Ukraine-Krieg Schmerz, Wut und Stolz: Ukrainische Studentin über den Krieg

Porträt von Monika Wolak, Mitarbeiterin bei MDR THÜRINGEN
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Olena Tyshchenko lebt in Thüringen, ihre Familie ist in der Ukraine. Es ist für sie sehr wichtig, andere über den Krieg aufzuklären. Eine junge Ukrainerin aus Ilmenau über Bombenangriffe, Propaganda und Nationalstolz.

Eine junge Frau mit gelber Mütze auf einem Protest am Erfurter Domplatz, im Hintergrund ukrainische Fahne
Olena nimmt in den schwierigen Zeiten gern an den Demonstrationen, wie die Kundgebung "Solidarität mit der Ukraine" in Erfurt, teil. Bildrechte: MDR/Monika Wolak

Olena Tyshchenko ist 27 Jahre alt und studiert seit mehr als zwei Jahren an der TU Ilmenau. Sie stammt aus Oleksandrivka - einem kleinen und ruhigen Dorf in der Zentralukraine. Am 24. Februar 2022 stellte sich ihre Welt auf den Kopf. Als sie die ersten Nachrichten über Putins Angriff auf ihre Heimat erreichten, konnte sie es nicht richtig fassen. Doch der Krieg begann, wie sie sagt, viel früher - bereits Ende 2013 mit dem "Euromaidan" - den pro-westlichen Protesten in Kiew.

Wir fahren zusammen nach Erfurt. Olena und ihr Freund Alex wollen die Stadt besichtigen und an der Kundgebung "Solidarität mit der Ukraine" teilnehmen. Der Weg ist ruhig, doch im Auto herrscht eine angespannte Stimmung. Wir sprechen über den Krieg. Olena kann es kaum begreifen, dass das Leben hier in Deutschland so normal und glücklich aussieht, wenn nur rund 1.000 Kilometer von hier die Menschen in der Ukraine bei Bombenangriffen sterben.

Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Mit dem Körper bin ich hier in Deutschland, aber im Geiste in der Ukraine.

Olena Tyshchenko, ukrainische Studentin in Ilmenau

Bombenangriffe: Schwierige Lage der Familie im Heimatdorf

Olena lebt seit zweieinhalb Jahren in Thüringen, ihre Eltern, Großeltern, Onkel und Tante sowie Cousinen leben in der Ukraine. Seit dem Kriegsbeginn ertönen in ihrem Heimatdorf Oleksandrivka vier bis fünf Mal pro Tag Sirenen. Dann müssen sich ihre Eltern zu einem speziellen Bombenbunker begeben. Er befindet sich rund 200 Meter vom Haus entfernt. Doch nicht alle haben so viel Glück. Der Rest ihrer Familie wohnt zu weit weg. Sie schützen sich deshalb in ihren eigenen Hauskellern. "Das ist nicht so sicher wie der Bunker, aber sie haben keine andere Wahl", sagt Olena.

Ein weiteres Problem: Olenas Eltern können die Sirenen bei geschlossenen Fenstern nicht richtig hören. Da sie auch schon älter sind und sich nicht gut mit Smartphones auskennen, bleibt Olena nichts anderes übrig, als selber aufs Handy zu gucken und die Familie über die Gefahr zu informieren.

Ich bekomme die Benachrichtigungen über mögliche Bombenangriffe auf mein Handy in Deutschland, dann rufe ich meine Eltern an und warne sie, dass sie sich jetzt zum Bunker begeben müssen. Ich schlafe deshalb so wenig, wie möglich, um meine Familie zu schützen.

Olena Tyshchenko

Ihre Mutter ist Sozialarbeiterin und kümmert sich um ältere Menschen, ihr Vater schon Rentner. Trotz Krieges versucht Olenas Mutter, ihre Arbeit weiter auszuüben. Außerdem helfen beide Eltern den Menschen in Oleksandrivka. Zum Beispiel bereiten sie das Essen für das Militär und für Dorfeinwohner zu.

Olenas Eltern wollen in der Ukraine bleiben. Sie selbst überlegte auch eine Weile, ob sie zurückkehren soll. Doch sie blieb hier in Deutschland.

Ich verstehe die Leute, die fliehen. Jeder hat ein Recht darauf, in Sicherheit zu leben. Umso mehr bewundere ich die Menschen, wie meine Familie und Freunde, die in der Ukraine bleiben.

Olena Tyshchenko

Kampf gegen russische Propaganda

Über den Krieg informiert sich Olena primär aus ukrainischen Medien oder von der Familie und Bekannten in der Ukraine. So bekommt sie die Nachrichten am schnellsten. Mehrmals pro Stunde checkt sie die Telegram-Kanäle von ukrainischen Zeitungen, die sie als glaubwürdig bezeichnet. "Es gibt so viel Propaganda. Nur ein paar Zeitungen bleiben seriös. Vor allem in den sozialen Medien gibt es viel Falsches."

In den letzten Tagen blockierte sie schon mehrere Profile auf Facebook oder Telegram, die russische Propaganda verbreiten. Deshalb verfassen viele Ukrainer derzeit Posts auf Russisch, um die russischen Bürger über die wahren Kriegsereignisse aufzuklären.

Viele Russen und Belarussen wollen sich gar nicht zum Krieg äußern, da sie um ihr Leben fürchten. Aber wir Ukrainer haben keine Angst mehr.

Olena Tyshchenko

Es ist für Olena sehr wichtig, andere aufzuklären.

Schwarzer Humor darf dabei aber nicht fehlen. "Meine Freundin hat mir einmal geschrieben: 'Olena, die Russen zerstören so viele Wohnblöcke. Aber wenigstens zerstören sie die sowjetischen Gebäude, die sie während der kommunistischen Zeit selbst gebaut haben!'" Wir können die Ukraine bald viel schöner wiederbauen, sagt Olena.

Mariupol am 24.02.2022
Viele solcher Wohnblöcke in der Ukraine werden durch Bombenangriffe zerstört. Bildrechte: dpa

Schmerz und Wut

In Erfurt gehen wir auf den Petersberg. Olena erklärt mir auf den Treppen, dass es in Russland drei Personengruppen gibt. Eine Gruppe setzt sich aktiv gegen den Krieg ein - sie protestieren und bringen sich deshalb selber in Gefahr. Die zweite Gruppe hat zu viel Angst zu handeln - sie bleiben also still.

Eine Frau und ein Mann in ukrainischen Nationalfarben auf dem Petersberg in Erfurt
Olena und Alex trage ihre Nationalfarben mit Stolz durch die ganze Stadt. Bildrechte: MDR/Monika Wolak

Als sie über die dritte Gruppe spricht, bricht sie in Tränen aus:

Es gibt in Russland Leute, die den Krieg genießen. Ich kann es wirklich nicht verstehen, wie jemand Genuss daraus ziehen kann, unsere Menschen zu töten.

Olena Tyshchenko

Dankbarkeit und Hoffnung

Wir begeben uns zum Domplatz, wo bald die Kundgebung "Solidarität mit der Ukraine" beginnt. Es sammeln sich viele Leute mit Schildern und ukrainischen Fahnen. Olena trägt eine gelbe Mütze und hält in der Hand einen blauen und einen gelben Ballon - die ukrainischen Nationalfarben. Ihr Freud Alex hat eine blaue Mütze und eine gelbe Jacke an.

Eine Frau und ein Mann in ukrainischen Nationalfarben auf Erfurter Domplatz
Auf den Demonstrationen tragen viele Menschen Kleidung in Gelb und Blau - die ukrainischen Nationalfarben. Bildrechte: MDR/Monika Wolak

Olena freut sich sehr über die schnellen Reaktionen der EU- und NATO-Staaten. Sie ist dankbar und hatte nicht damit gerechnet, dass so viel in so einer kurzen Zeit für ihr Heimatland gesammelt und gespendet wird. Was sie aber für das Wichtigste hält, sind die Lieferungen von Waffen und Militärfahrzeugen. Nur so könne das ukrainische Militär weiteren Widerstand leisten.

Die Zukunft sieht Olena trotzt schwieriger Lage positiv. Sie glaubt an die Ukraine und an das ukrainische Militär. "Wir sind die stärksten der Welt, wir werden gewinnen!"

Die Menschenmenge auf dem Domplatz ruft "Slawa Ukrajini! - Herojom slawa!" (Ruhm der Ukraine! - Ruhm den Helden!) - das Symbol des ukrainischen Widerstands.

Eine junge Frau mit gelber Mütze auf einem Protest am Erfurter Domplatz
Olena freut sich über die Menge der Demonstranten. Bildrechte: MDR/Monika Wolak

Trotz der Demonstration und schwieriger Gespräche sagt Olena am Ende des Tages: "Das war ein richtig schöner Tag heute. Seit dem Kriegsbeginn ein einziger, während dessen ich nicht jede Minute auf die Nachrichten geguckt habe."

MDR (mw)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. März 2022 | 19:00 Uhr

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