Ausstellung in Eisenach Was Künstlerinnen und Künstlern heute zum Thema "Übersetzen" einfällt

500 Jahre Bibelübersetzung - zu diesem Jubiläum setzt die Stadt Eisenach auf zeitgenössische Kunst. Nach der Kunstakademie Münster überrascht die Kunsthochschule Burg Giebichenstein mit vielfältigen Formen und Ideen.

Martin Neubert baut ein Festtagsmobilé.
In einer Öffnung zum Obergeschoss hängt das acht Meter hohe "Feiertagsmobile", von Martin Neubert gebaut. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Was würden Pflanzen sagen, wenn sie sprechen könnten? Janis Josepha Strobl übersetzt in ihrem Werk "Orea" zumindest die elektrisch messbaren Impulse von Grünpflanzen in Klang. Über Elektroden nimmt sie die Aktivität ab und wandelt sie um in Vibrationen, die ihre Klangobjekte verstärken, große Tongefäße, bauchig gewölbt wie eigene organische Wesen. Es gehe ihr darum, "eine Sensibilität für Pflanzen zu schaffen“, sagt die junge Frau. Das gelingt ihr bereits mit einer Textilarbeit, die wie ein großer Wandteppich im Raum hängt – mit üppig wucherndem Blattwerk.

Janis Josepha Strobl vor ihrer Installation.
Sensibilität für Pflanzen schaffen – das will Janis Josepha Strobl mit "Orea". Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Offenheit hat beflügelt

"Das Übersetzen ist uns in der bildenden Kunst sehr geläufig", sagt Martin Neubert, Professor für Plastik und Keramik an der Kunsthochschule Halle, "weil wir ja alle Eindrücke, alle Wahrnehmungen in das Material übersetzen müssen." Mit dem Bezug zur Bibelübersetzung, der kultur- und kunstgeschichtlichen Bedeutung für Mitteldeutschland sei es natürlich etwas Besonderes. Aber dass die Stadt Eisenach das Thema "Übersetzen" ganz offen aufgefasst habe, "das hat uns beflügelt".

Individuelle Entwürfe

In den vergangenen zwei Jahren haben sich 15 Künstlerinnen und Künstler in einem Sonderprojekt mit "Übersetzen" beschäftigt, Studierende und Lehrende, auch Absolventen und eine Meisterschülerin aus den Fachklassen für Keramik, Buchkunst und Bildhauerei auf Burg Giebichenstein. Die Entwürfe seien jeweils individuell erarbeitet und dann in der Gruppe vorgestellt und diskutiert worden, berichtet Neubert. Gearbeitet wurde mit Papier und Textilien, mit Holz, Keramik und Fotografie, Bronze und Aluminium. Entstanden sind aber auch Grafiken, Video- und Klanginstallationen. Neubert freut sich über die ganz unterschiedlichen Ergebnisse: "Das macht die Burg aus und das finde ich auch sehr schön."

Ausstellungsstücke aus verschiedenen Materialien
Beteiligt sind 15 Mitwirkende aus den Fachklassen für Keramik, Buchkunst und Bildhauerei. Die Keramikfiguren stammen von Hermann Grüneberg. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Kreidebotschaften auf Jiddisch

Mit Jiddisch hat sich Nina Zahl befasst: in hebräischen Buchstaben notiert, ist es nur für wenige lesbar – laut vorgetragen aber klingt die Nähe zum Deutschen an, erschließt sich der Sinn deutlich leichter. Nina Zahl ist in Eisenach an Orten unterwegs gewesen, die mit der jüdischen Geschichte zu tun haben – am Gedenkort der einstigen Synagoge beispielsweise oder am ehemaligen kirchlichen "Entjudungsinstitut" - und hat mit Kreide kurze jiddische Botschaften hinterlassen und fotografiert: "Ich war hier" – "Jiddisch lebt" oder "Ich liebe Dich".

Nina Zahl
Nina Zahl hat sich mit Jiddisch befasst – von der hebräischen Schrift her fremd, vom Klang vertraut. An besonderen Orten in Eisenach hat sie mit Kreide Botschaften auf Jiddisch hinterlassen und fotografiert. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Stadtgeschichte in Fliesenbildern

Tief in die Eisenacher Stadtgeschichte ist Lina-Josephine Wiedwald eingetaucht – und hat sie in viele detailreiche Fliesenbilder übersetzt. Da ist beispielsweise Ernst Abbe zu erkennen, Autos und Musikinstrumente. "50" ist der Titel des Werks – die Motive sind inspiriert von 50 Persönlichkeiten, die in den vergangenen Jahrhunderten in Eisenach gewirkt haben.

Mehrere Personen betrachten Kunstwerke auf dem Boden.
Mitwirkende der Hochschule zeigen Interessierten der Stadt den Stand des Aufbaus. Lina-Josefine Wiedwald hat Eisenacher Stadtgeschichte in Fliesenbilder übersetzt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Schleuse als Falle

Sophie Anger hat eine Art Schleuse für den Ausstellungsrundgang entworfen: einen hölzerner Raum, der "eigentlich eine Falle" ist, wie sie sagt: Es führen zwei Türen hinein, die nur von außen geöffnet werden können. Wer hineingeht, braucht die Hilfe von anderen, um wieder herauszukommen. Ein Durchgangsraum, in dem die Besucher übersetzen in den nächsten – übersetzt wird aber auch das Öffnen der Türen, indem an Schnüren gezogen wird. Und es braucht die Hilfe einer anderen Person, Solidarität, Kommunikation – auch das eine Art von "Übersetzen".

Industriedenkmal als Ausstellungsort

Die Werke wirken in dem alten Elektrizitätswerk, als ob sie eigens für ihn geschaffen wurden – dabei war am Anfang nicht klar, dass sie dort gezeigt werden. So werden zwei Durchbrüche zwischen den Stockwerken kreativ genutzt: einmal für die Metallarbeit "In God we Trust - Tohuwabohu" von Jan Herzog: aus einem Knäuel von langgestreckten Aluminiumelementen wuchert eine Art Netz, entwickelt sich in verschiedene Formen und Richtungen.

Schwebende Engel

In einer Öffnung zum Obergeschoss schwebt das "Feiertagsmobile" von Martin Neubert, acht Meter lang, vertikal in verschiedenen Stationen bestückt mit Fabelwesen und biblischen Figuren, die aus Blech ausgeschnitten sind, im der oberen Teil mit Keramikengeln und Kerzen. Die Kerzen treiben Holzflügel an wie bei einer Weihnachtspyramide. Sie lassen die Mobile-Elemente sich um die eigene Achse drehen, zum Teil in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Die Bebilderung von Cranachs Lutherbibel und die Volkskunst der damaligen Zeit hätten ihn bei der Arbeit begleitet, so Neubert.

Martin Neubert baut ein Festtagsmobilé.
Martin Neubert hat ein acht Meter hohes Festtagsmobilé gebaut – mit Tieren und biblischen Figuren aus Blech sowie Engeln aus Keramik. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Sprechende Ikone

Im Untergeschoss können sich Besucher über einen beleuchteten Weg aus Plexiglas einer Art Ikone nähern. Niko Tsimakuridze hat die Kommunikationssituation umgedreht: hier spricht nicht der Mensch zum Heiligenbild, sondern die Ikone redet – eine Soundinstallation mit Musik, Babyweinen sowie Kindheitserinnerungen und Gedichten auf Georgisch, mystisch und rätselhaft. Aber wie heißt es im Begleitheft der Ausstellung:

"Wie beim Lesen eines Textes obliegt es am Ende den Besuchenden selbst was vor ihnen liegt zu entschlüsseln. Dabei sind Neugierde und Intuition gefragt, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil, sie erweitern den Raum der Möglichkeiten, das Vokabelheft der Interpretationen, um ihre ganz eigene Übersetzung." (Begleitheft der Ausstellung)

Eine sprechende Ikone mit Farb- und Klang.
Eine sprechende Ikone mit Farb- und Klangeffekten hat Nino Tsimakuridze aufgebaut. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die Ausstellung wird am Samstag, 2. Juli um 18 Uhr mit einem Festakt eröffnet – er ist offen für alle Interessierten. Anschließend sind zwei Performances und Musik angekündigt.
Öffnungszeiten bis zum 14. August.: Do/Fr 16-19 Uhr, Sa 11-18 Uhr – der Eintritt ist frei.

MDR (mab)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 01. Juli 2022 | 18:05 Uhr

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