Streit um Personalie Protest gegen fristlose Kündigung von Geras Amtsleiterin für Kultur

Der Name Claudia Tittel - er steht für große Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche von Kulturschaffenden, Künstlern und Kultur-Bürgern, nicht nur in Thüringens drittgrößter Stadt. "Gera hat endlich wieder eine Kulturamtsleitung" titelten die Zeitungen zum Jahreswechsel 2019/2020. Jetzt - 27 Monate später - lautet die Nachricht: Tittel ist fristlos gekündigt. Gegen des Rausschmiss regt sich Protest.

Claudia Tittel im Sommer 2021 beim von ihr organisierten Kultursommer Gera
Claudia Tittel im Sommer 2021 beim von ihr organisierten Kultursommer in Gera. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Die Geraer und die Kultur - ein Spannungsfeld

Wer ist diese Claudia Tittel, wieso sorgt ihr Fall für öffentliche Aufregung? Fragen, die sich wohl mancher in Gera stellt.

Es gibt hier zwar ein abwechslungsreiches Kulturleben - städtische Feste sind immer gut besucht. Tickets für Konzerte im Haus der Kultur sind gefragt. Das einzige Fünf-Sparten-Theater Thüringens, das Thüringer Staatsballett - darauf sind viele Geraer stolz, selbst wenn sie nicht regelmäßig zu den Besuchern zählen. Andererseits haben viele Menschen in der alten Arbeiterstadt kaum einen engen Bezug zu Kunst und Hochkultur entwickelt.

Ja, es gibt den Stolz auf den berühmten Maler Otto Dix. Aber unter den Gästen in seinem Geburtshaus trifft man oft eher Auswärtige als Gersche. Ja, wenn in Gera Kunstausstellungen eröffnet werden, dann sind schon ein paar Hundert Kunstfreunde da. Stammgäste gewissermaßen - die mit ihrem Enthusiasmus aber mehrere Zehntausend Mitbürger nicht anzustecken vermögen. Daran hätte Dr. Claudia Tittel gern etwa verändert - aber gelungen ist ihr das in der kurzen Amtszeit noch nicht. Vielleicht hat sie mit ihren hohen Ansprüchen sogar manchen Mitarbeiter im städtischen Kulturbereich verschreckt.

Claudia Tittel hat Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Architektur studiert. Ihre Professoren gaben ihr Erfahrungen und Wissen aus Berlin, Paris und Leipzig mit. Befähigten sie so, selbst zu forschen und zu unterrichten. Potsdam, Berlin, Saarbrücken, Hamburg; die renommierte Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die Bauhaus-Uni Weimar - alles Stationen, ehe sich Claudia Tittel für Gera entschied. Gerade weil sie meint, die Stadt sei eben auch künstlerisch nicht "Provinz".

Amtsleiterin bringt nicht alle hinter sich

Mag sein, dass Claudia Tittel bei ihrer Entscheidung für Gera etwas zu optimistisch sah: Aus den großen Kultur-Metropolen wusste sie, wieviel Kampf es kosten kann, mit einer guten Idee durchzukommen. Wieviel Widerstand es in der eher beschaulichen Stadt kosten würde, unkonventionelle Vorhaben umzusetzen - das hatte sie vielleicht nicht auf dem Schirm. Sie hatte wohl auch unterschätzt, dass die Mühlen einer Verwaltung langsamer mahlen. Nach Prozeduren, die man sich in Kreativbüros und Ideenschmieden oft gar nicht vorstellen kann. Es ist Claudia Tittel wohl oft nicht schnell genug gegangen. Sie akzeptiert nicht, wenn etwas gemacht wird, nur weil es immer so gemacht wurde. Sie hätte da trotzdem wohl genauer hinhören sollen - denn eigentlich brauchte sie ja jeden, damit Ihre Ideen schnell umgesetzt werden.

Claudia Tittel im Sommer 2021 als Gast bei der Geraer Sommerakademie für Hobbykünstler
Die Amtsleiterin im Sommer 2021 als Gast bei der Geraer Sommerakademie für Hobbykünstler. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Bitter muss für sie sein, dass ausgerechnet aus ihrem eigenen Amtsbereich begonnen wurde, am Stuhl zu sägen. Meckereien hinter vorgehaltener Hand habe es schon einige Zeit gegeben, erzählt man sich im Rathaus. Dann flatterte ein Brief auf den Tisch von Oberbürgermeister Julian Vonarb - ein anonymer. Inzwischen ist bekannt, was drin stand: Frau Tittel habe die "Rechte als Führungsperson missbraucht", indem sie "ohne ersichtlichen Grund Personen entlässt, die den Mut haben, ihre Entscheidungen zu hinterfragen". Personal-, Zeit- und Geldressourcen würden da verbrannt.

Zum Ende des Schreibens wird erkennbar, wieviel Wut dahinter steckt: Da heißt es, Tittel "benutzt unsere Stadt für ihre (...) teuren Projekte, die für die normalen Bewohnerinnen und Bewohner völlig sinnlos sind". Konkret angesprochen wird das Ausstellungsprojekt "Polyphon", das nach seiner Premiere in Gera nun auch in Frankreich präsentiert wird. Finanziert übrigens nicht aus der Stadtkasse, sondern mit Geld von der Bundeskulturstiftung, das von Claudia Tittel beantragt worden war.

Juristische Schritte und öffentlicher Protest gegen den Rauswurf

Klar, dass sie sich gegen die Beschuldigungen wehrt und einen Anwalt einspannt. Bedauerlich, dass es auch dem Rathauschef nicht gelang, den Konflikt frühzeitig zu entschärfen. Schlecht für Gera, dass am Ende eine fristlose Kündigung steht, für die es mitnichten nur Zustimmung gibt. Der Oberbürgermeister, der noch vor zwei Jahren froh war, Claudia Tittel für das Amt bekommen zu haben - er ist jetzt derjenige, der sich offenbar gezwungen fühlt, seiner Amtsleiterin den Stuhl vor die Tür zu setzen. "Verhaltensbedingt", wie es heißt. Zuvor war Frau Tittel zunächst beurlaubt worden.

Konzert im Rahmen von "Neustart Kultur" in Gera
Für den „Neustart Kultur“ in Gera während der Corona-Pandemie hatte die Amtsleiterin Geld vom Bund organisiert. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Kulturbürger, Mitarbeiter aus der Kultur- und Veranstaltungsszene und aus Künstlerkreisen protestieren nun. Mehr als 30 Künstler und Mitarbeiter der Kulturszene brachten am Mittwochabend vor der Stadtratssitzung in Gera ihr Unverständnis zum Ausdruck. Sie wollen wenigstens anerkannt wissen, was die Amtschefin schon erreichte. "Sie hat es in kurzer Zeit geschafft, und das in den Pandemiejahren, interessante kulturelle Schwerpunkte mit hoher Öffentlichkeitswirksamkeit zu setzen, nicht nur für uns Bürger", heißt es in einer Unterstützermail ins Rathaus. Da ist auch zu lesen, Claudia Tittel habe "es erreicht, dass die Leihgaben der Otto-Dix-Stiftung nicht abgezogen wurden. Was wäre es für eine verheerende Außenwirkung für die Stadt und ihr Stadtoberhaupt!"

Vor der März-Stadtratssitzung fragt nun der aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler Wilfried Pucher den Oberbürgermeister öffentlich: "Was hat Sie zu diesem drastischen Schritt einer fristlosen Kündigung veranlasst?"

Schaden für Geras Außenwirkung

Eine öffentliche Antwort dürfte es darauf zunächst kaum geben können. Jetzt ist der Streitfall Claudia Tittel ein juristischer Fall. Zu dem es sich von selbst verbietet, dass die streitenden Parteien sich öffentlich äußern. Wann es irgenwelche Klarheiten geben wird - unklar. Klar ist nur: Die Vorgänge in Gera bewegen Menschen über die Stadtgrenzen hinaus. Schon nach der Beurlaubung Tittels drängte der Sprecherkreis der Kulturamtsleiter im Kulturrat des Landes zu Besonnenheit, Diskretion und sensiblem Umgang mit den drastischen Vorwürfen gegen Claudia Tittel.

Schon jetzt ist unübersehbar, dass Schaden entstanden ist. In der Außenwirkung der Stadt Gera, die doch zuletzt gerade über Thüringen hinaus Strahlkraft gewonnen hatte - auch durch die Arbeit von Claudia Tittel. Diese fand erst vor wenigen Monaten mit dem vom Bund finanzierten Kultursommer Gera viel Anerkennung, weil sie nach der Corona-Zwangspause Unterhaltungskünstlern und Veranstaltungsmachern aus Gera und ganz Deutschland einen Neustart ermöglichte.

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. März 2022 | 19:00 Uhr

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