Gesundheit SRH Klinikum Suhl: Frühchenstation kämpft ums Überleben

Das SRH Klinikum Suhl bangt um seine Frühchenstation. Der Bund plant höhere Vorgaben für die Zahl der Patienten anzusetzen, die Suhl nicht erfüllen kann. Ein Verlust könnte bedeuten, dass Südthüringer Eltern frühgeborener Kinder mitunter bis nach Jena fahren müssten, um ihre Kinder zu sehen - teilweise über Monate.

Ein Mann in einem Zimmer im Krankenhaus.
Chefarzt Sebastian Horn sagt, ohne Level-1-Status ist die gesamte Neugeborenenversorgung in der Region in Gefahr. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Chefarzt Sebastian Horn nimmt mich mit auf die Neugeborenenstation im Suhler SRH-Klinikum. Hier gibt es insgesamt zehn Intensivplätze für besonders kleine Säuglinge. In einem der Inkubatoren liegt Fritz. Das winzige Baby ist am 15. Mai mit nur 1.050 Gramm geboren worden.

Heute ist ein großer Tag für den kleinen Mann. Zum allerersten Mal in seinem Leben darf er auf Mamas Brust kuscheln. Vorher zieht ihm Oberarzt Hans-Martin Loder behutsam den hauchdünnen Zugang aus dem Ärmchen. "Der Kathederschlauch ist dünner als ein Haar", sagt Loder. Endlich sind alle Schläuche entfernt und er darf zu seiner Mama. Dort entspannt sich der Kleine sichtlich. Beide genießen die Nähe.

Mehr Patienten - höhere Qualität

Im Schnitt werden pro Jahr in Suhl 15 Patienten wie Fritz behandelt. Ab dem kommenden Jahr sollen es nach Plänen des Bundes jedoch mindestens 20, später sogar 25 sein. Eine Zahl, die Suhl nicht erreicht. Deshalb könnte das SRH Klinikum in Suhl den Status eines Perinatalzentrums Level 1 verlieren.

Hintergrund des neuen Patientenschlüssels ist vor allem eine Diskussion um die Qualität der medizinischen Versorgung. Und die kann Klinikgeschäftsführer Uwe Leder durchaus nachvollziehen. "Für jede gute Medizin braucht man Erfahrung. Dazu stehen wir auch. Die Bundesregierung hat die Patientenzahl jetzt erhöht, aber das ist natürlich immer eine statistische Aussage. Es gibt keine Studie, die belegen würde, dass wir mit 15 oder 17 Frühchen im Jahr eine schlechte Qualität liefern", sagt Leder.

Südthüringer Eltern haben das Nachsehen

Grundsätzlich möchte man in Deutschland laut Leder die Ballung solcher Zentren beenden. In Ostdeutschland sei die Lage jedoch eine ganz andere. Hier gebe es nur sehr wenige solcher hochspezialisierten Zentren. Eine Schließung der Suhler Station würde einen besonders heftigen Einschnitt bedeuten. Tatsächlich gibt es in Deutschland insgesamt fast 170 Perinatalzentren - 150 im Westen und gerade mal 17 im Osten. Das Nachsehen hätten die Menschen im Süden Thüringens. Eltern wie die von Fritz müssten bis nach Erfurt oder Jena fahren.

Krankenhauspersonal
Oberarzt Hans-Martin Loder prüft einen Inkubator. Darin können kleine Patienten mit dem Hubschrauber transportiert werden. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

"Unsere Patienten sind aber nicht nur ein paar Tage hier, sondern manchmal Monate", sagt Chefarzt Sebastian Horn. Die Bindung zu den Eltern sei für die Entwicklung der Frühgeborenen mindestens genauso wichtig wie die medizinische Versorgung." Und auch die Versorgung von kranken Neugeborenen könnte künftig leiden.

Im Schnitt jedes zehnte Baby braucht laut Horn medizinische Hilfe. Dafür gibt es in Suhl hochspezialisierte Kinderchirurgen, die Intensivstation sowie ein Team von bestens ausgebildeten Kindertherapeuten. Ob sich das alles ohne den Level-1-Status halten lässt, ist jedoch fraglich. "Ich kenne keine einzige Klinik in Deutschland, die sich das leistet."

Der Unterschied zwischen einem Level-1- und Level-2-Geburtszentrum Ein Perinatalzentrum Level 1 entspricht der höchsten Stufe. Diese Zentren behandeln und versorgen die schwersten Fälle. Die Anforderungen sind daher am höchsten.

Behandelt werden folgende Fälle:

• Wenn eine Frühgeburt mit einem Geburtsgewicht unter 1.250 Gramm oder die Geburt vor der 29. Schwangerschaftswoche zu erwarten ist.
• Schwangere mit Drillingen, bei denen die Geburt vor der 33. Schwangerschaftswoche erwartet wird.
• Bei einer Schwangerschaft mit mehr als Drillingen.
• Wenn eine Schwangerschaft mit fetalen oder mütterlichen Vorerkrankungen vorliegt, bei der nach der Geburt eine intensivmedizinische Behandlung wahrscheinlich notwendig ist. Dies ist etwa der Fall bei angeborenen Fehlbildungen wie kritischen Herzfehlern.

Für eine Level-2-Einrichtung gibt es aber Einschränkungen bei Geburtsalter und Gewicht. Die Anforderungen sind also etwas geringer.

Ein Perinatalzentrum Level 2 behandelt folgende Fälle:

• Wenn ein Frühchen mit einem Geburtsgewicht zwischen 1.250 und 1.499 Gramm oder die Geburt zwischen der 29. Schwangerschaftswoche und 31. Schwangerschaftswoche erwartet wird.
• Bei Schwangeren mit schweren schwangerschaftsassoziierten Erkrankungen wie dem Hellp-Syndrom.
• Wenn das errechnete Gewicht des Fötus unter der 3. Perzentile liegt.
• Bei Schwangeren mit insulinpflichtiger Diabeteserkrankung, wenn eine Gefährdung des Fötus oder Neugeborenen absehbar ist.
Quelle: fruehchenwelt.com

Bessere Verteilung der Frühchen oder Zusammenarbeit mit Coburg?

Auch wenn die Geburtsmediziner in Thüringen jede Frühgeburt möglichst vermeiden wollen, gibt es laut Klinikgeschäftsführer Uwe Leder ausreichend Frühgeborene mit einem Gewicht unterhalb von 1.250 Gramm. "Diese müssten zwischen den drei Zentren in Suhl, Jena und Erfurt nur besser verteilt werden", schlägt Leder vor. Man dürfe bei der ganzen Diskussion auch nicht vergessen, dass es schon jetzt einen erheblichen Mangel an Fachpersonal sowohl bei den Ärzten als auch den hochausgebildeten Intensivpflegerinnen und -pfleger für Kleinkinder gibt.

Medizinisches Gerät
Auf Station gibt es 10 Intensivplätze für besonders kleine Kinder. Dafür wird Spezialgerät benötigt. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Guido Dressel, Chef der Techniker Krankenkasse in Thüringen, schlägt eine Zusammenarbeit des Suhler Klinikums mit der Regiomed-Klinik im fränkischen Coburg vor. Auch dort ist der Level-1-Status wegen fehlender Patientenzahlen in Gefahr. Vielleicht könnten beide Krankenhäuser eine Kooperation auf die Beine stellen und so die Anforderungen des Bundes erfüllen?, fragte Dressel sinngemäß in der Südthüringer Tageszeitung "Freies Wort" (€).

ein Baby in einem Inkubator-Bett hinter einer Scheibe 3 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Warum Ärztinnen und Ärzte nicht alles machen, was die Technik eigentlich zulässt, erzählt Chefärztin Dr. Kristin Dawczynski.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 07.03.2022 20:48Uhr 02:59 min

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Gesundheitsministerin versichert Unterstützung

In Suhl liegen große Hoffnungen auf Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke). Sie hat der Klinik ihre Unterstützung für den Erhalt der Frühchenstation bereits zugesichert. "Thüringen ist ein Flächenland, hier geht es auch um die Erreichbarkeit", so Werner. Die zuständigen Stellen seien jetzt mittendrin und würden beraten, wie es mit der Frühchenversorgung in Südthüringen weitergehen kann. Das Suhler Krankenhaus hat einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung gestellt. Wann eine Entscheidung getroffen wird, konnte die Ministerin aber nicht sagen.

Dem kleinen Fritz auf Mamas Brust sind diese Diskussionen vermutlich herzlich egal. Er ist froh, den Herzschlag seiner Mutter zu spüren. "Nähe ist so wichtig", bestätigt Oberarzt Loder. "Wir können mit unsere Technik viel, aber nichts und niemand kann die Eltern ersetzen. Die sollten so oft es geht bei ihren Kindern sein können."

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MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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