Der Redakteur | 13.01.2022 Wie realistisch sind die Omikron-Quarantäneregeln?

Torsten Kanitz aus Erfurt wartet noch auf seinen Bescheid. In Quarantäne ist er, weil ihn die Corona-Warn-App über seinen positiv ausgefallen PCR-Test informiert hat. Ob es Omikron ist, wurde nicht getestet. Sind die Omikron-Quarantäneregeln überhaupt händelbar, wenn sich alle auch noch freitesten lassen wollen?

Corona Schnelltest auf die Omikron Variante
Nur ein Bruchteil aller PCR-Tests werden auf die Omikron-Variante untersucht, Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Eigentlich klappt das schon ganz gut mit der Corona-Warn-App. Der Zettel aus dem Testzentrum enthält einen QR-Code und diesen kann man einscannen und erfährt sofort, ob der PCR-Test schon ausgewertet wurde und mit welchem Ergebnis. Im Falle eines positiven Tests kann man auch sofort die Kontaktpersonen informieren.

Das bedeutet: Auch wenn die Gesundheitsämter nicht hinterherkommen mit ihren Bescheiden, kann und sollte sich der positiv Getestete sofort in Quarantäne begeben. Leider sind aber gerade z.B. Arbeitnehmer darauf angewiesen, eben noch ein amtliches Papieren zu bekommen und die Warn-App ist nicht einmal bei der Hälfte der Bevölkerung auf dem Handy und wer sein Bluetooth ausgeschaltet hat, wird ohnehin nicht erfasst.

Analoge Erfassung von Kontaktpersonen mit digitaler Unterstützung

Damit sind wir wieder bei den Gesundheitsämtern, die sozusagen analog die Kontaktpersonen herausfinden und informieren müssen. Zwar geschieht das insofern digital, dass zum Beispiel das SORMAS-System den Mitarbeiter wie eine Art Leitfaden durch den Verordnungsdschungel und das Telefonat mit einem Infizierten führt, die Fragen vorgibt, die Antworten entgegennimmt und am Ende des Prozesses sind nicht nur die Kontaktpersonen erfasst, sondern auch der Bescheid fertig und geht in die Post. Was direkt zu der Frage führt: Warum ein Brief und keine Mail?

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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 13.01.2022 15:00Uhr 31:16 min

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Ständige Regel-Änderungen erschweren die Arbeit der Gesundheitsämter

Nun ist unser föderal aufgebautes Staatsgebilde für globale Ereignisse nur bedingt geeignet. Gesetze, Verordnungen, Verfügungen und Erlasse kommen vom Bund, den Ländern und den Landkreisen, in Thüringen teilen sich auch noch das Gesundheitsministerium und das Kultusministerium das Privileg, Festlegungen treffen zu dürfen. Jedes neue Änderungspapier muss nun SORMAS beigebracht werden, das können zum Glück die IT-Fachkräfte vor Ort, denn geändert wird ständig.

Da kommt jede Woche irgendwas. Entweder vom Bundesgesundheitsministerium, vom Landesgesundheitsministerium, vom Landesverwaltungsamt oder vom Kultusministerium, wenn es um die Schüler geht. Das müssen wir alles zusammen führen. Und das ist manchmal schwierig, weil auch nicht alles zusammenpasst.

Prof. Stefan Dhein, Chef Gesundheitsamt Altenburger Land

Nun hatte beispielsweise das Altenburger Land schon mehr als 1.200 positive Fälle pro Woche. Wenn das aktive junge Leute sind, die jeweils zwischen 10 und 15 Kontaktpersonen haben – Stichwort Schulklassen – dann kann sich auch ein minderbegabter Schüler ausrechnen, dass man so viele Mitarbeiter nicht einstellen kann, die allen hinterher telefonieren können.

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Die wenigsten PCR-Tests werden auf Omikron untersucht

35 Mitarbeiter stehen Prof. Dhein zur Verfügung, mit Aushilfen vom Jobcenter usw. auch mal 100, aber es ist völlig ausgeschlossen, die Omikronwelle abzubilden, wenn dann auch noch alle erscheinen und sich freitesten lassen wollen. Allerdings wird jetzt schon nur ein Bruchteil der Proben sequenziert, das heißt auf Omikron untersucht. Und weil das komplexer ist als der normale PCR-Test, geschieht das auch im Nachgang. Das heißt: Beide Ergebnisse kommen jetzt schon mit einem Versatz von mehreren Tagen beim Gesundheitsamt an.

Wir bekommen den Nachweis, dass das ein Omikronfall war zu einem Zeitpunkt, wo das Zeitfenster, um darauf zu reagieren, längst abgelaufen ist.

Prof. Stefan Dhein, Chef Gesundheitsamt Altenburger Land

Nun steht in dem Omikron-Quarantäne-Erlass des Thüringer Gesundheitsministeriums, dass die Omikron-Quarantäne gilt, wenn im Einzelfall eine lnfektion nachgewiesen wurde bzw. "ein konkreter Verdacht besteht". Letzteres könnte auch grundsätzlich dann eintreten, wenn Omikron Thüringen überrollt hat, womit Experten in den nächsten Tagen rechnen. Die Welle kommt von Nordwesten, aus Richtung Bremen sozusagen.

Covid-19-Coronavirus-Variante, Mutation des Virus auf einem Warnzeichen
Experten rechnen mit einer Omikron-Welle in Thüringen. Bildrechte: imago images/Bihlmayerfotografie

Zeigt Bremen nicht gerade, dass die Impfung nichts nützt?

Nein. Im Gegenteil. Die Omikron-Infektionszahlen sind dort zwar sehr hoch, aber wenn die Impfung nicht wirken würde, dann müssten auch die Zahlen in den Kliniken steigen, machen sie aber nicht. Außerdem: Die Mehrzahl der Patienten speist sich aus dem kleinen Pool der Nichtgeimpften, in diesem Fall rund 20 Prozent.

Der Rest sind die Impfdurchbrüche, die es aus den bekannten Gründen – Stichwort Wirksamkeit von 95 Prozent und nachlassender Wirkung des Impfschutzes – logischerweise geben muss. Schon rein rechnerisch.

Potentielle Gefahr in Thüringer größer

Nun haben wir in Thüringen das Problem, dass in einigen Regionen der Pool aus dem Omikron schöpfen kann, doppelt so hoch ist wie in Bremen und das ist die Gefahr, vor der auch Prof. Dhein warnt. Leider helfen uns auch die bisherigen Genesenen nicht viel, weil sie in der Gruppe der Geimpften oft schon mit erfasst sind, denn viele Genesene haben sich im Anschluss an ihre Erkrankung aufgrund ihrer Erfahrungen mit den Beschwerden dann doch impfen lassen. Und auf noch etwas möchte Prof. Dhein unbedingt hinweisen, nämlich auf den weitverbreiteten Irrtum, was die Impfung leisten muss.

Dr. Stephan Borte, Chefarzt der Labormedizin am Klinikum Sankt Georg in Leipzig 16 min
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Hauptsache gesund Do 13.01.2022 21:00Uhr 15:59 min

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Impfung schützt vor schwerem Corona-Verlauf

Dazu gehört eben nicht, dass sie einen Kokon um den Geimpften baut, von dem die Viren quasi abprallen. Die Impfung schützt also nicht vor dem Kontakt mit dem Virus, weil natürlich auch ein Geimpfter eine Aerosolwolke voller Viren einatmen kann. Und die Viren versuchen natürlich auch, in die Zellen vorzudringen, um sich zu vermehren. Das mag - bis die "Feuerwehr" Immunantwort kommt - auch einzelnen Viren gelingen, aber ein massenhaftes Kapern der Zellen und eine Massenproduktion der Viren werden verhindert.

Das bedeutet: Der Betroffene merkt bestenfalls gar nichts oder hat nur leichte Symptome und ist natürlich trotzdem positiv in der Statistik, ein klassischer "Impfdurchbruch" ist er aber eben nicht.

Bei einer Impfung habe ich zwei Aspekte, den individuellen Schutz - weniger vor einer Infektion -  aber vor einem schweren Verlauf und vor Tod. Der andere Aspekt ist, ich möchte nicht Virusträger werden, damit ich nicht die Gesellschaft anstecke.

Prof. Stefan Dhein, Chef Gesundheitsamt Altenburger Land

Sollten wir es nicht lieber laufen lassen?

Dafür ist unsere Impfquote zu gering und die Ansteckungsgefahr zu hoch für unsere Krankenhäuser. Leider. Prof. Dhein gehört auch nicht zu den Optimisten, die mit Omikron bereits die Ausstiegsvariante sehen. RNA-Viren wie Corona sind sehr mutationsfreudig, springen vom Menschen auf das Tier und zurück und sind verändert wieder da. Das ist anders als bei Pocken, die nur den Menschen als Wirt hatten und deshalb mit einer Impfung dauerhaft ausgerottet werden konnten.

Deshalb kann es passieren, dass die Corona-Impfung wie die Grippeimpfung jährlich auf uns alle oder eben nur auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zukommt. Das weiß aber noch niemand genau. Zumindest sind wir aber dann in einer Situation, wo der gesunde Menschenverstand die Verordnung wieder ersetzen kann – epidemisch ist der Fachbegriff. Auch wenn Prof. Dhein das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand etwas verloren hat in der Pandemie.

Das Problem ist, dass viele Leute leider sehr verantwortungslos damit umgehen und einfach Party machen, auch wenn ein Quarantänebescheid vorliegt. Das hatten wir alles gehabt.

Prof. Stefan Dhein, Chef Gesundheitsamt Altenburger Land

Und leider reicht bei Infektionskrankheiten, die hoch übertragbar sind, eine Minderheit aus, um große Gruppen in der Bevölkerung zu infizieren. 

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Quelle: MDR THÜRINGEN(nis)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 13. Januar 2022 | 15:00 Uhr

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