Der Redakteur | 18.03.2022 Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Krieg für Thüringer Betriebe?

Axel Lötsch aus Rudolstadt fragt: "Wie geht es den Betrieben von Thüringer Landwirten in der Ukraine und Russland?" Und Peter Fritsche aus Erfurt: "Inwieweit drohen in Thüringen Produktionsausfälle weil Teile fehlen?" Beide Fragen zielen auf die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs für Thüringen ab. Unser Redakteur Thomas Becker versucht sie zu beantworten.

Opel-Werk in Eisenach
Automobilhersteller bezogen bisher Kabelbäume aus der Ukraine, durch den Krieg fehlen diese. Bildrechte: imago/Bild13

Meistens wird nur über Öl, Gas und Kohle aus Russland geredet, ob wir das ersetzen könnten und zu welchem Preis und dann über Kornkammer Ukraine, welche Auswirkungen deren Ausfall auf die Ernährungssicherheit in der Welt haben könnte. Das ist alles richtig und wichtig, aber eben nur die berühmte Spitze eines Berges, der eigentlich ein Gebirge ist. Denn die Verzahnungen innerhalb der Weltwirtschaft sind komplex und aus verschiedenen Gründen sind über Jahrzehnte Abhängigkeiten entstanden.

Wenn die europäischen Automobilhersteller vorrechnen, dass sieben bis elf Prozent aller in die EU importierten Kabelbäume aus der Ukraine stammen, ist das eine Größenordnung, die erstmal ausgeglichen werden will. Drei bis sechs Monate würde es dauern, bis alternative Bezugsquellen aus Marokko und Tunesien oder aus dem Serbien und Nordmazedonien vollständig erschlossen sind, teilte der Europäische Verband der Automobilzulieferer (CLEPA) mit.

Ein Arbeiter verlädt Stahlrrohe in einem Logistikcenter. (Symbolbild)
Durch den Krieg fehlt es an Eisenerz, Roheisen und Stahl. Bildrechte: imago/Tillmann Pressephotos

Und Russland liefert auch nicht nur unsere wichtigsten Energieträger, sondern ist z.B. auch ein wichtiger Lieferant von Palladium, das für die Produktion von Katalysatoren oder Leiterplatten oder auch in der chemischen Industrie von Bedeutung ist. Wenn ein Backwarenproduzent vielleicht zu 99 Prozent seine Rohstoffe zusammen hat und nur noch das Backpulver fehlt, wird es schwierig mit dem Backen. So ähnlich geht es vielen Unternehmen, bei denen es oft nur an "Kleinigkeiten" fehlt. Auch in der Thüringer Metall- und Elektroindustrie gibt es Engpässe, die mitunter tagesaktuell ausgeglichen werden müssen.

Wie sieht es momentan in Thüringen aus?

Der Verband der Metall- und Elektroindustrie hat in einer Blitzumfrage seine Mitgliedsunternehmen nach den Auswirkungen des Ukraine-Krieges befragt. Heruntergebrochen auf Thüringen lauten die Antworten: direkte Lieferbeziehungen mit Russland haben 41 Prozent der befragten Mitgliedsunternehmen, die Produktion ist bei 37 Prozent betroffen, bei 83 Prozent fallen Lieferungen aus und 58 Prozent sind deshalb auf der Suche nach zeitweiligen Alternativen. Besonders große Abhängigkeiten bestehen bei Lieferungen von Metallteilen.

Es fehlt aber auch Eisenerz, Roheisen, Stahl - also Rohstoffe, die normalerweise aus Russland und der Ukraine kommen und im Moment nicht geliefert werden können.

Dr. Ute Zacharias, Verband der Wirtschaft Thüringen
Ute Zacharias 5 min
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5 min

Ute Zacharias vom Verband der Wirtschaft Thüringens zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf dei Wirtschaft hierzulande.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 18.03.2022 15:10Uhr 04:50 min

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Die Thüringer Metall- und Elektroindustrie ist strukturbedingt etwas härter betroffen als andere Bundesländer. Sie ist oftmals selbst Zulieferindustrie, also werden viele Vorprodukte benötigt, die eben aus alternativen Quellen nur schwer zu beschaffen sind. Schließlich suchen alle gleichzeitig nach Ersatz in der Welt.

Was ist mit der Landwirtschaft?

Auch wenn es durchaus stichhaltige Hinweise gibt, in der Kürze des Tages ist es nicht gelungen, Kontakt zu einem Thüringer Betrieb aufzunehmen, der in Russland oder in der Ukraine Landwirtschaft betreibt. Gleichwohl aber mit Betrieben, die auch weiterhin mit ihren russischen Geschäftspartnern zusammenarbeiten. Allerdings ist es ein heikles Thema. Nicht jeder will offen darüber sprechen. Markus Hercher war bereit dazu, er ist u.a. Geschäftsführer der agrar-GmbH Oldisleben.

Weizenernte in der Ukraine
Russland liefert unter anderem Mähdrescher an Thüringer Landwirte. Bildrechte: dpa

Seit vielen Jahren schon haben er und seine Unternehmen intensive Kontakte zu russischen Geschäftspartnern und er hat die Russen als zuverlässige Menschen kennengelernt. Auch der Handel mit robusten russischen Landmaschinen wie Mähdreschern lief zuletzt vielversprechend und es ist auch nicht angedacht, diese Geschäftsbeziehungen abzubrechen. Er möchte auch nicht die knapp 145 Millionen Russen in eine Ecke stellen mit Putin. Vielleicht ist das sogar ein wenig vergleichbar mit der Situation in der DDR, als wir es auch als unpassend fanden mit der Stasi und dem Zentralkomitee gleichgesetzt zu werden oder noch extremer: Wer möchte heute als Deutscher immer noch ständig für die Verbrechen von Hitlerdeutschland verantwortlich gemacht werden, zwei oder drei Generationen danach?

Was kommt nach dem Krieg?

Natürlich ist es ein Spagat für alle, die derzeit noch Geschäfte in Russland machen. Auf der einen Seite ist das Tagesgeschäft mit russischen Handelspartnern und auf der anderen Seite gibt es die menschliche Katastrophe in der Ukraine, so Markus Hercher. Einen ähnlichen Spagat vollziehen aber alle, die in diesen Tagen Zimmer für die ukrainischen Flüchtlinge herrichten, die letztlich mit Putins Gas beheizt werden. Und über allem steht die Frage: Wie geht es nach dem Krieg weiter?

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Markus Hercher, Geschäftsführer der Agrar-GmbH Oldisleben, zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf seinen Betrieb.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 18.03.2022 16:49Uhr 08:37 min

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Die Welt hat nach dem Zweiten Weltkrieg zum Glück die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland auch nicht komplett eingestellt. Und so etwas müssen wir auch mit Russland hinbekommen. Wir müssen aufpassen, was wir in den aufgeregten Zeiten alles niederreißen, sagt Markus Hercher.

Es kommt der Tag, an dem wir alles wieder aufbauen müssen. Darum warne ich davor, alles abzubrechen.

Markus Hercher, Geschäftsführer Agrar-GmbH Oldisleben

Hercher sieht die wirtschaftlichen und persönlichen Kontakte sogar als Basis, um letztlich die Beziehungen zu Russland wieder wachsen zu lassen. Sie sind nun einmal unsere Nachbarn und auch ein Teil von Europa. Und so ganz nebenbei – auch wenn das keinerlei Rechtfertigung ist für diesen Krieg – der Westen sollte beim künftigen Umgang mit Russland durchaus aus den eigenen Fehlern lernen.

MDR/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. März 2022 | 15:20 Uhr

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