Erneuerbare Energien Warum Wasserkraft in Thüringen bei der Energiewende kaum helfen kann

Die Technik vieler Wasserkraftwerke ist teilweise viele Jahrzehnte alt. Trotzdem liefern insgesamt 205 Standorte in Thüringen zuverlässig Strom. Dass das mehr wird, ist unwahrscheinlich. Zwar haben Versorger daran durchaus Interesse, doch die Auflagen sind hoch. Denn ohne Eingriffe in Flüsse ist der CO2-neutrale Strom nicht zu haben.

Ein gelb gestrichenes Wasserkraftwerk vor einem Dorf.
Im Wasserkraftwerk Spichra in der Nähe von Eisenach gab es früher einmal eine Dienstwohnung - heute wird aus der Ferne gewartet. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Schon draußen vor der Eingangstür ist das Dröhnen deutlich zu hören, drinnen wird es immer lauter. Im Raum mit den Generatoren ist der Lärm dann ohrenbetäubend. Mit mehr als 3.000 Umdrehungen pro Minute laufen die Maschinen und erzeugen Strom, der ins 20-Kilovolt-Netz der Thüringer Energienetze eingespeist wird. "Bleibt in der Region", sagt Martin Schreiber, Sprecher des Unternehmens.

Ein paar Meter tiefer fließt die Werra und bewegt die Schaufeln der Turbinen mit weniger als 100 Umdrehungen pro Minute, aber ungeheuer viel Kraft. Drei Turbinen sind im Wasserkraftwerk Spichra in der Gemeinde Krauthausen in Betrieb. Ein Getriebe vergrößert die Drehzahl und macht den Strom netztauglich, erklärt Kraftwerksleiter Thomas Knauer von der Thüringer Energie AG (Teag).

Hinter einem schwarzen Generator stehen zwei blaue neuere Modelle.
Die Wasserkraft wird hier seit 1925 in Strom umgewandelt: Die alten Generatoren, wie im Vordergrund noch zu sehen, sind allerdings in den 1990er-Jahren durch moderne ersetzt worden. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Derzeit läuft das Kraftwerk mit weniger als der halben Maximalleistung. "Bedingt durch die geringe Wassermenge, die im Moment in der Werra fließt." Im Durchschnitt beträgt die Leistung 650 Kilowatt. "Diese Turbinen haben einen Wirkungsgrad von 85 Prozent", sagt Knauer und betont, dass sie noch Baujahr 1925 sind. Etwas mehr ginge mit modernen Methoden.

Wasserkraft: Kaum neue Genehmigungen in Thüringen

Doch so einfach ist es mit neuen Wasserkraftwerken nicht, sagt Thomas Knauer: "Da gibt es kaum noch Genehmigungen." Die Teag, so ist zu erfahren, hätte durchaus Interesse, hier und da noch einige Standorte zu erschließen und den Anteil der Wasserkraft am Energiemix zu steigern. Doch das sei im Moment sehr unwahrscheinlich. Das Thüringer Umwelt- und Energieministerium drückt es so aus: "Weil der energiewirtschaftliche Vorteil häufig nicht im Verhältnis steht zu den gewässerökologischen Nachteilen."

205 Kraftwerke liefern so viel Energie wie etwa zehn Windräder

205 Wasserkraftwerke gibt es in Thüringen. Von den ganz großen an den Thüringer Talsperren bis hin zu kleinen mit nur ein paar Kilowatt. Die erzeugte Strommenge betrug laut Landesamt für Statistik 2020 knapp 180 Gigawattstunden. Das entspricht der Ausbeute von fünf bis zehn modernen großen Windrädern, je nach genauer Größe und Standort. 1,6 Prozent des in Thüringen erzeugten Stroms kommen aus Wasserkraft. Zum Vergleich: Das Windkraft-Aufkommen lag 2020 etwa 18-mal so hoch, aus Biogasanlagen kam zehnmal mehr, Solarstrom gab es fast neunmal so viel.

Der Vorteil der kleinen Wasserkraft ist allerdings ihre Grundlastfähigkeit. Wind und Sonne machen sich gerne immer wieder rar, Wasser fließt fast immer in den Flüssen. Allerdings heißt es auch von der Teag, dass man die Dürren der vergangenen Jahre in den Wasserkraftwerken durchaus gespürt habe. Die erzeugte Strommenge ist gesunken. Ohnehin werde im Winter mehr produziert. "Denn im Winter fließt auch mehr Wasser", erklärt Thomas Knauer von der Teag.

Ein Mann steht vor technischen Armaturenbrett.
Kraftwerksleiter Thomas Knauer ist bei der Teag verantwortlich für die Wasserkraft. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Hoher Aufwand für Gewässerökologie

Außerdem ist der Aufwand zum Betrieb der Anlagen hoch: Um die Gewässerökologie zu erhalten, gibt es strenge Auflagen. "Zum Beispiel haben wir hier eine technische Fischtreppe errichtet, die muss man sich vorstellen wie einen Fahrstuhl. Der Fisch schwimmt unter Wasser in die Schleuse und wird dann ins Oberwasser geleitet", sagt Kraftwerksleiter Knauer. Und um zu verhindern, dass Fische in die Turbine schwimmen, ist im Vorlauf des Kraftwerks ein großes Gitter installiert, das einmal pro Stunde von einem Horizontalrechen von Laub, Holz und Müll befreit wird.

Das ist auch notwendig, denn im Gegensatz zu den Kanu-Fahrern, die ihr Boot vor dem Stauwehr aus dem Wasser ziehen und unterhalb wieder ins Wasser tragen, wäre für Fische die Reise sonst am Wehr zu Ende. Und zu viele solcher Unterbrechungen soll es nicht geben - Stichwort "gewässerökologische Nachteile".

Stromleitungen verlaufen inmitten von Sträuchern und Bäumen.
Der Strom aus Spichra wird in Thüringen verbraucht und nicht in höhere Spannungen umgewandelt. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Weniger Umweltprobleme als nach der Wende

Neben dem umfassenden Schutz für Fische sei der Fluss in den vergangenen Jahren auch sauberer geworden. "In den 1990er-Jahren haben die Leute noch alles Mögliche in den Fluss geworfen", erzählt Knauer. Da habe man sogar Ölfässer aus dem Wasser geholt. Das sei besser geworden, trotzdem blickt er missmutig auf die zersägte Gipskartonplatte, die der große Rechen vom Zulauf weggeschoben hat. "Die gehört hier auch nicht rein."

Ausbau-Potenzial gering

Drei der 205 Wasserkraft-Standorte unterhält die Teag. Das größte der drei ist das Wasserkraftwerk in Spichra. Maximal 1,56 Megawatt können hier an Leistung produziert werden. Größere Leistungen haben allerdings die Kraftwerke an den Thüringer Talsperren.

Die jüngste Windrad-Generation, die in Thüringen aufgebaut ist, kann durchaus die dreifache Leistung schaffen - vor den Küsten der Republik geht noch deutlich mehr. Selbst wenn also einige kleinere Wasserkraft-Projekte hinzukämen: Wirklich beschleunigen lässt sich der Ausbau der erneuerbaren Energien dadurch nicht.

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MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. Oktober 2022 | 19:03 Uhr

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