Migration So ist die Lage geflüchteter Menschen aus der Ukraine in Thüringen

Vor drei Monaten begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Etwa 17.500 Menschen sind seitdem nach Thüringen geflüchtet. Wie ist die Lage im Freistaat? Flüchtlingshelfer und Ministerien geben Antworten.

Eine gelb-blaue Schleife an einer Tasche.
Wohin in Deutschland? - Die Verteilung von Menschen aus der Ukraine beschäftigt Behörden, Kommunen und Helfer auch in Thüringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Stück Heimat malt die ukrainische Künstlerin Polina Miroshnyk aus Mariupol dieser Tage an eine Wand in Erfurt: ein mythologischer Zaubervogel zeigt sich vor einem prächtigen Blütenmeer. Der Petrykiwka-Stil gilt als immaterielles Kulturerbe und vereint vor allem Motive aus Flora und Fauna. Noch ist das Bild nicht fertig, doch schon jetzt strahlt es Harmonie, Kraft und Lebensfreude aus.

"Die Leute wollen auch in diesen schweren Zeiten aufrecht durchs Leben gehen", schlägt Ilona Mamiyeva vom Verein ukrainischer Landsleute in Thüringen einen Bogen ins Hier und Jetzt. "Sie wollen etwas tun, sich eine Perspektive schaffen, sich nicht als Opfer fühlen." Sie meint jene Leute, die seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf das Nachbarland am 24. Februar per Auto, Bus und Bahn nach Thüringen gekommen sind.

Eine Frau steht vor einem Wandgemälde.
Ilona Mamiyeva vom Verein ukrainischer Landsleute in Thüringen. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Keine Meldepflicht für Ukrainer bei Einreise

Mehr als 17.500 Menschen sind es laut Landesverwaltungsamt bisher. Die Zahl beruht mitunter auf Schätzungen der Kommunen. Bis zu 90 Tage dürfen sich Ukrainerinnen und Ukrainer visumsfrei in der EU und damit auch in Deutschland aufhalten und bewegen. Folglich besteht für sie keine Meldepflicht. Die Übersicht zu wahren, ist nicht einfach. Einige zieht es schon zurück in vermeintliche sichere Regionen im Westen der Ukraine, manche planen ihre Zukunft in Deutschland, andere warten vorerst ab, hoffen und bangen - und alle sehnen sich nach Frieden.

"Keiner weiß, wie lange das alles dauern wird", sagt Ilona Mamiyeva. Sie selbst lebt und arbeitet seit gut 20 Jahren in Deutschland, nun hilft sie mit vielen weiteren Ehrenamtlichen in jeder freien Minute anderen beim Ankommen. Beim Ausfüllen von Formularen, beim Dolmetschen beim Arzt, beim Finden einer Unterkunft, beim Zurechtkommen im Thüringer Alltag.

1.000 neue Flüchtlinge pro Woche

Derzeit kommen etwa 1.000 ukrainische Flüchtlinge pro Woche in Thüringen an, heißt es vom Landesverwaltungsamt. Viele kommen nicht direkt aus der Ukraine, sondern waren zuvor bereits in anderen Bundesländern.

Martin Arnold vom Flüchtlingsrat Thüringen rechnet damit, "dass in den kommenden Wochen viele Busse in Thüringen ankommen werden". Der Grund: Größere Städte in benachbarten Bundesländern - wie Nürnberg oder München - stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. "In der Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl kamen bisher relativ wenige Ukrainer an", sagt Arnold. "Das ändert sich gerade."

Verteilung auf Kreise und Städte als Hauptaufgabe

Ähnliches erwartet Ilona Mamiyeva vom Verein ukrainischer Landsleute. "Die Verteilung der Menschen ist das, was uns aktuell am meisten beschäftigt." In Erfurt etwa werde es immer schwerer, bezahlbare Wohnungen zu finden.

In der Theorie werden ukrainische Kriegsflüchtlinge "durch das Landesverwaltungsamt gleichmäßig an die Kreise und kreisfreien Städte verteilt, wo die weitere Versorgung und soziale Betreuung in Einzel- oder Gemeinschaftsunterkünften sichergestellt wird", heißt es vom Thüringer Migrationsministerium.

Bislang aber weicht die Realität offenbar oft von dieser Vorstellung ab. Es sei nachvollziehbar, dass Menschen, die bisher in Großstädten wie Kiew, Charkiw oder Mariupol gelebt hätten, auch in Deutschland lieber in Städten wohnen möchten, sagt Ilona Mamiyeva. "Mehr Platz gibt es aber in den ländlichen Regionen Thüringens. Viele Gemeinden sind sehr engagiert." Während einige den Schritt aufs Land wagen, üben sich andere in Geduld. "Es gibt Menschen, die seit März in Turnhallen in Erfurt leben." Hier sei viel Überzeugungsarbeit nötig, noch laufe die Verteilung nicht optimal.

Minister Dirk Adams
Migrationsminister Dirk Adams (Grüne) lädt eigenen Angaben zufolge alle zwei Wochen Landräte, Oberbürgermeister sowie Vertreter vom Gemeinde- und Städtebund zum Austausch über die aktuelle Lage ein. Bildrechte: imago images / Steve Bauerschmidt

Über die Hilfe und die Angebote, die aus allen Regionen Thüringens seit Kriegsbeginn eingehen, sei der Verein der ukrainischen Landsleute sehr dankbar, sagt Ilona Mamiyeva: "Die Angebote für Unterkünfte reichen von freien Zimmern in der eigenen Wohnung über ganze Haus-Etagen bis zu privaten Ferienwohnungen." Doch oft seien es temporäre Lösungen - im Augenblick sehr hilfreich, doch nichts auf Dauer.

Steigender Druck auf Sozialämter in Thüringen

Hauptaufgabe des Vereins sei es weiterhin, Brücken zu schlagen zwischen der Ukraine und Deutschland, zwischen Geflüchteten und Einheimischen, zwischen Behörden und Hilfesuchenden.

"Es gibt viele, die schon arbeiten wollen, um etwas zu tun, um eigenes Geld zu verdienen", sagt Mamiyeva. Sie schätzt, dass etwa 70 Prozent der Ukrainer in Thüringen Akademiker und Fachkräfte sind. "Aber die Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen ist in der Praxis nicht so einfach, wie man es sich erhofft. Man braucht sehr viel Geduld." Hinzu kommen sprachliche Barrieren.

Aus Sicht des Migrationsministeriums ist "der Übergang des Leistungsbezugs gemäß Asylbewerberleistungsgesetz hin zum Leistungsbezug gemäß Sozialgesetzbuch II und XII" die aktuell größte Herausforderung. Voraussetzung: ein Aufenthaltstitel zum vorübergehenden Schutz. Martin Arnold vom Flüchtlingsrat: "Die Sozialämter werden jetzt mehr Druck bekommen, weil in den kommenden Wochen mehr Ukrainerinnen und Ukrainer aus anderen Bundesländern in Thüringen ankommen werden."

Schüler in einem Klassenzimmer, im Vordergrund eine ukrainische Flagge.
1.685 geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine lernen laut Bildungsministerium an den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Thüringen (Stand 20. Mai). 591 besuchen eine Grundschule, 398 eine Regelschule, 286 ein Gymnasium. Bildrechte: dpa

Hilfsbereitschaft in Thüringen hält an

Die private Hilfsbereitschaft in Thüringen sei weiter groß, bestätigen Flüchtlingshelfer und Behörden. "Während in den ersten Kriegswochen viele Einzelpersonen auf eigene Faust Spenden gesammelt, Hilfstransporte gestartet und spontan Menschen aus der Ukraine aufgenommen haben, ist das Engagement inzwischen durch mehr Struktur geprägt", heißt es aus dem Migrationsministerium. "Mehr und mehr wird die Hilfe in bestehende Ehrenamtsstrukturen integriert."

Wunsch: freie Kindergartenplätze melden

Ganz unterschiedlich sind die Angebote, die in diesen Tagen beim Verein ukrainischer Landsleute in Thüringen eingehen. Sie reichen von Möbelspenden bis zu nachbarschaftlichen Patenschaften, um gemeinsam die Freizeit zu gestalten. "Freuen würden wir uns, wenn freie Kindergartenplätze gemeldet werden", sagt Ilona Mamiyeva. "Klar, die Plätze sind sehr begrenzt. Aber immer wieder kommt es vor, dass hier und da ein Platz frei ist."

Darauf nicht mehr angewiesen ist die Tochter der Künstlerin Polina Miroshnyk, die den Vereinsraum mit ukrainischen Motiven schmückt. Das Mädchen besucht bereits die Grundschule, hat erste Freundschaften geknüpft und lernt täglich ein paar Wörter Deutsch hinzu. Nur für ein Wort findet sie bislang keine Übersetzung. Ihre Bandura - ein großes Saiteninstrument - musste sie in Mariupol zurücklassen. Sie hofft, es irgendwann wieder spielen zu können, in der Ukraine oder in Thüringen.

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MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Nachrichten | 24. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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