Fahrzeugfabrik Eisenach Thüringer erkundet Geschichte der Fahrräder aus Eisenach

Ein Auftrag für Munitionswagen war vor gut 125 Jahren der Anlass, die Fahrzeugfabrik Eisenach zu gründen. Gebaut wurden von Anfang an aber auch Fahrräder - noch vor den Motorwagen. Mehr als 30 Jahre lang produzierte das Werk Räder der Marke Wartburg und Dixi. Der Eisenacher Christoph Sputh sammelt alles über diese Zeit und hat jetzt eine Broschüre dazu verfasst.

Ein Mann steht in einem Ausstellungsraum.
Die Geschichte der Fahrräder aus Thüringer Produktion hat es Christoph Sputh angetan. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Christoph Sputh ist weder Historiker noch leidenschaftlicher Radfahrer. Und doch hat sich der 31-jährige Projektplaner innerhalb recht kurzer Zeit eingearbeitet in die historische Fahrradproduktion in Eisenach, hat alte Dokumente wie Fotos, Postkarten, Fachzeitschriften und Kataloge gesammelt. Sogar mehrere Räder aus Eisenacher Produktion hat er aufgetrieben und schwärmt von dem gut gefederten Sattel eines Dixi-Damenrads von 1925: "Ich glaube, bequemer habe ich nie auf einem Rad gesessen."

Zu dieser Leidenschaft kam es eher zufällig: Im Sommer 2018 sah Sputh ein altes Mifa-Fahrrad und erinnerte sich, dass auch in der Fahrzeugfabrik Eisenach einst Räder gebaut worden waren. Er wurde neugierig. Und weil er im Internet nicht ausreichend Informationen fand, suchte er weiter.

Eine gemalte Postkarte mit Fahrradfahrern.
Eine Reklamekarte aus dem Jahr 1898 Bildrechte: MDR/Sammlung Christoph Sputh

Fahrradboom vor der Jahrhundertwende

Die Zeit vor der Jahrhundertwende war eine Boomzeit für Fahrräder, erzählt Sputh. Voraussetzung dafür waren die technischen Neuerungen der 1880er-Jahre. Zum einen kamen die ersten Sicherheits-Niederräder auf den Markt.

Mit ihren funktionalen Rollenketten verdrängten sie rasch die Hochräder, die oft zu schweren Stürzen geführt hatten. Gleichzeitig entwickelte Dunlop in dieser Zeit den Luftreifen. Damit war der Weg frei, dass sich das Rad vom Sportgerät der Betuchten zum allgemeinen Fortbewegungsmittel entwickeln konnte.

Fahrrad-Einheiten beim Militär

Das Wachstum war enorm: Wurden im Jahr 1882 noch 2.500 Fahrräder in Deutschland produziert, waren es Ende der 1890er-Jahre hundertmal so viel, berichtet Sputh: mehr als eine Viertelmillion. Selbst beim Militär gab es mittlerweile Fahrradeinheiten. Davon wollte jeder profitieren. Nähmaschinenhersteller stiegen ein - und auch die 1896 gegründete Fahrzeugfabrik Eisenach. Zwei Jahre vor dem ersten "Wartburg-Motorwagen" wurde das "Wartburg-Rad" produziert.

Eine Postkarte mit einem gezeichneten Fahrradfahrer.
Eine Reklamekarte aus dem Jahr 1911 Bildrechte: MDR/Sammlung Christoph Sputh

Wartburg-Eiffeltandem für Artisten

Die Produktpalette war weit gefächert, berichtet Sputh. Es gab Räder für Männer, Frauen, Knaben und Mädchen. Renner und Tourenräder. Qualitäten von "preiswert" bis "hochfein". Für Artisten wurde beispielsweise das Wartburg-Eiffeltandem gebaut. Darauf saßen zwei Personen übereinander - die obere auf einer trapezförmigen Metallkonstruktion, die entfernt an den Eiffelturm erinnert.

Eine technische Innovation war das "Bergrad", das mit einer Welle und Zapfen zwei verschiedene Übersetzungen anbot für Fahrten am Berg oder in der Ebene. Durchgesetzt hat es sich nicht. Das könnte auch am Preis gelegen haben, rechnet Christoph Sputh vor: Für 425 Mark war es unerschwinglich für Arbeiter, die zu dieser Zeit in der Woche 16 bis 20 Mark verdienten.

Sinkende Preise, neue Eigentümer

Anfang des 20. Jahrhunderts ließen Überproduktion, preiswerte Importe und sinkende Nachfrage den Fahrradmarkt zusammenbrechen. Die Preise für ein durchschnittliches Rad sanken auf etwa 100 Mark. Ab 1904, nach dem Weggang der Gründerfamilie Ehrhardt, wurden in Eisenach Autos unter der Marke "Dixi" gebaut.

Die Fahrräder aber hießen zunächst weiter "Wartburg". Im Jahr 1913 warb die Fahrzeugfabrik damit, sie habe bisher mehr als 100.000 Fahrräder weltweit verkauft. Ob im Ersten Weltkrieg weiter Fahrräder gebaut wurden, das hat Christoph Sputh bisher nicht herausfinden können. Galten sie als kriegswichtige Produktion?

Titelbild eines alten Katalogs mit Aufschrift "Wartburg Fahrräder".
Katalog aus dem Jahr 1906. Bildrechte: MDR/Sammlung Christoph Sputh

Dixi-Räder mit Zentaur

Nach dem Krieg, im Jahr 1919, erhielten aber auch die Fahrräder den Markennamen Dixi und den typischen Zentaur als Emblem, dieses mythologische Mischwesen aus Pferd und Mensch. Zwischen 1923 und 1927 wurden jedes Jahr 20.0000 bis 25.000 Fahrräder im Werk gebaut.

Auch beim Rennsport mischten Fahrer mit Rädern aus Eisenacher Produktion erfolgreich mit, ob mit den "Wartburg-Rennern" oder später mit "Dixi". Es gab ein Radrennen rund um die Wartburg und den "Dixi-Straßenpreis".

Das "Fahrrad-Ende" unter BMW

Das Ende der Fahrradproduktion kam mit dem Einstieg von BMW in Eisenach. 1929, ein Jahr nach dem Kauf der Fabrik, wurde sie endgültig eingestellt. Wegen mangelnder Konkurrenzfähigkeit, so hieß es.

Ob das an der Qualität lag oder an der Wirtschaftlichkeit, kann Sputh heute schwer feststellen. Er schätzt, dass zwischen 1897 und 1929 insgesamt rund 340.000 Fahrräder in der Eisenacher Fabrik gebaut wurden. Der Name "Dixi" hat aber noch etwas länger überlebt. Sechs Jahre nach dem Produktionsende kaufte das Unternehmen Patria WKC in Solingen die Markenrechte und stellte noch bis in die 1950er-Jahre Fahrräder mit Namen "Dixi" her.

Jemand hält ein Buch mit dem Titel "Fahrradgeschichte der Fahrzeugfabrik Eisenach".
Die Broschüre zur Fahrradgeschichte der Fahrzeugfabrik Eisenach Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Künftig mehr Fahrradgeschichte im Museum?

Im Museum Automobile Welt ist die Fahrradproduktion bislang kein eigenständiges Thema. Immerhin finden sich in der Ausstellung drei Räder: eines von Opel, ein Wartburg-Rad mit Kriegsnotbereifung und ein Dixi-Rad. Die Stiftung Automobile Welt hat jetzt die reich bebilderte Broschüre von Christoph Sputh als Begleitheft zum Museumsrundgang herausgegeben.

Der Autor könnte sich aber durchaus vorstellen, dass künftig mehr zu diesem Thema ausgestellt werden könnte. "Es gibt aber noch Forschungsbedarf, viele Details sind offen", sagt er. Da wartet also noch Arbeit.

Quelle: MDR(mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Samstagnachmittag | 22. Januar 2022 | 13:00 Uhr

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