Wissenschaftliche Studie Rassismus in Gera: Arabische Migranten schildern häufige Angriffe und wenig Zivilcourage

Neun von zehn arabischen Migranten in Gera haben in den vergangenen fünf Jahren Rassismus erlebt. In den wenigsten Fällen erfuhren sie Hilfe oder Zivilcourage. Das sind Erkenntnisse einer neuen Studie der Dualen Hochschule Gera-Eisenach. Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Rahnfeld hat die Studienarbeit als Professorin betreut. Das Ergebnis nennt sie "schockierend".

Syrische Flüchtlinge
Die Geraer Hochschule wollte wissen: Wie viel Attacken erleben in die Stadt gekommene Geflüchteten von Einheimischen? Bildrechte: dpa

Die Ergebnisse der Studie in Kürze

88 Prozent der in Gera lebenden arabischen Migranten berichten von rassistischen Erfahrungen in den vergangenen fünf Jahren. Etwa die Hälfte von ihnen erlebt solche Angriffe oft oder nahezu täglich. Darüber hinaus gaben 63 Prozent der Befragten an, in diesen Situationen keine Hilfe erhalten zu haben. Nur 17 Prozent der Migranten machten die Erfahrung, dass Ihnen die Polizei, Kollegen oder fremde Personen halfen.

Dabei passieren diese Übergriffe meist im öffentlichen Raum, auf der Straße, in der Bahn, in Geschäften und sogar bei Behörden. Immerhin elf Prozent der Migranten gaben an, beim Besuch von Ämtern rassistisch angegangen worden zu sein. Ferner zeigt die Studie, dass Frauen häufiger von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind als Männer.

Die noch unveröffentlichten Fallstudie untersuchte mit einer Online-Befragung die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen der arabischen Migranten in Gera. 158 Menschen nahmen teil, davon 138 syrische und irakische Migranten. Damit bildet die Studie rund sechs Prozent der 2.325 in Gera lebenden Iraker und Syrer ab (Stand Dezember 2020) und kann als repräsentativ angesehen werden. Die Studie soll in den nächsten Monaten in Fachzeitschriften veröffentlicht werden.

Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Claudia Rahnfeld

Claudia Rahnfeld, Professorin für Professionstheorie und Disziplinäres Wissen in der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach 12 min
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Häufige rassistische Angriffe, wenig Hilfe - das sind die Ergebnisse einer Studie der Dualen Hochschule Gera. Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Rahnfeld hat die Studienarbeit als Professorin betreut.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 23.03.2022 13:00Uhr 12:00 min

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Frau Professor Doktor Rahnfeld, die Duale Hochschule Gera-Eisenach hat eine Studie zum Thema "Rassismus und Zivilcourage in Gera" angefertigt. Die Studie hat die Studentin Soha Halawe im Rahmen ihrer Bachelorarbeit durchgeführt. Sie haben die Arbeit betreut. Können Sie uns erklären, wie diese Studie aufgebaut war?

Grundsätzlich hat uns interessiert, wie häufig Menschen mit Migrationshintergrund - insbesondere aus dem arabischen Raum - in Gera Rassismus-Erfahrungen sammeln. Denn wir haben durch Einzelerfahrungen mitbekommen, dass rassistische Angriffe, Beleidigungen und Bedrohungen durchaus häufig sind. Das wollten wir zahlenmäßig hinterlegen. Wir haben dafür einen Fragebogen gebaut, der die soziodemographischen Daten abgefragt hat und dann ganz gezielt gefragt hat, welche konkreten rassistischen Angriffe, Übergriffe und Erlebnisse gemacht werden, wie häufig diese gemacht werden und vor allem auch in welchem Ausmaß Zivilcourage erlebt wird.

Claudia Rahnfeld Claudia Rahnfeld ist seit 2018 Professorin für Professionstheorie und Disziplinäres Wissen in der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach. Zuvor unterrichtete sie an der Evangelischen Hochschule Tabor Marburg.

Rahnfeld wurde 1985 in Greiz geboren und studierte Sozialwissenschaften an der Hochschule Jena. 2013 promovierte sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Wie konnten Interessierte an der Studie teilnehmen?

Es gab einen Online-Fragebogen. Durch die pandemischen Bedingungen war das so am einfachsten möglich. Der Fragebogen war auf Arabisch und Deutsch verfügbar. Die Verteilung erfolgte über aufgebaute Stammgruppen und über soziale Netzwerke.

Die Studie konzentrierte sich auf syrische und irakische Migranten und Migrantinnen. Warum nur auf diese Betroffenen und wie viele Menschen haben an der Studie teilgenommen?

Die Auswertung konzentrierte sich auf Syrer und Iraker, weil von allen Antworten 85 Prozent der Befragten angaben, syrischer Herkunft zu sein und 15 Prozent aus dem Irak stammten. Insgesamt haben 158 Menschen teilgenommen.

In Gera leben 2.325 syrische und irakische Migranten (Stand: Dezember 2020). Das bedeutet, dass rund sechs Prozent dieser gesellschaftlichen Gruppe befragt wurden. Ist die Studie damit repräsentativ?

Ja, die Zahl der Rücklaufquote in Bezug auf diese Grundgesamtheit ist erheblich und man kann davon ausgehen, dass die Ergebnisse repräsentativ für die syrischen und irakischen Mitbürger in Gera sind.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?

Im Wesentlichen konnten wir feststellen, dass tatsächlich die Hälfte der Befragten (51 Prozent) fast täglich oder sehr häufig verbale rassistische Angriffe erlebt. Das sind Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und andere Erniedrigungen. Zwei Prozent gaben an bespuckt worden zu sein. Jeder Dritte (29 Prozent) erlebt auch nonverbale Angriffe, abwertende Blicke oder eine vehemente Ignoranz. Das alles hat wenig überrascht. Dass ein Gebiet im Osten Deutschlands, mit einer hohen SGB2-Quote, wo die soziale Benachteiligung tendenziell schon eher hoch ist, dass es da häufigen zu rassistischen Übergriffen kommt, ist - zumindest aus sozialwissenschaftlicher Sicht - wenig überraschend. Eines der überraschendsten Ergebnisse gab es deshalb beim Thema Zivilcourage. Von den Befragten haben 63 Prozent angegeben, dass sie keinerlei Unterstützung in diesen Situationen erlebt haben. Das hat mich am meisten schockiert.

88 Prozent aller Befragten haben in der Studie angegeben, in den letzten fünf Jahren rassistische Erfahrungen gemacht zu haben. Kann man aus der Studie ableiten, wo Rassismus stattfindet?

Wir haben es nicht sozial-räumlich abgebildet, also in welchen Geraer Stadtteilen das passierte. Aber wir haben Orte abgefragt. Die meisten Übergriffe geschehen in der Öffentlichkeit, auf der Straße, in der Bahn, im Geschäft und jeder zehnte beschreibt sogar, dass in Behörden und in der Nachbarschaft konkrete rassistische Erlebnisse gemacht werden.

Die Rassismus-Erfahrungen, die Migranten und Migrantinnen in den Behörden machten, müssen die Stadtverwaltung Gera aufhorchen lassen. Die Stadt war selbst an der Studie beteiligt, gab es auch schon Reaktionen seitens der Stadt?

Die Integrationsbeauftragte der Stadt Gera, Nicole Landmann, war die Praxisbetreuerin von Frau Hallawe. Insofern hat die Stadt die Arbeit sehr eng begleitet. Es gab aber noch keine Äußerungen seitens der Stadt, was sicher auch damit zusammenhängt, dass wir die Daten in der Form noch nicht veröffentlicht haben. Wir hoffen natürlich, dass es auch Rückmeldungen aus der Stadt gibt und sie sich dazu positioniert.

Flüchtlinge treffen am ehemaligen Wismut-Krankenhaus ein
Flüchtlinge 2015 bei der Ankunft im ehemaligen Wismut-Krankenhaus Gera Bildrechte: Jörg Thiem

Kann man aus der Studie ableiten, was diese Angriffe für die Betroffenen bedeuten?

Wir haben nach den Auswirkungen gefragt und wollten auch wissen, was das mit dem Gefühlsleben der Befragten gemacht hat. Gerade bei Frauen beobachten wir hier Verängstigungen bis hin zu depressiven Tendenzen. Viele ziehen sich auch zurück, vermeiden es in der Öffentlichkeit gesehen zu werden oder wollen nicht mehr allein raus auf die Straße. Das sind wirklich traurige Ergebnisse.

Sind arabische Migranten besonders stark von Rassismus betroffen?

Darüber sagt die Studie nichts aus, weil dafür die Vergleichsgruppen fehlen. Die Studie zeigt aber, dass je offensichtlicher die Merkmale der Andersartigkeit sind, desto häufiger sind die rassistischen Übergriffe. Heißt: Frauen, die Kopftuch tragen, sind häufiger betroffen, als Frauen ohne Kopftuch. Allein die Tatsache, dass ich anders aussehe, birgt also schon ein relativ großes Risiko, dass ich an rassistischen Übergriffen irgendwann mal zu leiden habe. Hier muss man aber auch festhalten, dass mehr Männer an der Befragung teilgenommen haben, dass die Daten aber deutlich zeigen, dass Frauen häufiger von Rassismus betroffen sind. Wir vermuten, dass das daran liegt, dass Frauen die vermeintlich leichteren Opfer sind und Täter hier mit weniger Gegenwehr rechnen.

Bei der Bundestagswahl 2021 hat die AfD in Gera bei den Erst- und Zweitstimmen die meisten Stimmen geholt. Vermuten Sie hier einen Zusammenhang zum Ergebnis Ihrer Studie?

Ja, der Zusammenhang ist offensichtlich, lässt sich aber nicht aus der Studie ableiten. Aus rein sozialwissenschaftlicher Sicht können wir sehen, dass die AfD-Quoten im Osten vor allem da hoch sind, wo die soziale Benachteiligung auch groß ist. Die populistischen Erklärungsansätze und Strategien zielen ja darauf, genau dieses Publikum anzuziehen. Dass es hier also eine Korrelation gibt von rassistischen Erfahrungen und Wählerstimmen für die AfD, ist keine Überraschung.

Kommen wir zurück zur Studie. Welche nächsten Schritte sind bei der Veröffentlichung geplant und wird es auch eine "Preprint paper" geben, das online veröffentlich wird?

Wir planen es in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Zeitschriften zu veröffentlichen. Die Peer-Review-Verfahren verzögern das ein bisschen. Aber wir nehmen an, dass die Studie spätestens in einem halben Jahr veröffentlicht wird. Diese Beiträge werden versuchen, stärkere Erklärungsansätze und auch Lösungsansätze zu liefern. Das soll der Anspruch sein, denn wir haben auch Vorschläge formuliert, was es jetzt zu tun gibt.

Was es wissenschaftlich oder gesellschaftlich zu tun gibt? 

Das hängt beides zusammen. Wissenschaft hat die Funktion, zumindest aus meiner Sicht, Dinge öffentlich und transparent zu machen. Und der zweite Schritt ist dann, dass damit auch gesellschaftliche Appelle oder Signale gesendet werden. Allein der Punkt der Zivilcourage ist ein Punkt, der meiner Meinung nach an die Öffentlichkeit muss. Als ich die ersten Erfahrungen der Studenten hier gehört habe, war ich völlig schockiert, dass sowas überhaupt stattfindet und keiner einschreitet. Noch schockierter war ich jetzt, dass sich das auch in den Zahlen so belegen lässt. Und eine Ableitung ist es für mich beispielsweise, dass Zivilcourage keine freiwillige Entscheidung ist, sondern dass Zivilcourage eine Grundbedingung für Solidarität ist. Dass ich natürlich jemanden zur Seite stehen muss, der angriffen wird, an einem öffentlichen Ort.

Vielen Dank für das Interview!

Anmerkung der Redaktion: Für die Lesefassung wurde das Interview sprachlich redigiert und gekürzt. Die Audio-Fassung unterscheidet sich dadurch sprachlich leicht vom Text.

MDR (csr,ask)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. März 2022 | 13:00 Uhr

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