Bad Liebenstein "Angst und Sorgen ein wenig vergessen" - Hilfe für Menschen aus der Ukraine

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Kleiner Ort - großes Engagement. Für die Menschen in der Ukraine sind in Bad Liebenstein schon mehr als 23.000 Euro Geldspenden eingegangen, dazu viele Sachspenden. Die Stadt kauft eine ehemalige Pension als Unterkunft und Begegnungszentrum. Kinder initiieren einen Spendenlauf, Einwohner gehen mit Flüchtlingen spazieren und organisieren einen Sprachkurs. Die Geflohenen fühlen sich gut aufgenommen im Ort. Aber nachts bleiben Sorgen und Ängste.

"Auf die Plätze, fertig, los!" Auf das Kommando vom Lehrerin Janina Tröger stürmen die Viertklässler los, laufen Runde um Runde auf dem Gelände der Grundschule in Bad Liebenstein. Es war ihre Idee: ein Spendenlauf für die Flüchtlinge aus der Ukraine im Ort. Die Kinder seien sehr motiviert, sagt Janina Tröger, sie freuten sich, helfen zu können. Die Hilfe ist offenbar gerade sehr ansteckend in Bad Liebenstein: auf dem Spendenkonto der Stadt sind bereits mehr als 23.000 Euro eingegangen, von Vereinen, Firmen und Privatleuten.

Schweres durchgemacht

In der Nacht zum Samstag hatte ein Bus mehr als 40 Menschen aus der Ukraine in die Kurstadt gebracht. Müde und ängstliche Menschen, erinnert sich Eberhard Heller von der Kirchengemeinde, denen anzusehen war, dass sie Schweres durchgemacht hatten. Ein Teil von ihnen wurde in Vacha aufgenommen, einige sind zu Verwandten oder Bekannten in andere Orte weitergereist. In Bad Liebenstein sind 16 Frauen und Kinder geblieben, kamen in Wohnungen unter.

Eberhard Heller und Valeriia Ziziukina.
Eberhard Heller und Valeriia Ziziukina. Die junge Frau ist mit ihrer Mutter vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Hoffnung auf einen guten Ort

Valeriia Ziziukina ist mit ihrer Mutter aus Charkiw aus dem Osten der Ukraine geflohen. Dort hatte die 22-jährige Anglistik und Germanistik studiert. Am achten Tag des Krieges brachen sie auf, brauchten drei Tage bis nach Polen und trafen dort auf den Bus aus dem Wartburgkreis. "Wir hatten keine Idee, wohin wir fahren“, sagt Valeriia, "wir hatten nur gehofft, dass es ein guter Ort ist, und das ist er. Es ist sehr schön hier, die Menschen sind alle so freundlich und engagiert." Das helfe ihnen, "Angst und Sorgen ein wenig zu vergessen".

Unvorstellbare Schäden

Ihre Mutter allerdings bleibe die meiste Zeit in ihrem Bungalow, sie brauche Ruhe und Zeit zum Nachdenken. "Sie hat viel Angst jetzt." Valeriia dagegen sieht ihre Lage vor allem positiv: "Ich habe mich gerettet, ich bin in Sicherheit." Aber natürlich macht sie sich Sorgen um die Großmutter, die in der Nähe von Charkiw auf dem Land lebt, um Freundinnen, die in der Großstadt geblieben sind. Die Schäden, die der Krieg in ihrer Heimatstadt angerichtet hat, kann sie sich gar nicht vorstellen: "Ich sehe nur meine schöne Stadt, nicht die zerstörte."

Pension wird zum Begegnungszentrum

Im Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach gibt es jetzt am Markt ein Ukrainehaus: Der Stadtrat hat in der vergangenen Woche einstimmig beschlossen, die ehemalige Pension zu kaufen, bewilligte dafür 190.000 Euro. Es soll ein Begegnungszentrum werden, für die Menschen aus der Ukraine, aber auch für Flüchtlinge und Einheimische, sagt die Pressesprecherin der Stadt, Stefanie Kießling. Helfer haben im Erdgeschoss ein Spielzimmer für Kinder eingerichtet, auch eine Küche gibt es. Im Gemeinschaftraum hängt eine Deutschlandkarte. An der Seite aufgestapelt Kleiderspenden, nach Alter sortiert für Babys, Kinder und Jugendliche. In einem Regal davor Schuhe, dazu große Mengen Wasserflaschen, ebenfalls gespendet.

Spielzimmer im "Ukrainehaus" in Steinbach
Im "Ukrainehaus" in Steinbach wurde ein Spielzimmer für die Kinder eingerichtet. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Angst in der Nacht

In der Pension gibt es auch Unterkünfte, für 13 Menschen ist noch Platz. Eine Ferienwohnung in dem Haus ist bereits belegt, dort sind Tetiana Yakuschenko aus Kiew und Tetiana Bajwa aus Odessa eingezogen. Sie haben sich auf der Flucht kennengelernt und angefreundet. Beide haben in der Ukraine in Verwaltungen gearbeitet, die eine in der Universität, die andere an einem Gymnasium. Valeriia hilft beim Übersetzen.

Wie es ihnen hier gefällt? "Alles gut", sagt Tetiana Bajwa und reckt beide Daumen hoch, "alles wunderbar, vielen Dank!" Wie es mit dem Kontakt zur Verwandtschaft in der Heimat steht? Schwierig, erzählen beide. Die Verwandten lebten in russisch besetzen Gebieten, man könne dort nicht anrufen. "Wenn wir mit den freundlichen Leuten hier etwas unternehmen, dann ist alles in Ordnung", sagt Tetiana Yakuschenko. "Aber wenn wir hier allein bleiben in der Nacht, dann ist das sehr schwer, dann haben wir Angst um Familie und Verwandte."

Tetiana Yakuschenko aus Kiew und Tetiana Bajwa aus Odessa.
"Ein Dach über den Kopf, aber keinen Boden unter uns": Tetiana Yakuschenko aus Kiew und Tetiana Bajwa aus Odessa. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Sprachkurse auch für Kinder

Und so versuchen die Helfer in Bad Liebenstein, ihren Gästen tagsüber einiges anzubieten. Die eine lädt zu Spaziergängen durch den Ort ein, der andere zum Ausflug oder zum Einkauf. Am vergangenen Samstag ging es ins Theater, am Sonntag findet eine gemeinsame Kaffeerunde statt. Ab dieser Woche soll es auch Sprachkurse geben, dienstags und donnerstags, erst für die Kinder, dann für die Frauen. "Damit sich die Geflüchteten wohler fühlen und auch hier ankommen können", sagt Stefanie Kießling von der Stadtverwaltung.

Deutsch-ukrainisches Tandem

Die Stadt setzt viel auf Selbsthilfe. So sollen die beiden Frauen aus Kiew und Odessa Verantwortung übernehmen für das Begegnungszentrum in der einstigen Pension. Und Studentin Valeriia Ziziukina hat vom Stadtrat dank ihrer Sprachkenntnisse ein Ehrenamt bekommen: als Beauftragte für die Ukraine-Hilfe, gemeinsam mit Eberhard Heller. Als deutsch-ukrainisches Tandem sprechen sie mit allen, hören sich Probleme an und versuchen sie zu lösen. Sie helfen dabei, Formulare ausfüllen, eine SIM-Karte zu besorgen oder auch eine Arbeit zu finden.

Kleiderspenden liegen auf einem Tisch.
Viele Hilfsangebote gibt es in diesen Tagen in Bad Liebenstein, darunter auch viele Sach- und Kleiderspenden. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Keinen Boden unter den Füßen

Immer noch gibt es viele Hilfsangebote, sagt Heller. So viele, dass derzeit gar nicht alles angenommen werden kann, ob Sachspende oder Unterkunft. Aber er registriert alles und hält die Verbindung, um bei Bedarf darauf zurückzukommen. Ein Fulltime-Job bis in den Abend, sagt der Rentner, aber er sei froh, ihn zu haben, gefordert zu sein. Er spricht konsequent von "unseren Gästen". Die Angst in den Gesichtern sei gewichen, hat Heller festgestellt und erzählt vom fröhlichen Redefluss und der großen Freundlichkeit und Dankbarkeit. Doch beim Abschied, bei der Frage nach der Zukunft, werden die Frauen ernst. Es lasse sich gar nichts planen, sagt Tetiana Bajwa aus Odessa, dazu fehle der Boden. "Wir haben ein Dach über dem Kopf, aber keinen Boden unter uns."

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 14. März 2022 | 18:25 Uhr

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