten.

Bagger
Das ist das Zeichen, nach dem ich Ausschau halte... Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Hier muss es sein. Tannhäuser begrüßt mich mit den Worten: "Ziehen Sie sich erstmal um, dann gehen wir zum Grabungsfeld". Mit Jeans und Turnschuhen bin ich total falsch angezogen. Eine Anglerhose wäre wohl heute das richtige. Hab' ich aber nicht. Auch keine Gummistiefel. Die Mannschaft, die geschlossen dicke Wanderstiefel trägt, hat was zu lachen. Das ist keine feuchte Erde, das ist schlimmer als auf jedem Festival und geht in Richtung Erdrutsch.

Ich nehme es mit Humor und Tannhäuser sagt: "Solange Sie noch lachen können, ist doch gut. Bitte nicht hinfallen". Geht nicht. Ich stecke fest.

Schuhe im Matsch
Festes Schuhwerk ist hier alles... Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Arbeit an der frischen Luft, auf Spurensuche, einmal wie Indiana Jones fühlen. Soweit die Phantasie. Wobei, wenn man sich Christian Tannhäuser ansieht, dann kommt es dieser Phantasie schon verdammt nah. Er trägt einen Hut, eine dicke, olivfarbene Jacke, darüber eine Regenjacke.

Dr. Christian Tannhäuser
Dr. Christian Tannhäuser Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Die Ausgrabung laufen hier mehr oder weniger ganzjährig. Also die Leute sind im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter draußen, wenn das Wetter mitmacht. Sonst ist es nicht zu schaffen, sagt Tannhäuser.

Aber irgendwas ist immer: Zu viel Sonne oder zu wenig. Da muss man einfach hart im Nehmen sein.

Christian Tannhäuser Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Er und das Team sind eingestellt auf Regen, Sonne, auch mal auf null Grad und Schnee im Winter. Wenn es zu schlecht wird, sagt er, sind die Mitarbeiter im Innendienst. Dann sortieren sie Material, reinigen es, katalogisieren und bereiten es fürs Archiv vor.

Ich spreche mit der Grabungsleiterin und sage, dass sie ja wirklich total beklopptes Wetter haben. Sie sagt: "Heute geht es doch noch. Gestern kam dazu noch Wind". Wir lachen. Aber sie meint es ernst.

Menschen arbeiten an einer Ausgrabungsstelle
Damit das Wasser nichts wegspült, muss heute viel abgedeckt werden. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Seit vier Jahren laufen die Ausgrabungen an dieser Trasse schon. 2017 ging es los. Der Streckenneubau der B247N ist mehr als 30 Kilometer lang. Die Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie haben in vier Etappen ausgegraben. 35 bis 40 sogenannter Fundstellen gab es. Manche wurden von zehn Mitarbeitern ausgegraben, in Spitzenzeiten waren es sogar 50, erzählt Tannhäuser.

Fast 1.000 Entdeckungen bei Schönstedt

Im Bereich der Ortsumfahrung Schönstedt hat das Team fast 1.000 Dinge gefunden. Korrekt formuliert "archäologische Strukturen freigelegt". Tannhäuser spricht von einem "sehr fundreichen Bereich".

Bagger an einer Ausgrabungsstelle
Wer hier wohl einst gewohnt hat? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Einige Stücke sind schon im Museum gelandet und werden in der Mühlhäuser Ausstellung über Römer und Germanen gezeigt, sofern es bald wieder geht.

Was ist was? Befunde sind Strukturen, die vom Menschen angelegt wurden - wie Grabgruben, Siedlungsgruben, Pfosten-Gruben von Gebäuden zum Beispiel.

In diesen Befunden findet sich Fundmaterial, das später mal in einem Museum gezeigt wird.

Beides zusammen macht den Charakter des Bodendenkmals aus.

Neben den ganzen Erdhügeln gibt es viele ausgebaggerte Stellen. Zwei Mitarbeiter gehen in eine Grube hinein und decken für mich ein Skelett auf. Ein schnelles Foto, dann decken sie alles wieder mit einer Plane ab.

An den Rändern der Löcher liegen kleine Schildchen und Seile, ein Stück von einem Kiefer, einige Knochen und Scherben. All das wird gesichert, bevor hier die Straße gebaut wird.

Skelett
Das Loch im Kopf war nicht die Todesursache. Hier haben die Knochen mit der Zeit dem Druck der Erde nachgegeben, erklärt der Experte. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Durch die Ausgrabung im Vorfeld dieser Baumaßnahme wird das "Bodendenkmal" hier draußen zwar zerstört, so Tannhäuser. Doch seine und die Aufgabe des Teams ist es, die Informationen, die in dem Befund und in den Funden gespeichert sind, zu dokumentieren und somit für die Nachwelt zu sichern.

Unsere Dokumentation zerstört es zwar hier vor Ort, versetzt es aber in einen anderen Zustand - einen dokumentierten Zustand. Und der wird im Landesamt verewigt.

Christian Tannhäuser

Funde vorzeigbar machen

Die gesicherten Funde werden im Zentralmagazin im Thüringischen Landesamt für Archäologie in Weimar eingelagert. Vieles von dem, was hier neben der Landstraße zu Tage gekommen ist, hat Potential, in einer Ausstellung zu landen. "Es gibt hier zwei Siedlungsplätze. Einer aus der Jungsteinzeit von ersten Bauern, die in Thüringen ankamen - um das fünfte vorchristliche Jahrtausend. Wir finden Langhäuser, also 30 bis 40 Meter lange Häuser, in denen die Menschen mit ihrem Vieh unter einem Dach gewohnt haben", erklärt Tannhäuser.

Scherben und Skelettteile
Ist das was, frage ich? Ja, sagt Tannhäuser. Typische Funde für diese Ausgrabungsstätte. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Dann gibt es noch eine Siedlung aus der römischen Kaiserzeit - dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus. "Die Metallfunde zeigen uns, dass es damals Handelsbeziehungen in die römischen Provinzen gab", so Tannhäuser.

Funde können genau datiert werden

Manche Funde sind also tausende Jahre alt und trotzdem können die Archäologen sie teilweise bis auf das Jahrzehnt genau bestimmen, erklärt der Gebietsreferent. Das funktioniert mit der sogenannten archäologischen Methode, die Objekte nach typologischen Merkmalen datiert - ihrem Aussehen und dem zeitlichen Wandel.

Stellen sie sich ein Auto von vor 50 Jahren vor. Denken Sie an ein Auto des gleichen Typs 30 Jahre später. Es ist immer noch ein Auto, es ist immer noch dieselbe Marke - aber es gibt deutliche Unterschiede, die zum einen mit technologischen Wandel zu tun haben, zum anderen aber einfach auch mit Zeit-Geschmack.

Christian Tannhäuser

So ähnlich ist es vor vielen tausend Jahren etwa mit Gewand-Schließen gewesen, den "Fibeln". Sie unterlagen laut Tannhäuser einem "sehr schnellen Wandel". Wenn man jetzt an die Mode der 1960er, 1970er oder 1980er-Jahre denkt, kann man sich vorstellen, was er meint. Doch Stoffe sind hier nicht mehr übrig. "Wenn Sie so wollen, beschäftigen wir uns mit den Knöpfen und Reißverschlüssen der damaligen Zeit."

Dr. Christian Tannhäuser
Hat den Job, den er immer haben wollte. Sein halbes Leben steht Christian Tannhäuser im Dienste der Archäologie. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Für heute hat die Suche und das Freilegen aber auch ein Ende. Es ist zu nass, zu schlammig. "Wir machen sonst zu viel kaputt", erklärt mir ein Mitarbeiter am Auto. Er wechselt gerade seine Schuhe. Und ich versuche auch mal, die Erdklumpen an meinen loszuwerden. Soweit ich das beurteilen kann, steckt auch kein Fund aus dem fünften vorchristlichen Jahrtausend mehr drin.

Der Experte

Christian Tannhäuser arbeitet beim Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Bis Ende 2020 war er "Gebietsreferent" Nordthüringen und damit zuständig für alle Ausgrabungen vom Landkreis Sömmerda bis zum Eichsfeld. Es ist flächenmäßig das größte Gebiet und eines der fundreichsten Gebiete. Damit fiel auch die Ausgrabung in Schönstedt in seinen Bereich. Seit Oktober 2020 ist er für die Ausgrabungen in den großen Thüringer Städten zuständig, also Erfurt, Weimar, Eisenach, Gera, Gotha und Mühlhausen.
Vor Grabungsbeginn in Schönstedt wusste er aus dem sogenannten Ortsakten-Bestand, dass es im Bereich Schönstedt Funde aus der Kaiserzeit gab. Er vermutete eine Großsiedlung, wusste es aber nicht genau. Denn Bodendenkmale sind im Boden verborgen. Man kann es vergleichen mit Angeln: "Man weiß, dass im Teich viele Fische sind. Ob einer anbeißt, weiß man erst am Ende des Angelausflugs." Die Siedlung bei Schönstedt bezeichnet Christian Tannhäuser am Ende der Ausgrabung rückblickend als "Hammer". Was er und das Team gefunden haben ist "wirklich, wirklich toll". Das sagt er auch, weil er Gräberfelder aus der Völkerwanderungszeit als sein "persönliches Steckenpferd" bezeichnet. Vor zehn Jahren gelang ihm ein solcher großer Gräberfund. Er sagt: "Das passiert dir in deiner Karriere höchstens ein Mal." Mit Gold kann man ihn nicht so recht locken. Denn auch wenn ein Fund, wie der "Erfurter Schatz" ein "total interessanter und fetziger Jahrhundertfund" ist, so ist es nicht sein Traum. Er will lieber die Siedlungsgeschichte verstehen. Und stellt sich zum Beispiel beim Fund eines Langhauses vor, wie die Menschen hier gelebt haben. Trotzdem sagt er: "Ich wollte in keiner anderen Epoche geboren sein und bin Kind meiner Zeit“. Trotzdem hätte Tannhäuser manche Zeiten "durchaus gerne mal besucht". Doch er ist überzeugt: "Da, wo ich bin, bin ich gut aufgehoben."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 29. Mai 2021 | 07:20 Uhr

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