Neues Schuljahr Schulstart in Thüringen: Wie es trotz Lehrermangel weitergehen soll

Die Ferien sind bald vorbei. Am Montag beginnt in Thüringen das neue Schuljahr - mit Lehrermangel. Mit einem ganzen Paket von Maßnahmen will Bildungsminister Helmut Holter (Linke) mehr Personal für die Schulen gewinnen.

Ein Schüler vor einer leeren Tafel
Mit einer Vielzahl von Maßnahmen will das Bildungsministerium Personal für die Schulen gewinnen. (Symbolbild) Bildrechte: imago/photothek

"Die Spannung steigt, die Anspannung auch." Mit diesen Worten eröffnete Bildungsminister Helmut Holter (Linke) am Donnerstag seinen Ausblick auf das Schuljahr 2022/23. Übertrieben hat er nicht, denn in Thüringen sind rund 800 Stellen für Lehrerinnen und Lehrer unbesetzt. Doch es ist nicht nur der Personalmangel, der das Fragezeichen über den Schulen im Freistaat in diesem Jahr besonders groß werden lässt. Mit dem Krieg in der Ukraine, der damit in Zusammenhang stehenden Fluchtbewegung, mit Corona, Migration und Inflation steht das Schulwesen in Thüringen gleich vor einem ganzen Blumenstrauß multipler Herausforderungen und Problemstellung. Wie geht es weiter mit Schule, Schülern und Lehrkräften im Freistaat?

Einstellungshürden werden gesenkt

Geht es um den Start ins neue Schuljahr, war in den vergangenen Wochen vor allem ein Wort immer wieder zu lesen: Lehrermangel. Ein Problem, das dem Bildungsministerium durchaus bekannt ist. Konkrete Maßnahmen, um den steigenden Personalbedarf zu decken, gebe es bereits. Zum einen seien die Einstellungsrichtlinien geändert und die Hürden gesenkt worden, um verstärkt auch pädagogisches Personal mit Migrationshintergrund anzusprechen.

Nach Ministeriumsangaben betrifft das beispielsweise das Sprachniveau der Lehrkräfte, die eigenständig Unterricht geben wollen. Für die gelte nach dem "Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen" nun nicht mehr das Niveau C2, sondern es reiche auch C1. Ausnahmen gebe es etwa für Englischlehrer und Erzieher, für die mindestens das Niveau B2 gilt.

Zum Aufklappen: Was die Sprachniveaus C1 und C2 bedeuten

Sprachniveau C1: Kann ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen. Kann sich spontan und fließend ausdrücken, ohne öfter deutlich erkennbar nach Worten suchen zu müssen. Kann die Sprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium wirksam und flexibel gebrauchen. Kann sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur Textverknüpfung angemessen verwenden.

Sprachniveau C2: Kann praktisch alles, was er / sie liest oder hört, mühelos verstehen. Kann Informationen aus verschiedenen schriftlichen und mündlichen Quellen zusammenfassen und dabei Begründungen und Erklärungen in einer zusammenhängenden Darstellung wiedergeben. Kann sich spontan, sehr flüssig und genau ausdrücken und auch bei komplexeren Sachverhalten feinere Bedeutungsnuancen deutlich machen.

Sprachniveau B2: Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne grössere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.

Quelle: www.europaeischer-referenzrahmen.de

Zum anderen soll das Erreichen der entsprechenden Sprachkenntnisse erleichtert werden. Dafür sei in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge der Sprachkurs "Deutsch für Pädagoginnen und Pädagogen" kreiert worden. Dieser werde in Thüringen aktuell vorbereitet, gehe fünf bis sechs Monate und erlaube - insofern alle anderen Kriterien erfüllt sind - die Einstellung im Schuldienst.

Wir wollen nicht warten, bis alle bürokratischen Nachweise gebracht sind. Das können wir uns einfach nicht erlauben unter diesen Bedingungen.

Helmut Holter Thüringer Bildungsminister

Für die Einstellung von Lehrkräften aus der Ukraine gelten dabei besondere Vorgehensweisen. Laut Bildungsminister reicht eine "Glaubhaftmachung", dass die Person in der Ukraine als Lehrerin oder Lehrer in der Ukraine gearbeitet hat. Auch ein Führungszeugnis müsse vorgelegt werden. Ein Großteil der Dokumente könne später mit Übersetzung nachgereicht werden. "Wir wollen nicht warten, bis alle bürokratischen Nachweise gebracht sind. Das können wir uns einfach nicht erlauben unter diesen Bedingungen", so Holter.

Studierende und Lehramtsanwärter sollen einbezogen werden

Auch die Lehrer in Spe will das Bildungsministerium verstärkt in den Schulalltag einbeziehen - auf freiwilliger Basis. So sollen laut Holter Lehreramtsanwärterinnen und -anwärter die Möglichkeit bekommen, über das Pflichtmaß hinaus an Thüringer Schulen zum Einsatz zu kommen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür seien aktuell auf dem Prüfstand.

Die Schulämter werden alle Möglichkeiten nutzen, um das Personal an den Schulen aufzustocken.

Helmut Holter Thüringer Bildungsminister

Daneben sollen auch Studierende vermehrt in den Schulalltag einbezogen werden. Nach Angaben des Ministers gibt es bereits Studierende, die während ihres Studiums an den Schulen lehren. Dafür werde gezielt an den Universitäten gefragt. "Die Schulämter werden alle Möglichkeiten nutzen, um das Personal an den Schulen aufzustocken", sagte Holter am Donnerstag.

Helmut Holter (Die Linke), Minister für Bildung, Jugend und Sport von Thüringen, spricht im Plenarsaal des Thüringer Landtags.
Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hofft auch auf den freiwilligen Einsatz von Studierenden und angehenden Lehrkräften. Bildrechte: dpa

Ruhestand - muss das sein?

Einen Appell richtete Holter auch an die Lehrkräfte im Ruhestand: "Ich bitte Sie einfach zu überlegen, ob Sie in die Schulen zurückkehren könnten." Es gebe die Initiative "Grau macht schlau" und Zuverdienstmöglichkeiten. Auch gehe es um diejenigen, die überlegen, in diesem Schuljahr vorzeitig in den Ruhestand zu gehen: "Auch hier bitte ich darum gut zu überlegen, ob das jetzt notwendig ist. Wir brauchen Sie, wirklich in den Schulen, um das was an Herausforderungen von der Vielzahl von Schülerinnen und Schülern jetzt vor uns steht, tatsächlich stemmen zu können."

Einstellung von Assistenzkräften

Eine weitere Maßnahme gegen den Lehrermangel ist laut Holter die Einstellung sogenannter Assistenzkräfte. Diese können, müssen aber nicht zwingend einen pädagogischen Abschluss haben. Demnach gestalten sich auch die Aufgaben anders: "Es sollen Frauen und Männer sein, die den Unterricht und die Schülerinnen und Schüler in vielfältiger Weise begleiten und betreuen, um Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten." Dies sei vor allem bei vollen Klassen mit vielen Kindern wichtig.

Für die Assistenzkräfte gilt die Hürde Sprachniveau allerdings nicht. Von ihnen werde erwartet, dass sie Deutsch oder Englisch sprechen "soweit, dass man sich verständigen kann".

Verstärkte Abordnungen

Ein weiteres Mittel, für das Holter um Verständnis bat, ist der vermehrte Einsatz von Abordnungen. Diese sollen auch schulartübergreifend geschehen, vor allem um besonders hohe Bedarfe abzusichern. Weiterhin werde Lehrkräften freiwillige Mehrarbeit ermöglicht, so der Minister.

Flucht und dynamische Migration erschweren die Planung

Laut Holter sind seit März rund 3.200 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine in den 967 Thüringer Schulen aufgenommen worden. Vor allem in Großstädten Erfurt und Jena seien die Kapazitäten inzwischen ausgelastet. Es gehe nun nicht nur darum, Räumlichkeiten zu finden. Es gehe auch darum, die Beförderung von Schülern zu organisieren. Vor allem dann, wenn die Schule vom Wohnort ein Stück weiter entfernt ist.

Zum Vergleich Nach Ministeriumsangaben gibt es in Thüringen aktuell rund 17.000 Lehrkräfte und 840 Lehramtsanwärterinnen und -anwärter. Demgegenüber stehen in diesem Jahr 18.860 ABC-Schützen und etwa 251.000 Kinder und Heranwachsende, die bereits eine Schule besuchen.

Ein weiteres Problem sei, dass es eine Dunkelziffer gebe. Heißt, die Schulanmeldungen stimmten nicht mit den Daten der Einwohnermeldeämter überein, da für Ukrainer keine Residenzpflicht gilt. Sie können sich damit frei bewegen, räumliche Beschränkungen - wie etwa für Asylbewerber - gibt es nicht. Dadurch könnten noch weitere Schüler hinzukommen, die bisher nicht eingeplant worden sind. Hinzu komme die wachsende Zuwanderung von Familien aus anderen EU-Staaten, deren Kinder ebenfalls der Schulpflicht unterliegen.

Das ist jetzt eine Situation, die erstmalig in dieser Größenordnung vor den Thüringer Schulen steht.

Helmut Holter Thüringer Bildungsminister

"Wir können zu Weihnachten, zum Ende des Jahres damit rechnen, dass 10.000 Schülerinnen und Schüler zusätzlich in unser Schulsystem aufgenommen werden müssen. Das ist eine Herausforderung neuen Ausmaßes. (...) Das ist jetzt eine Situation, die erstmalig in dieser Größenordnung vor den Thüringer Schulen steht. Wir werden diese Herausforderung annehmen", so Holter.

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MDR (cfr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. August 2022 | 12:00 Uhr

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