Dienstjubiläum Sie fällt auf: Petra Enders ist seit zehn Jahren Landrätin im Ilm-Kreis

Am 1. Juli hat Petra Enders ein Jubiläum gefeiert: zehn Jahre im Amt als Landrätin des Ilm-Kreises. Enders fällt auf - vor allem wegen ihrer Durchsetzungsfähigkeit. Die hat ihr in den vergangenen Jahren manchen Erfolg gebracht, aber auch einigen Ärger. Ein Porträt zum Zehnjährigen.

Landraetin Petra Enders , aufgenommen am 10.01.2013 in ihrem Buero im Landratsamt in Arnstadt (ThŸringen) Foto: Michael Reichel (ari)
Landrätin Petra Enders Bildrechte: dpa

Am 22. April 2012 waren Wahlen im Ilm-Kreis. Gewählt werden sollte der zukünftige Landrat. Keiner der Kandidaten bekam mehr als die Hälfte der Stimmen. Auf den Amtsinhaber Benno Kaufhold (CDU) entfielen 39,6 Prozent. Petra Enders, die für die Linke antrat, aber parteilos ist, konnte 38,1 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Eine Stichwahl wurde nötig. Am 6. Mai 2012 gewann Enders deutlich gegen Kaufhold. 57,8 Prozent stimmten für sie. Sie kündigte an, mit "mehr Demokratie" regieren zu wollen. Sie trat ihr Amt am 1. Juli 2012 an. Wenn sie heute nach zehn Jahren in ihre Antrittsrede von damals schaut, sagt sie, könnte sie ziemlich viele Haken setzen hinter das, was sie sich vorgenommen hat.

Einen Namen machte sie sich als Gegnerin der Starkstromtrasse durch den Thüringer Wald. Dieser Kampf brachte ihr den Titel "Miss 380 Kilovolt" ein. Sie mag ihn nicht - diesen Titel. Sie selbst würde sich eher als eine Jeanne d'Arc sehen. Enden wolle sie allerdings nicht auf dem Scheiterhaufen, schmunzelt sie. Wohlwissend, dass sie sich mit ihrer Art nicht nur Freunde macht.

Politische Karriere begann in Großbreitenbach

Ihre politische Karriere begann viele Jahre zuvor in Großbreitenbach. Dort gründete sie eine Frauengruppe, ein eingetragener Verein, dessen Vorstandsvorsitzende sie seit 1993 ist. Diese Frauengruppe wurde der größte Arbeitgeber der Region. Viele Frauen waren nach der Wiedervereinigung arbeitslos in der Region - auch sie. 1994 wurde Enders in den Stadtrat und 1999 in einer Stichwahl mit 60,6 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen zur hauptamtlichen Bürgermeisterin der Stadt Großbreitenbach gewählt.

Von 2004 bis 2012 bekleidet sie diesen Posten ehrenamtlich, denn 2004 wird sie in den Landtag gewählt. Ihre Positionen vertritt sie stets klar. Ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ist nicht ihr Ding. "Können Sie sich vorstellen, dass Frauen auch denken können?!" fragt sie den damaligen Thüringer Innenminister Karl Heinz Gasser im Landtag auf dessen Frage, wer ihr denn diese Rede geschrieben hätte.

Auf's Aussehen reduziert zu werden, stört sie

Dass sie zuweilen auf ihr Aussehen reduziert wird, stört sie bis heute. Petra Enders ist zu hören, lange bevor man sie sieht. Denn sie trägt gerne Highheels. In Verbindung mit ihrem schnellen Schritt weiß jeder gleich, wer um die Ecke kommt. Die hohen Hacken sind ihr Markenzeichen geworden. Ebenso wie ihre lange Lockenmähne, in der häufig eine Sonnenbrille steckt. Sie trägt gern figurbetonte Kleider und Kostüme. "Warum auch nicht", sagt sie. "Auch in einer Führungsposition können Frauen Frauen bleiben." Ihre Art, sich zu kleiden, hatte ihr schon in ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete einen Auftritt bei Stefan Raabs "TV total" eingebracht. Über den "Landtagsschulmädchenreport" kann sie heute lachen.

Landrätin Petra Enders liest Kindern etwas vor
Vorlesen für die Kleinen: Enders bei einer Kinderweihnacht 2018 in Ilmenau Bildrechte: MDR/Doreen Huth

2018 wird Petra Enders erneut zur Landrätin gewählt, diesmal gleich im ersten Wahlgang. Über dieses Vertrauen habe sie sich sehr gefreut, erzählt sie. Sicher war sie sich nicht, ob sie die Wahl gewinnen würde. Die AfD erstarkte damals, erinnert sie sich. Die Kommunalisierung der Abfallwirtschaft war bis dahin bereits Geschichte. Die Flüchtlingskrise und die Diskussionen um ein kommunales Busunternehmen bewegten den Landkreis zu der Zeit aber noch immer. "Langweilig war mir in keinem Jahr", resümiert sie am Tag ihres zehnjährigen Amtsjubiläums.

"Auftritt" bei "TV total" Wegen ihrer High Heels und ihres figurbetonten Kostüms schaffte sie es zu TV total von Stefan Raab unter dem Titel "Der Landtagsschulmädchenreport". Sie selbst hatte die Sendung nicht gesehen und wurde im Nachhinein darauf aufmerksam gemacht. Sie war völlig überrascht, sagte sie, und hat es sich natürlich gleich angeschaut. Heute kann sie darüber lachen.

Konsequent für Kommunalisierungen

Alle Aufgaben der öffentlichen Daseinsfürsorge gehören nach Ansicht von Petra Enders in öffentliche Hand. Zuerst nahm sie die Kommunalisierung der Abfallwirtschaft in Angriff. Im Kreistag wurden harte und lange Diskussionen geführt. Am Ende sollten die Bürger selbst entscheiden. Der Bürgerentscheid am 23. März 2014 fiel eindeutig aus. 70,3 Prozent der Bürger entschieden sich für die Kommunalisierung. Eine so klare Entscheidung habe sie nicht erwartet, sagt Enders. 2016 stieß sie die Diskussion um den kommunalen öffentlichen Nahverkehr an. Auch hier folgten hitzige Debatten über Jahre. Es gab nicht nur politische Auseinandersetzungen, sondern auch Gerichtsverhandlungen. Seit 1. Juli 2019 gibt es das kommunale Busunternehmen IOV.

Fischesterben, Unwetter, Flüchtlingskrise

Die ersten großen Herausforderungen ihrer Amtszeit kamen 2013 auf sie zu. "Aufgaben, die ich mir nie hätte vorstellen können", sagt sie. Da war zum einen im Frühjahr 2013 das große Karpfensterben in der Talsperre Heyda. Es folgten im Juni die Starkregenfälle. Der Damm der Talsperre Heyda drohte den Fluten nicht standzuhalten. Schlimmstenfalls drohte eine Überschwemmung der Dörfer an der Wipfra. Den Notfall musste sie damals nicht ausrufen, stand aber kurz davor.

Auch die Flüchtlingskrise 2015/16 sieht sie als eine der großen Herausforderungen ihrer Amtszeiten. Nach einer anfänglichen Euphorie, Menschen aufzunehmen, schlug auch im Ilm-Kreis die Stimmung irgendwann um. Sie erinnert sich an Informationsveranstaltungen aufgrund von Flüchtlingsunterkünften, die von Wut und Hass geprägt waren. Sie habe aber auch viel Hilfsbereitschaft erlebt. Besonders beeindruckt sei sie von einer Dame aus Frauenwald gewesen, erzählt sie. Diese Frau, eher unscheinbar und sicher nicht oft diejenige, die ihre Meinung öffentlich äußert, sei aufgestanden und habe gesagt: "Schämt ihr euch nicht, es geht hier um Menschen." Solche Begegnungen bleiben ihr im Gedächtnis, sagt sie.

2019 war es erneut eine Naturkatastrophe, die sie als Landrätin forderte. Der Waldbrand bei Plaue ließ sie erstmals in ihrer Amtszeit den Katastrophenfall ausrufen. Noch heute ist ihr der Ärger anzumerken, der schon damals in ihr kochte. "Man hätte den Waldbrand viel eher in den Griff bekommen können, wenn damals schon entsprechende Hubschrauber zum Löschen da gewesen wären." Doch es gab keine in Thüringen. Und dann lief sie zu Hochform auf. Bis zum Bund hat sie sich durchtelefoniert. "Ich habe gekämpft wie ein Löwe. Und ich habe dem Herrn am Telefon gesagt: Wenn jetzt nichts passiert, mache ich Sie verantwortlich für die Katastrophe." Dann kamen zwei Hubschrauber, sagt sie.

In der Corona-Pandemie bisweilen allein gelassen gefühlt

Die 2020 beginnende Corona-Pandemie sieht sie als eine, aber nicht als die Herausforderung ihrer Amtszeiten. Als Landrätin entschied sie, Neustadt am Rennsteig aufgrund der damals hohen Infektionszahlen dicht zu machen. Keiner durfte rein und keiner durfte raus. Das brachte ihr Kritik ein, aber auch Lob. Neustadt am Rennsteig war der erste Ort in Deutschland, der komplett abgeriegelt wurde. Sie habe sich in dieser Zeit allein gelassen gefühlt vom Bund und vom Land, sagt sie. Zusammen mit der Universität Jena brachte der Ilm-Kreis eine Corona-Studie in Neustadt am Rennsteig auf den Weg. Auch hier musste sie sich gegen Skeptiker auf Bundes- und Landesebene durchsetzen. "Wer mit mir arbeitet, muss mit mir nach Lösungen suchen". Diesem ihr eigenen Motto blieb sie auch in diesem Fall treu.

 Ein Schild weist auf die wegen «Covid 19-Virus Quarantäne» gesperrte Ortsdurchfahrt von Neustadt am Rennsteig hin.
War zeitweise während der Corona-Pandemie komplett abgeriegelt: Neustadt am Rennsteig. Bildrechte: dpa

Schule gehört ins Dorf

Geht nicht, gibt es nicht in ihrem Wortschatz. Und so kämpfte sie auch für den Erhalt kleiner Schulen. "Schule gehört ins Dorf", betont sie. "Weil Schulen nicht nur ein Lernort, sondern auch Treffpunkt, Begegnungs- und Kulturstätte sind. Schulen sind Mittelpunkte von Gemeinden." Selbstkritisch merkt sie bei all den Sanierungen und Neubauten aber auch an, dass es mit der Digitalisierung an den Schulen noch nicht ganz rund läuft.

Beim Thema "Rennsteigticket" leuchten ihre Augen

Gefragt nach ihren positiven Erinnerungen an die letzten zehn Jahre, leuchten ihre Augen sofort auf. Sie spricht vom Rennsteigticket, das im Ilm-Kreis das Licht der Welt erblickt habe, und sie spricht von einer Bahnstrecke. Dass sie die Rennsteigbahn wieder auf die Schiene gebracht hat zwischen Ilmenau und Bahnhof Rennsteig, freut sie. Ganz genau kann sie sich erinnern an den 15.06.2014 - der Tag der Jungfernfahrt. Sie war dabei und wurde zum Ehrenlokführer ernannt. "Das macht mich heute noch stolz. Das war einer der schönsten Tage." Auf dieser Strecke sei sie später auch in einer Dampflok mitgefahren und durfte als Heizer arbeiten. "Es ist wichtig, immer genug Druck auf dem Kessel zu haben." Der scheint auch ihr in zehn Jahren Amtszeit nicht ausgegangen zu sein.

Traurig ist sie darüber, dass der Schneekopf nicht mehr zum Ilm-Kreis gehört. Das Schneekopf-Gipfeltreffen war ihr erster offizieller Auftritt 2012. "Ja, das tut etwas weh, dass der Schneekopf nicht mehr zum Landkreis gehört." Die Gebietsreform und die dazugehörige Entscheidung akzeptiere sie aber.

Nochmal zur Wahl antreten?

Sie ist gern unter Menschen. Hat ein offenes Ohr und versucht zu helfen. Manchmal ist sie dabei auch etwas zu überschwänglich. Ihren Verwaltungsmitarbeitern kann da auch schon mal schwindlig werden. Nicht immer ist alles so umsetzbar und es braucht im Nachgang das eine oder andere Gespräch.

Ob sie mit dem Wissen von heute nochmals antreten würde zur Wahl für das Amt der Landrätin 2012, beantwortet sie mit einer langen Pause. Und dann sagt sie, sie habe sich damals bewusst entschieden, konnte einiges bewegen und es war die richtige Entscheidung. Sie würde gern noch einige Dinge voranbringen, die Entscheidung liege aber beim Bürger. Die Frage, ob sie sich denn erneut zur Wahl stellen wird, lässt sie allerdings unbeantwortet.

Steckbrief Petra Enders * geb. 24.12.1965
* verheiratet, 1 Sohn
* evangelisch

* ab 1994 Stadtratsmitglied in Großbreitenbach
* ab 1999 hauptamtliche Bürgermeisterin der Stadt Großbreitenbach
* 2004 bis 2012 ehrenamtliche Bürgermeisterin Großbreitenbach
* 2004 Landtagsabgeordnete für die PDS/Die Linke
* 2012 Wahl zur Landrätin des Ilm-Kreis
* 2018 Wiederwahl zur Landrätin des Ilm-Kreises

MDR (dr)

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