Russland Impfpflicht lässt Schwarzmarkt florieren

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Maxim Kireev Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Juni gibt es in verschiedenen russischen Regionen eine Impfpflicht für kontaktintensive Bereiche. Das heizt nicht nur die Impfquote an, sondern auch den Schwarzhandel mit gefälschten Impfzertifikaten.

Ein Mitarbeiter der Stadt Moskau liest bei einer Razzia in einem Brooklyn Pizza Pie restaurant.
Ein Mitarbeiter der Stadt Moskau prüft einen Besucher einer Pizzeria, ob er auch eine Impfnachweis hat. Wer in der Hauptstadt ins Restaurant gehen will, braucht einen Impfnachweis. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

In Russland lief die Impfkampagne beim Start im Dezember so schleppend an wie in kaum einem anderen europäischen Land. Zunächst hatten Produktionsengpässe für Verzögerungen gesorgt. Als sie im März beseitigt waren, führte das schnell zum Überfluss an Impfdosen. Denn fast die Hälfte der russischen Bevölkerung gilt als impfskeptisch. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Einerseits hat das Eiltempo der Behörden bei der Zulassung der russischen Vakzine schon im August 2020 große Teile der Öffentlichkeit stutzig gemacht. Andererseits färbte die ausgiebige Kritik in den staatlichen Medien an westlichen Vakzinen auch auf die heimischen Impfstoffe ab. Der wichtigste Grund ist jedoch die fehlende Angst vor Corona. Fast 60 Prozent der Russen erklärten unlängst in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Levada, sie hätten keine Angst sich mit Corona anzustecken. Fehlende Lockdowns und die äußerst nachlässige Durchsetzung von Maskenpflicht und Abstandsregeln haben diesen Eindruck nur verstärkt.

Impfpflicht für Handel bis Gastronomie

Im ersten Halbjahr dieses Jahres hatten sich zunächst hauptsächlich Rentner, aber auch Soldaten, Lehrer und Ärzte impfen lassen. Derzeit sind 13 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Die niedrige Quote beschleunigte den jüngsten Ausbruch der Delta-Variante im Land gehörig. Die Folge: Die Todeszahlen erreichen derzeit täglich neue Rekordwerte. Bereits im Juni waren daher die regionalen Behörden dazu übergangen, eine Impfpflicht für Handel, Verwaltungen, Gastronomie, bei Bildung und Kultur einzuführen – da, wo sich besonders viele Menschen begegnen. Mittlerweile haben sich 20 von 80 russischen Regionen dieser Impfstrategie angeschlossen. In Moskau wurden zudem Einschränkungen für Ungeimpfte eingeführt, die nun nicht mehr im Café oder Restaurant sitzen dürfen. 

Zahl der Erstimpfungen steigt spürbar

Für die Umsetzung der Impfpflicht werden die Arbeitgeber in die Pflicht genommen, die bis zum August eine Impfquote von 60 Prozent erreichen sollen. Seit Einführung der Regelung sind die Impfzahlen in die Höhe geschossen. Zuletzt erreichte die Zahl der Erstgeimpften pro Tag etwa 500.000, das sind mehr als doppelt so viel wie Anfang Juni.

Ein Fläschchen des Corona-Impfstoffs Sputnik V
Ein Fläschchen des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V, der wegen fehlender Studiendaten bis Mitte Juli von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA noch nicht für die EU zugelassen war. Bildrechte: dpa

Schwarzmarkt mit gefälschten Impfnachweisen

Die Impfskepsis der Russen aber bleibt dennoch groß. Und so mancher fragt sich außerdem, warum er sich impfen lassen sollte, wen er sich auch auf anderen Wegen ein Impfzertifikat besorgen kann. Die Behörden sprechen inzwischen von einem florierenden Schwarzmarkt, auf dem die Nachweise gehandelt werden. Auch im Internet wird man schnell fündig – angeboten werden einfache Fälschungen von Papierzertifikaten, selbst offizielle Einträge ins staatliche Impfregister sind käuflich. Allein in der Hauptstadt Moskau wurden zuletzt zwei Dutzend Strafverfahren gegen Zertifikate-Fälscher eingeleitet. Zuletzt warnte die Staatsanwaltschaft, dass sich auch Käufer von gefälschten Impfnachweisen strafbar machen können. 

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN Umschau | 20. April 2021 | 20:15 Uhr

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