Krater Leben neben der Risikozone: 20 Jahre nach dem Erdfall in Tiefenort

In der Nacht zum 24. Februar 2002 tat sich in Tiefenort im Wartburgkreis ein Erdfall auf. Der Trichter brach mehrfach nach. Fünf Häuser mussten geräumt werden. Nun ist der Abriss geplant, aber noch nicht alles gut.

Kieskegel auf dem Erfalltrichter
Hier brauch in Tiefenort vor 20 Jahren die Erde ein. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die Frankensteinstraße ist eine Sackgasse. Der obere Teil ist mit Bauzäunen abgeriegelt, der Erdfall selbst zusätzlich versperrt: Ein großer Kieshaufen liegt auf dem Trichter. Die Häuser ringsherum verfallen seit Jahren. Putzstellen fehlen, loser Schiefer klappert, bei einem Haus sind Fenster und Haustür ausgebaut. In Einfahrten und auf den Gehwegen wachsen große Birken. Gleich hinter dem Zaun steht ein weißes Kunststoffhäuschen in der Größe einer Telefonzelle: eine Messstation. Sie ist mit einer Rundumleuchte und Signalhörnern verbunden: ein Vorwarnsystem für die Anwohner, falls die Erde erneut wegrutscht.

Ein kleines Häuschen
Neben der Messstation ist ein Frühwarnsystem installiert mit Rundumleuchte und Signalhörnern. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Merkwürdige Geräusche und muffiger Geruch

Kurt Block wohnt direkt am Zaun, eine Ecke seines Hauses liegt an der 25-Meter-Risikozone. Von den Fenstern zur Straße aus hat er den Kieshaufen im Blick. Auch das Loch hat er damals, vor 20 Jahren vom Fenster aus erstmals gesehen, am Morgen des 24. Februar 2002. Seine Frau habe in der Nacht merkwürdige Geräusche gehört, erzählt er, als ob Schnee über das Dach rutsche. Ihm war nur ein muffiger Geruch aufgefallen. Aber erst am Morgen sahen sie, was da passiert war, gleich schräg gegenüber in Nachbars Garten.

In seinem Garten war ein Loch, das war ungefähr zehn mal acht Meter, vielleicht zwischen sechs und acht Metern tief, und sein ganzer Beetgarten war weg.

Anwohner Kurt Block

Alle wurden alarmiert, Feuerwehr, Gemeinde, Landkreis, Bergamt. Das Loch wurde schnell verfüllt mit Fertigbeton. Später wurde das Gewicht der Betonplombe zu einem eigenen Problem. Und es blieb nicht bei dem einen Vorfall. Bis 2010 brach der Trichter immer wieder nach. Elfmal, hat Kurt Block gezählt. Das elfte Mal, am 18. Januar 2010, war besonders heftig. Die Betonplombe sackte um bis zu anderthalb Meter zur Seite.

Mann mit Sonnenbrille: Kurt Block vom Erdfallhilfeverein
Das Haus von Kurt Block steht schräg gegenüber der Fläche des Erdfalls. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Das war ein Moment, wo die gesamte Ecke hier in Bewegung geraten ist. Die Erde hat sich wellenförmig an der Oberfläche gezeigt. Und die Leute, die hier im Bereich waren, sind um ihr Leben gelaufen.

Anwohner Kurt Block

Ein heftiges Nachbrechen mit Folgen: Der Landkreis verhängte für fünf Häuser eine sogenannte Nutzungsuntersagung. Eine Familie hatte bereits im Sommer 2002 freiwillig ihr Haus verlassen. Im Februar 2010 mussten die übrigen Bewohner ausziehen. Der Umkreis 25 Meter um den Erdfall gilt seither als Risikozone. Eine persönliche Katastrophe für die Betroffenen, auch eine materielle: Denn auf einige Häuser liefen noch Kredite. Wer vom Eigenheim in eine zweieinhalb Zimmer-Wohnung wechselte, brauchte andere Möbel. Auch Miete musste bezahlt werden.

Kein Geld von der Versicherung

Von den Versicherungen bekamen die Hauseigentümer kein Geld. Die Häuser standen ja noch. Auch wurde argumentiert, dass es sich nicht um einen rein natürlichen Erdfall handele, weil ja die Betonplombe eingegossen wurde. Aus Lottomitteln zahlte das Land an die 13 Betroffenen jeweils 10.000 Euro, der Landkreis sammelte Spenden. Doch reichte das hinten und vorne nicht, sagt Kurt Block, der zusammen mit den Nachbarn einen Erdfallhilfeverein gegründet hatte. Eigentum verpflichtet - auch wenn das Eigentum nicht genutzt werden darf. Sollten die Besitzer nun auch noch für den Abriss zahlen müssen?

Verfallene Häuser
Nach zwölf Jahren Leerstand sind die Häuser in der direkten Nachbarschaft heruntergekommen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Hilfe vom Land

Mit Unterstützung der Linken-Landtagsabgeordneten Anja Müller suchte der Verein den Kontakt nach Erfurt, zu Landesregierung und Landtag. Im Herbst 2019 bekamen die Menschen, die ihre Häuser verloren hatten, eine soziale Unterstützungsleistung vom Land.

Eine 100-prozentige Deckung für die Leute war es nicht, aber sie wissen zumindest, sie sind befreit von den Abrisskosten.

Kurt Block, Erdfallhilfeverein

Denn die Grundstücke übertrugen die Eigentümer an die Stadt Bad Salzungen. Sie hatte Tiefenort im Jahr 2018 eingemeindet und damit auch das Problem in der Frankensteinstraße übernommen. Die Stadt organisiert seither den Abriss - eine komplizierte und langwierige Aufgabe, sagt Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler). Ein spezialisiertes Büro musste alles planen, denn in unmittelbarer Nähe des Erdfalls steht die Sicherheit der Bauleute ganz oben. Schwere Maschinen können nicht eingesetzt werden. Enormer Aufwand - und enorme Kosten, sagt Bohl. Er rechnet mit mehreren Hunderttausend Euro, die allerdings vollständig das Land trägt. Die Arbeiten sind jetzt ausgeschrieben, im Frühjahr soll es losgehen.

Mann mit Mütze: Klaus Bohl, Bürgermeister Bad Salzungen
Bürgermeister Klaus Bohl plant, die Fläche des Erdfalls zu begrünen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wir werden die Gebäude abreißen und die Flächen begradigen. Aber die unmittelbare Fläche des Erdfalls und der nicht mehr nutzbaren Grundstücke muss eingezäunt werden. Sie wird begrünt, damit es ein ordentliches Bild gibt.

Bürgermeister Klaus Bohl

Dass Ordnung einkehrt in der Nachbarschaft, das begrüßt Kurt Block ausdrücklich. Er glaubt auch, dass es dann für die ehemaligen Nachbarn leichter wird. Sie kommen immer mal wieder vorbei. An den Häusern hängen Erinnerungen, sagt Block, die meisten sind hier geboren, haben ihr Leben lang in der Straße gelebt. Schon eine Katastrophe, sagt er.

Verein drängt auf mehr Sicherheit

Ist mit dem Abriss alles gut und geklärt, ist das Wohngebiet sicher? Auf jeden Fall, meint Bürgermeister Klaus Bohl. Er verweist auf die geologischen Untersuchungen, auf das Überwachungssystem, das bei Erdbewegungen anschlägt. Man sehe ja, in der Umgebung werde wieder investiert und gebaut, sagt Bohl: "Man kann sicher und schön leben in Tiefenort."

Das wünscht sich auch Kurt Block. Er drängt deshalb neben den Mess- und Warnsystemen darauf, dass die verbleibenden Häuser besser gesichert werden. Dabei sieht er Landkreis und Land in der Pflicht. Denn seit 2010 steht fest: Vergrößert sich der Erdfalltrichter bei einem Nachbruch nur um zwei Meter im Durchmesser, dann müssen vier weitere Häuser geräumt werden. Eines davon ist seins.

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MDR (rbü)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 24. Februar 2022 | 07:00 Uhr

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