Entlastungspakete Knapp über Hartz IV: Wie eine Familie durchs System rutscht

Gas-, Lebensmittel- und Spritpreise steigen. Das belastet auch Familien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Besonders hart ist jedoch die Situation für Menschen mit geringem Einkommen – wie das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern zeigt. Bei ihr kommen auch nur wenige Entlastungen durch die Regierung an.

Familie Wontroba: Die alleinerziehende Mutter (Mitte) mit zwei ihrer drei Kinder auf einer Brücke.
Derzeit fällt es Familie Wontroba nicht leicht, den Kopf hoch zu halten. Die gestiegenen Preise und Kosten machen der alleinerziehenden Mutter zu schaffen. Das Einkommen liegt knapp über Hartz IV und so kommen auch viele Entlastungen nicht bei ihnen an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die gestiegenen Kosten für Lebensmittel, erhöhte Ausgaben für Nebenkosten-Vorauszahlungen und die Preise für Benzin belasten die kleine Familie mit geringem Einkommen sehr. Mutter Bianka Wontroba hat gerade eine eine Ausbildung zur Erzieherin beendet und bewirbt sich auf Stellen. Sie lebt allein mit ihren drei Kindern in Gera in Thüringen. Von den Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung kommt bei ihr nur wenig an – und so wächst ihre Angst, sich in den nächsten Monaten verschulden zu müssen.   

Bianke Wontroba ist alleinerziehend mit drei Kindern.
Das Familieneinkommen liegt bei rund 2.500 Euro. Bianka Wontroba sagt, damit hätten sie etwas mehr, als wenn sie Hartz IV beziehen würden.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das monatliche Einkommen setzt sich bei ihr so zusammen: "Es sind einmal 950 Euro Erziehungsrente", sagt die 38-Jährige. Diese bekomme sie, weil der Vater von Melissa (16), Maja (13) und Benjamin (12) verstorben ist. "Die Kinder bekommen jeder 199 Euro Halbwaisenrente." Dazu komme das Kindergeld von insgesamt 663 Euro und 316 Euro Pflegegeld. "Benjamin kam mit einer Erkrankung zu Welt und infolgedessen hat er einen Pflegegrad." Das macht insgesamt rund 2.500 Euro Familieneinkommen. Bianka Wontroba sagt, damit hätten sie etwas mehr, als wenn sie Hartz IV beziehen würden. 

Die Ausgaben der Familie pro Monat

Dem stehen die Ausgaben der vierköpfigen Familie gegenüber: "Wir haben vorher 630 Euro Miete bezahlt, und jetzt wurden die Betriebskosten um 200 Euro hochgesetzt", sagt die alleinerziehende Mutter. Die Abrechnung sei so hoch gewesen. "Also 830 Euro im Monat. Das ist wirklich sehr viel. Das reißt noch mal ein ordentliches Loch in die Kasse." Sie wisse nicht, wie sie das auffangen könne, da auch sonst vieles teurer werde und sie nirgends sparen könne.

Auf den Heizkostenzuschuss von einmalig insgesamt 490 Euro für eine vierköpfige Familie aus dem ersten Entlastungspaket hat die Familie keinen Anspruch. Der ist nur für Wohngeldempfänger. Ihr Antrag auf Wohngeld wurde jedoch vor rund zwei Jahren abgelehnt, Begründung: ihr Einkommen sei zu hoch. Zur Miete kommen an Fixkosten dazu: Schülertickets, Stromkosten, Handy und Internet, eine Ratenzahlung und die Kosten für Auto und Tanken. Insgesamt liegen die Ausgaben bei rund 1.400 Euro. "Das heißt da bleiben am Ende jetzt noch 1.000 Euro", sagt Bianka Wontroba. Rund 1.000 Euro pro Monat für Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel, Schulsachen und was sonst noch anfällt – für vier Personen, drei davon noch im Wachstum.

Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt fallen nun weg

Wie genau haben sie von den Entlastungspaketen der Bundesregierung bis jetzt profitiert? Die Töchter Maja und Melissa fahren mit dem Bus zur Schule. Allein die Schüler-Tickets kosten die Familie 98 Euro im Monat. Die haben sie im Sommer durch das Neun-Euro-Ticket gespart – und die Kinder konnten mehr unterwegs sein.

Bianka Wontroba fährt ein Auto, das ihr eine Verwandte zur Verfügung gestellt hat. "Das Auto ist schon ein kleiner Luxus. Aber darauf verzichten geht nicht." Sie benötige es, um zur Arbeit zu gelangen und mit ihrem Sohn zum Arzt zu fahren. "Wir haben Ärzte außerhalb in Greiz, in Jena. Die sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht ganz so einfach zu erreichen." Da hat der Tankrabatt geholfen.

Doch natürlich leiden die Wontrobas auch noch unter den gestiegenen Lebensmittelkosten. Die Kinder essen schon lange nicht mehr in der Schule. Denn das würde pro Monat insgesamt rund 240 Euro kosten. Das bedeutet: jeden Abend zu Hause kochen – und beim Einkaufen auf den Preis schauen. "Wir kochen halt öfter als sonst so, ich sage jetzt mal, billige Sachen. Also halt zum Beispiel Nudeln mit Tomatensauce", sagt die 13-Jährige Tochter Maja.

Wir kochen halt öfter als sonst so, ich sage jetzt mal, billige Sachen.

Maja Wontroba

Viele Entlastungen an Bezug von Sozialleistungen gekoppelt

Was ist also bei der Familie insgesamt angekommen? Von den ersten beiden Entlastungspaketen haben vor allem der Tankrabatt und das Neun-Euro-Ticket die Familie spürbar entlastet. Beide Maßnahmen sind jetzt ausgelaufen. Durch den Wegfall der EEG-Umlage beim Strom spart die Familie rund vier Euro im Monat.

Von den Entlastungen kommt bei Familie Wontroba nur ein Bruchteil an.
Viele Maßnahmen sind an Sozialleistungen gekoppelt, die die Familie nicht beziehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die restlichen Maßnahmen sind entweder an den Bezug von Sozialleistungen gekoppelt, die sie nicht bekommen. Der Heizkostenzuschuss von 490 Euro oder die Einmalzahlung an Arbeitslosengeld-Empfänger zum Beispiel. Ebenso bekommt Bianka Wontroba die Energiepreispauschale von 300 Euro nicht, weil ihre Einnahmen zu gering sind und sie keine Steuern zahlt. Auch von der Steuererleichterung durch die Erhöhung des Grundfreibetrags profitiert sie nicht.

Einzige Ausnahme: für ihre Kinder hat sie insgesamt 300 Euro Kinderbonus als Einmalzahlung bekommen. "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt die Mutter. Mit solchen Einmalzahlungen stopfe höchstens einen kleinen Teil eines riesigen Loches. "Es muss was Dauerhaftes sein."

Experte: Menschen mit geringem Einkommen kaum entlastet

"Die ersten beiden Entlastungspakete haben Menschen mit geringem Einkommen nicht ausreichend oder kaum entlastet", sagt der Wirtschaftsexperte Professor Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Es ist so, dass hier sehr viel mit der Gießkanne umverteilt wurde." Von den 30 Milliarden Euro habe jeder ein bisschen was bekommen. "Aber gerade Menschen mit geringen Einkommen haben relativ zu ihrem Einkommen doch eine sehr viel höhere Inflation und Belastung erfahren."

Doch Familie Wontroba rutscht auch noch durch andere mögliche Förderungen. Etwa bei Schulsachen: "Allein für Arbeitshefte 100 Euro", sagt Bianka Wontroba. "Dann muss an jedes Heft einen Umschlag. Jedes Buch braucht ein Umschlag. Das kostet natürlich auch nochmal Geld." Es gibt eigentlich auch das Paket Bildung und Teilhabe – ein staatlicher Zuschuss unter anderem für Schulsachen, Schülertickets und Essen. Doch auch auf die 468 Euro für Schulsachen haben die Wontrobas keinen Anspruch. Ebenso nicht auf die Erstattung der monatlichen Kosten für Schülertickets und Schulessen. Denn auch das ist an den Bezug von und damit den Anspruch auf Wohngeld gekoppelt. "Nichts davon bekommen wir", sagt die Mutter. "Und das ist nicht erst jetzt, sondern schon eine ganze Weile unser Problem: Wir rutschen einfach durch das System." Und das nur, weil sie etwas mehr Geld bekomme als ein Hartz IV-Empfänger.

Drittes Entlastungspaket: Kein Aufatmen bei Familie Wontroba

Immerhin: Durch das dritte Entlastungspaket – welches am Sonntag verkündet worden ist – würde die Familie nun auch die Einmalzahlung von 300 Euro für Renter erhalten, weil Bianka Wontroba Erziehungsrente bezieht. Am meisten verspricht sie sich eigentlich von der Wohngeldreform. Doch vieles ist unklar: "Wer bekommt denn nun Wohngeld? Das finde ich auch wieder sehr schwammig formuliert", sagt sie. Auf Nachfrage heißt es aus dem zuständigen Bundesbauministerium, die Details würden gerade erarbeitet. Fest stehe nur, dass die Bemessungsgrenze angehoben werde. Am Ende sollen statt der derzeit 700.000 Haushalte nach der Reform 2 Millionen Haushalte wohngeldberechtigt sein.

Wirtschaftsexperte Marcel Fratzscher sagt, dass bei Menschen, die mit ihrem Einkommen knapp über den Grenzen für Sozialleistungen oder andere Hilfen liegen, noch nicht genug passiert ist: "Da ist für mich die Schlüsselfrage – wie kann man die Strom- und Gaspreise entweder deckeln oder besser: wie kann man den Menschen Transfers geben, damit die mit den hohen Preisen umgehen können."

Bianka Wontroba hat Angst, dass ihr Schuldenberg so wächst, dass sie irgendwann nicht mehr aus den Schulden herauskommt, obwohl sie selbst kaum etwas dagegen tun könne. "Was natürlich auch bei vielen Familien ein Problem ist oder eine begründete Sorge." Sie fühle sich im Stich gelassen, weil sie immer durchs System rutsche.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 07. September 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus der Region Gera - Altenburg - Zwickau

Mehr aus Thüringen