Bulgarien Wie ein Spitzenkoch sein Land retten will

Der Nordwesten Bulgariens entvölkert sich zusehends. Um den Trend umzukehren, will ein international bekannter Spitzenkoch dort ein Restaurant eröffnen und zahlungskräftige Kundschaft anlocken.

Spitzenkoch Filip Zahariew
Filip Zahariew ist zurückgekehrt in eine Gegend die fast "tot" ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Filip Zahariew zog 18 Jahre lang um den Globus, um in den Küchen der Welt sein Handwerk zu lernen. Seine letzte Station: das Sterne-Restaurant "Gruvelagaret" auf der norwegischen Insel Spitzbergen. Vor einem Jahr kehrte er als Spitzenkoch zurück in seine Heimatregion. Der Nord-Westen Bulgariens zählt zu den ärmsten Regionen der EU. Hier grassiert Abwanderung, die Bevölkerung überaltert, Dörfer verfallen und sterben aus. Ausgerechnet im Dorf Stakevtsi, 70 km von Vidin und drei Kilometer von der serbischen Landesgrenze entfernt, will der 35-Jährige ein Restaurant und zwei Ferienhäuser eröffnen und damit Einheimischen wie Ivanka Petrakieva wieder Hoffnung geben.

Früher lebte das Dorf

Genau 60 Jahre sind vergangen, seitdem Ivanka nach Stakevsti gezogen ist, ein malerisches Dorf im Nordwesten Bulgariens. Sie war 18 Jahre alt, als sie in dem Dorf ankam, um einen Soldaten zu heiraten. Während sie in ihrem Garten voller Rosen und Himbeersträucher sitzt, teilt sie die Erinnerungen ihrer Jugend mit ungekünstelter Nostalgie. 

"Es war toll. Es lebten 3.000 Menschen hier. 3.000. Es waren sehr gute Leute. Jeden Sonntag gingen wir Horo tanzen (Anm. d. Red.: einen traditionellen bulgarischen Volkstanz), es war perfekt", erinnert sich Petrakieva, im Dorf bekannt als "Baba" (Oma).

Ivanka Petrakieva
Ivanka Petrakieva, 78 Jahre alt, hatte mal eine gute Zeit in ihrem Dorf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dennoch ist 60 Jahre später bis auf den atemberaubenden Ausblick und die Himbeeren, die man pflücken kann, während man auf den heruntergekommenen Straßen Stakevtsis bummelt, nicht viel von dem Ort übrig geblieben, an den sich Ivanka erinnert. Was am meisten fehlt, sind die Menschen. Während in den 1960er-Jahren noch 3.000 Menschen hier lebten, hat das Dorf inzwischen nur noch 130 Einwohner. Die meisten von ihnen sind zwischen 70 und 80 Jahre alt.

"Ich weiß nicht, warum es so kam. Die Leute gingen und das Dorf verfiel. Das Land ist verlassen. Es gibt nur noch Schakale und Schweine. Das war's," so Ivanka. 

Traum von einer besseren Zukunft

Wenn der Spitzenkoch Filip Zahariew nicht mehr weiterweiß, nimmt er seine Fotokamera und geht raus in die wunderschöne Natur oder aber auch in die verlassenen Dörfer. Leere und Verfall geben ihm Ruhe und erinnern ihn an sein Ziel, die Gegend wieder zu beleben. Wenn er mit seinem Restaurant Erfolg hat, so sein ambitionierter Traum, werden Besucher aus der ganzen Welt kommen und Geld in die verarmte Region bringen. Nicht alle Einheimischen glauben daran, aber bei einigen hat Filip schon jetzt einen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft geweckt.

Dorf Stakevtsi im Nordwesten Bulgariens
Das Dorf Stakevtsi im Nordwesten Bulgariens - eines der am schlimmsten von der Entvölkerung betroffenen Dörfer weltweit.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Dörfer im Nordwesten Bulgariens, die in den letzten drei Jahrzehnten den berüchtigten Titel des globalen Zentrums der Entvölkerung erworben haben, teilen dasselbe Schicksal wie Stakevtsi. Die Entvölkerung ist ein großes Problem für Bulgarien. Seit das kommunistische Regime 1989 zerfiel, schrumpfte die Bevölkerung um ein Fünftel von 9 Millionen auf etwas mehr als 7 Millionen Einwohner. Ein Exodus, der gewaltiger ist als beispielsweise in Ländern wie Syrien oder Bosnien Herzegowina, aus denen wegen des Krieges viele Menschen flohen.

Studie: Bulgarien "blutet aus"

Eine aktuelle Studie, veröffentlicht durch die Friedrich Ebert Stiftung in Sofia, prognostiziert, dass sich der negative Trend in den nächsten Jahren fortsetzen wird. Laut der Vorhersage wird die Bevölkerung Bulgariens in den nächsten zwei Jahrzehnten um ein weiteres Viertel sinken, von 7 Millionen auf 5,8 Millionen Einwohner.

Die dramatischsten Auswirkungen sind in den armen ländlichen Regionen bereits spürbar, wie dem Nordwesten, mit seiner Hauptstadt Vidin. Einst ein ökonomisches Zentrum, gelegen entlang der Donau und heute noch die einzige Stadt des Landes mit sieben Kultureinrichtungen, unter denen sich ein Theater, eine Oper, eine Philharmonie und mehrere Museen befinden. Laut der Analyse "Regionale Profile: Indikatoren der Entwicklung", herausgegeben von dem Institut für Marktwirtschaft in Sofia, hat Vidin 25 Prozent seiner Bevölkerung in nur einem Jahrzehnt verloren und wird weiterhin jährlich um die 16 Prozent verlieren. 

Analytiker erklären diese dramatische Entwicklung mit zwei Hauptgründen: die andauernde Migration und die hohen Sterberaten aufgrund der schlechten Lebensqualität und dem mangelhaften Zugang zur Gesundheitsversorgung. 30 Prozent der Einwohner von Vidin sind mittlerweile 65 Jahre oder älter.  

Spitzenkoch Filip Zahariew
Der Leerstand übt eine Faszination auf den Spitzenkoch Filip Zahariew aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Bezirk um Vidin hat die schlechtesten Zahlen landesweit, was Einkommen und Lebensqualität anbelangt. 2019 lag das Jahreseinkommen pro Haushalt bei 3.437 BGN (ungefähr 1.700 EUR) und damit nur etwa halb so hoch wie der Landesdurchschnitt von 6.013 BGN. Die Zahl der Arbeitslosen belief sich 2019 auf 19 Prozent -  fast das Vierfache des nationalen Durchschnitts, der bei fünf Prozent lag. In Anbetracht der bereits genannten Faktoren leben um die 35 Prozent der Bevölkerung von Vidin unter der Armutsgrenze.

Spitzenkoch Filip Zahariew
Sechs Jahre lang war er Küchenchef im Sterne-Restaurant "Gruvelagaret" auf der norwegischen Insel Spitzbergen und heimste viele Preise ein. Doch das Heimweh ließ ihn nicht los. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eigentlich sollte Filips Restaurant schon längst in Betrieb sein. Doch dem Koch stellen sich immer wieder neue Schwierigkeiten in den Weg - sowohl von  den Behörden als auch bei den Renovierungsarbeiten. Die Kosten steigen und steigen, Filips Ersparnisse sind fast aufgebraucht. Aber er hält fest an seinem Ziel, an einer besseren Zukunft für eine der ärmsten Regionen Europas mitzuwirken.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | HIO-Reportage "Gegen den Strom" | 19. Juni 2021 | 18:00 Uhr

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