Medizinische Versorgung Long Covid-Experte: massive Unterversorgung bei Reha

Rund 600 Patienten sind in der Post-Covid-Ambulanz an der Uniklinik Jena behandelt worden, 200 von ihnen bräuchten im Anschluss einen Reha-Platz, in Thüringen gebe es gerade mal 20-30 Plätze. Das sagt Prof. Andreas Stallmach. Er ist einer der Autoren, die gerade die erste bundesdeutsche Leitlinie zum Thema Long- bzw. Post-Covid vorgelegt haben.

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena
Prof. Dr. Andreas Stallmach leitet die Post-Covid-Ambulanz am Jenaer Universitätsklinikum. Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Patientenleitlinie zu Long Covid sieht Rehamaßnahmen als einen Grundstein

Monate nachdem die eigentliche Corona-Infektion vorbei ist, leiden ca. zehn Prozent der Patienten immer noch an Symptomen wie Atembeschwerden, Erschöpfungszuständen (Fatigue) oder auch neurologischen Problemen, wie Geruchsverlust oder Konzentrationsschwierigkeiten. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie hat jetzt eine Patientenleitlinie herausgegeben, die Ärzten und Betroffenen Orientierung geben soll. Ein Basisbaustein der Therapie sieht das Expertenteam in Rehamaßnahmen. Prof. Stallmach ist Mitautor und leitet die Post-Covid-Ambulanz an der Uniklinik Jena. Der Experte äußert sich im Interview mit dem MDR- Gesundheitsmagazin "Hauptsache Gesund" zu diesem Thema.

Interview mit Prof. Dr. Andreas Stallmach, Leiter der Post-Covid-Ambulanz am Jenaer Universitätsklinikum

Wozu braucht es eine Patientenleitlinie zu Long Covid?

Professor Stallmach: Wir haben festgestellt, dass sowohl auf Expertenebene, als auch auf Patientenebene eine große Verunsicherung besteht. Wie stellen Ärzte tatsächlich eine sinnvolle Diagnose und entwickeln eine Behandlungsstrategie? Worum muss sich ein betroffener Patient kümmern? Um jetzt nicht eine Unterversorgung von Patienten zu riskieren, haben wir diese Leitlinie geschrieben. Sie dient als Orientierungshilfe für Patienten, aber auch für Ärzte. Das ist eine sogenannte "lebende" Leitlinie. Das heißt, wir sind uns bewusst, dass in dem Moment, wo wir die Erkenntnisse zusammengetragen haben, schon wieder neue Forschungs-Erkenntnisse entstehen. Das heißt, die Aktualisierung dieser Leitlinie ist jetzt schon eingeplant.

Sie sprachen von einer akuten Unterversorgung. Wie stellt sich denn momentan die Situation in Ihrer Post Covid-Ambulanz dar?

Professor Stallmach: Bei uns ist es so, dass wir mittlerweile Termine für das Frühjahr 2022 vergeben und damit dem Patienten natürlich nicht adäquat helfen können. Denn wenn ich jetzt Probleme habe und ich kriege einen Vorstellungstermin in einem halben Jahr, dann frage ich mich, wie ernst werde ich überhaupt genommen? Und deshalb ist es eben auch so wichtig, dass der Hausarzt, die Hausärztin der primäre Ansprechpartner ist. Die Leitlinie soll auch ihnen helfen, so die Versorgung der Patienten vor Ort zu verbessern.

Eine wichtiger Themenkomplex in der Leitlinie ist die Rehabilitation, denn viele Long Covid-Patienten sind auf eine Reha im Anschluss an die unmittelbare Klinikbehandlung angewiesen. Wie ist die Situation in Thüringen?

Professor Stallmach: Wir haben bei uns in Jena ca. 600 Patienten behandelt. Und wenn ich diese Patienten betrachte, dann würde ich bei jedem dritten Patienten den Bedarf für eine Rehabilitation sehen Das Problem ist, dass wir im Moment tatsächlich zu wenige Plätze für diese Patienten haben und dass das Antragsverfahren für die Patienten doch immer noch sehr lange dauert.

Also, alleine ein Bedarf an 200 Reha-Plätze bei Patienten Ihrer Ambulanz in Jena. Wie viele Plätze gibt es denn?

Professor Stallmach: Es gibt in Thüringen weniger als eine Handvoll von Rehabilitationseinrichtungen mit insgesamt 20 – 30 Plätzen. Und es gibt noch weniger tagesklinische Rehabilitationseinrichtungen, eine davon am Universitätsklinikum Jena. Tagesklinik heißt aber immer, dass der Patient morgens anreist, und dann kann die Entfernung nicht so groß sein. Sie können nicht aus Suhl hundert Kilometer für eine tagesklinische Rehabilitation nach Jena fahren. Das heißt, es muss wohnortnah sein. Und da besteht ein Mangel.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 14. Oktober 2021 | 21:00 Uhr

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