Integration Gera Südbahnhof: Ein Rundgang durch "Klein-Aleppo"

Das Geraer Viertel am Südbahnhof ist ein Stadtteil im Wandel. Viele der Bewohner kamen seit 2015 aus Syrien nach Gera und versuchen seitdem, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Mit kleinen Läden und Restaurants bringen sie ein bisschen orientalisches Flair nach Ostthüringen. Seit einigen Jahren können die Geraer das Viertel bei speziellen Rundgängen näher kennenlernen.

Jana Huster hat uns zu einer besonderen "Fremden-Führung" eingeladen. Seit 2018 nimmt die Autorin im Rahmen der ökumenischen Akademie Gera-Altenburg Interessierte mit zu Rundgängen durch Geraer Stadtteile: Lusan, Bieblach - und "Klein-Aleppo", wie die Einheimischen das Viertel am Südbahnhof wenig respektvoll nennen. Jana Huster hatte bei ihren ersten Besuchen hier selbst Berührungsängste, wie sie erzählt. Doch die Neugier siegte, und irgendwann reifte die Idee, auch anderen die bunte orientalische Vielfalt rund um den Sachsenplatz zu zeigen.

Anfangs habe ich mich auch nicht da reingetraut, aber irgendwann war das Eis gebrochen.

Jana Huster, Autorin

Heute starten wir bei Munir's, einem kleinen Supermarkt mit einer großen Auswahl an orientalischen Gewürzen, Lebensmitteln und Alltagsgegenständen. Munir Khames hat den Markt erst vor kurzem eröffnet, es ist sein dritter Standort in Gera. Jede Nacht holt er frisches Obst und Gemüse vom Leipziger Großmarkt.

Ein orientalischer Supermarkt in Gera.
Munir Khames fährt jede Nacht zum Leipziger Großmarkt, um frisches Obst und Gemüse für seinen Supermarkt zu besorgen. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Im hinteren Bereich des Ladens schneidet ein Mitarbeiter an der Fleischtheke gerade frisches Rindfleisch in fertige Häppchen. Wo in deutschen Supermärkten fertig verpacktes Fleisch dominiert, wird hier noch selbst zerlegt. Das kommt bei den Kunden an. Auch immer mehr Einheimische kaufen hier.

Viele kommen und fragen bei den Gewürzen, wie sie die verwenden müssen. Deshalb kenne ich viele Kunden.

Munir Khames, Ladeninhaber

Im Nebenraum finden die Kunden orientalisches Geschirr, aber auch Gebetsteppiche. Quer über die Straße, versteckt in einem früheren Miethaus: die Gebetsräume der Moschee. Imam Hassan Salim begrüßt uns nach dem ersten Nachmittagsgebet, wir sitzen inmitten der Gläubigen und kommen mit dem Geistlichen ins Gespräch.

Froh über den Frieden

Hassan Salim erinnert sich noch gut an 2015, als viele neue Flüchtlinge nach Gera kamen. "Sie sind froh, dass hier Frieden ist", sagt er. Und erzählt von den Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache. So sei es schwierig gewesen, hier richtig anzukommen. Viele hätten sich auch erst einmal an das deutsche Naturell gewöhnen müssen. Etwas amüsiert berichtet der Imam von Problemen, wenn deutsche Familien am Abend schlafen gehen, während bei den syrischen Nachbarn das Leben beginnt. Solche Anfangsschwierigkeiten seien aber mittlerweile behoben.

Jetzt haben viele die Sprache gelernt, arbeiten, haben Geschäfte oder machen eine Ausbildung.

Hassan Salim, Imam am Sachsenplatz

Gleich um die Ecke können wir uns stärken. Laut Jana Huster gibt es im Orient Grill von Saleh Alhassoun das beste Shawarma der Stadt. Die Teigrolle mit Hähnchenfleisch duftet nach Gewürzen und viel Knoblauch. Gemeinsam mit Jana Huster und Dolmetscher Osama Abo Shahen probieren wir. Dazu gibt es ein Glas orientalischen Tee. Auch Besitzer Saleh Alhassoun hat seinen Orient-Grill noch nicht lange, trotzdem ist hier schon am Nachmittag richtig Betrieb. "Ich mache die Fleischspieße immer selbst", sagt Saleh Alhassoun zwischen zwei Kunden.

Ein orientalischer Imbiss in Gera Saleh Alhassoun überreicht Jana Huster eine Portion Shawarma
Saleh Alhassoun überreicht Jana Huster eine Portion Shawarma. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Das Stadtviertel wandelt sich, so Jana Huster, immer wieder öffneten neue Läden und andere verschwinden wieder. Viele Häuser wurden in den letzten Jahren saniert und werden wieder genutzt. Die großen Wohnungen in den Gründerzeithäusern sind auch bei den syrischen Familien beliebt. Das senkt auch den Altersdurchschnitt im Viertel. Laut Stadtverwaltung sind die Bewohner in "Klein-Aleppo" im Schnitt zehn Jahre jünger als der Durchschnitts-Geraer.

Hochbetrieb im Barbershop

Was wäre ein Rundgang durch den Stadtteil ohne einen Besuch im Beauty 42, einem neuen Barbershop an der Ecke zur Reichsstraße? Hier ist am Abend Hochbetrieb, alle drei Stühle sind besetzt. Ein Vater ist mit seinen zwei Söhnen extra aus Crimmitschau nach Gera gekommen, mangels Angebot in der sächsischen Kleinstadt. Hier bekommen die drei heute einen neuen Haarschnitt verpasst. Auf einem Platz an der Seite wartet ein junger Syrer. Er hat eine Gesichtsmaske bekommen. "Die reinigt die Haut", sagt er und lacht.

Ein Barbershop in Gera.
Im Barbershop ist am Abend viel Betrieb. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Wir machen uns auf den Rückweg und schauen noch mal im Supermarkt vorbei. Hier füllen die Mitarbeiter inzwischen die Regale auf. Auch die neuen Bewohner um den Sachsenplatz machen ihren Wochenendeinkauf.

Quelle: MDR(the)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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