Der Redakteur | 02.02.2022 Nach dem Fall Kusel: Welche Strafen gibt es für Wilderei?

Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Polizisten in Rheinland-Pfalz sitzen die beiden Verdächtigen in Untersuchungshaft. Die Männer sollen die Polizisten getötet haben, um eine Wilderei zu verdecken. Doch welche Strafen gibt es für Wilderei und ist das heutzutage auch in Thüringen ein Problem?

Jäger
Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Polizisten in Rheinland-Pfalz ist das Tatmotiv Wilderei in den Fokus gerückt. Doch wie groß ist das Problem der Wilderei? Bildrechte: Colourbox.de

Die Tat ist durch nichts zu rechtfertigen. Trotzdem bleiben Fragen. Wie kann es eigentlich sein, dass solche Leute eine Waffe haben? Was genau ist in dieser Nacht passiert? Was treibt Menschen dazu …? Das alles versuchen die Ermittler gerade herauszufinden.

Fakt ist aber auch, die Tatumstände lassen darauf schließen, dass hier nicht nur jemand erwischt wurde, der sich "einfach mal" ein Stück Wild geschossen hatte, was für sich schon strafbar wäre und Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren nach sich zieht. In besonders schweren Fällen geht es ohne Gefängnis nicht mehr - und diese Fälle sind im Paragrafen 292 Absatz 2 StGB sehr eindeutig definiert.

In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. § 292 Abs. 2 Strafgesetzbuch

Drei Punkte werden zur Beurteilung herangezogen und so wie sich der Ablauf des Verbrechens aktuell darstellt, waren möglicherweise sogar alle drei Punkte erfüllt. Ein besonders schwerer Fall liegt laut Gesetz vor, wenn die Wilderei gewerbs- oder gewohnheitsmäßig betrieben wird oder unter anderem zur Nachtzeit oder wenn die Tat "von mehreren mit Schusswaffen ausgerüsteten Beteiligten begangen wird." Gleich drei erfüllte Punkte, die letztlich dafür sprechen, dass die Wilderei wohl zu einer längeren Gefängnisstrafe geführt hätte. War das der Grund für die Wahnsinnstat?

Polizeibeamte stehen an einer Absperrung an der Kreisstraße 22 rund einen Kilometer von dem Tatort an dem zwei Polizeibeamte durch Schüsse getötet wurden.
An dieser Kreisstraße wurden zwei Polizisten von mutmaßlichen Wilderern erschossen. Bildrechte: dpa

Wieso hatten die Täter überhaupt Waffen?

Legal waren die Waffen nicht im Besitz der mutmaßlichen Täter und es wurden - zumindest bei dem älteren Verdächtigen - weitere Waffen gefunden. Einen Jagdschein hatten die Täter allerdings nicht. Dem 38-jährigen Hauptverdächtigen Andreas Johannes S. wurde sogar 2008 wegen "fehlerhafter Nutzung von Schusswaffen" die Zuverlässigkeit abgesprochen. Die ist eine Voraussetzung dafür, einen Jagdschein zu bekommen, der das Führen einer Jagdwaffe zur Jagdausübung erlaubt.

Ein Sprecher des Deutschen Jagdverbandes bestätigte MDR THÜRINGEN, dass der mutmaßliche Täter erst kürzlich mit der Beantragung eines Jagdscheins gescheitert ist. Das bedeutet: Ein Jäger war er definitiv nicht.

2020 hat er erneut versucht, einen Jagdschein zu beantragen. Das wurde seitens der Behörde verweigert.

Torsten Reinwald, Sprecher Deutscher Jagdverband

Trotzdem sind solche Taten immer Anlass für Diskussionen, wer eigentlich die Reife hat, Jäger zu sein und letztlich schießen zu dürfen. Prof. Sven Herzog, Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden, kritisiert schon länger - unabhängig von diesem Vorfall - dass es in der Bundesrepublik früher höhere Hürden gab, Jäger zu werden. Alleine die Prüfungsbedingungen waren deutlich schwerer.

Somit könnten durchaus auch Menschen Jagdscheine erlangen, "denen es gar nicht um das Thema 'verantwortlich jagen' geht, sondern denen es eher um das Schießen gehen könnte", so Herzog. Also: Wie trennt man bei diesen Prüfungen die Spreu vom Weizen? Prof. Herzog sagt, es könne wieder vorgeschrieben werden, dass man erst ein oder zwei Jahre mit einem Jäger mitgegangen sein muss, um draußen in der Praxis zu lernen.

Ein vorgeschriebenes Praxisjahr wäre eine mächtige Hürde, um zu zeigen, dass man sich wirklich für das Thema Jagd interessiert.

Prof. Sven Herzog, Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft TU Dresden

Wichtig in diesem Zusammenhang: Der Jagdschein entspricht dem, was gemeinhin als Waffenschein bezeichnet wird. Dieser berechtigt zum Führen der Waffe, nicht aber zu deren Besitz. Hierfür ist die Waffenbesitzkarte erforderlich, die zum Besitz, Erwerb und dem (übrigens nicht zugriffsbereiten) Transport einer erlaubnispflichtigen Schusswaffe berechtigt. Das bedeutet: Wer Waffen in der Öffentlichkeit führen will, benötigt beides: Waffenbesitzkarte und Waffenschein.

Seit wann wird die Jagd eigentlich reguliert?

Jagen ist die nachhaltigste Form der Nahrungsbeschaffung mit Blick auf das Fleisch, zumindest bis wir es schaffen, unseren Braten in relevanten Größenordnungen im Labor zu züchten. Auch das perfekte Öko-Hausschwein ist immer noch ein gezüchtetes Tier, das nicht in einer freien und damit seiner natürlichen Umgebung aufwächst. Und regulierte Jagd ist zudem Naturschutz, das sagen nicht nur die Jäger, das sagt auch Prof. Herzog und verweist auf die Geschichte.

Bis zum frühen Mittelalter durfte noch jeder jagen. Dann kamen die Könige und spätere regionale feudale Herrscher, die das Privileg zunehmend für sich in Anspruch nahmen, bis hin zu pervertierten Formen wie dem Abschlachten in sogenannten Tiergärten. Prof. Herzog sieht die Jagdgepflogenheiten durchaus auch als Spiegelbild einer Gesellschaft, auch mit Blick auf spätere autokratische Herrscher. Über den Genossen Honecker ist schließlich auch einiges überliefert.

Mit der Revolution 1848 kam in den Jagdrevieren die große Freiheit auf. Quasi jeder Bauer mit eigenem Grund und Boden in Hektargröße hatte nun auch gleichermaßen eine eigene Jagdparzelle. "Die haben natürlich sehr intensiv das Wild dezimiert und zum Teil ausgerottet", so Prof. Herzog. Die Arterhaltung war letztlich auch der Grund, diesem Treiben Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts mit Jagdgesetzen Einhalt zu gebieten.

Ist Wilderei in Thüringen ein Thema?

Offiziell hat die Wilderei in Thüringen keine Relevanz, das bedeutet: Aktenkundig sind so gut wie keine Fälle, was aber nicht bedeutet, dass in Einzelfällen nicht doch gewildert werden würde. "Es gibt verschiedene Mutmaßungen aus unterschiedlichen Jagdrevieren", sagt Frank Herrmann, Geschäftsführer des Landesjagdverbands Thüringen.

Ihm persönlich sei ein Fall im Raum der Landesgrenze zu Bayern bekannt, wo offensichtlich Trophäenjäger unterwegs waren, weil Wildkörper gefunden wurden, bei denen das Haupt gefehlt hat. Nur ist es schwierig, in solchen Fällen den Täter zu ermitteln, besonders dann, wenn die Spurenlage darauf hindeutet, dass hier schon einige Zeit vergangen ist. 

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. Februar 2022 | 16:35 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/f3e8b99f-8af8-45e4-8255-5d3476771312 was not found on this server.

Mehr aus Thüringen