Polen Badewannen-Karpfen: Tierquälerei fürs traditionelle Weihnachtsmenü?

Cezary Bazydlo
Bildrechte: Cezary Bazydlo | MDR

Rund neun Millionen Karpfen müssen in Polen Jahr für Jahr kurz vor Weihnachten ihr Leben lassen – die Fische sind fester Bestandteil des traditionellen Menüs an Heiligabend. Sie gehören genauso zu Weihnachten wie hierzulande der Christstollen. Nur wenige Familien verzichten auf diese Tradition, selbst wenn sich manche aufgrund des spezifischen Eigengeschmacks zum Karpfenessen überwinden müssen. Doch Tierschützer schlagen Alarm – die Tiere würden unnötig gequält, bevor sie auf dem Teller landen.

Eine Nonne mit Karpfen in der Hand
Karpfen aus klostereigenen Teichen sind in Polen besonders beliebt. Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Kindheitserinnerung: Karpfen in der Badewanne

Viele Polen kennen das Bild aus ihren Kindertagen: Jahr für Jahr gab es kurz vor Weihnachten einen neuen "Bewohner" im heimischen Badezimmer – da drehte plötzlich ein stattlicher Karpfen in der Wanne seine Runden, bevor er an Heiligabend auf dem Teller landete. Damals hatte das seine Berechtigung. Schließlich ist der Karpfen ein fester Bestandteil des polnischen Weihnachtsmenüs. Da es in der sozialistischen Mangelwirtschaft aber nicht möglich war, die benötigten Fischmengen kontinuierlich bereitzustellen, musste der Kunde die Feste so feiern, wie sie im volkseigenen Handel fielen – sprich: seinen Weihnachtskarpfen schon Tage vor dem eigentlichen Festtermin kaufen, wenn er auf den Markt kam. Die anschließende Badewannenhaltung war eine zwangsläufige Folge.

Karpfen mit Zitronen zubereitet auf einem Teller.
Karpfen gehören in Polen zum traditionellen Menü an Heiligabend. Sie werden meist gebraten oder in Gelee gereicht, in manchen Familien kommt auch eine Fischsuppe auf den Tisch. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Lebendverkauf: Unnötige Tierquälerei

Die Zeiten haben sich längst geändert – Fisch kann man immer und ohne Probleme bekommen. Allerdings ist der "Badewannenkarpfen" für manche Polen zu einer Weihnachtstradition geworden. Doch Tierschützer schlagen Alarm: Für die lebend verkauften Fische bedeute das ein tagelanges Martyrium. Sie werden – das belegen auch Fotos und Videos – in überfüllten Behältern gehalten, oft in schmutzigem Wasser, das mit Blut verunreinigt ist und nicht ausreichend Sauerstoff enthält. Die Käufer packen die Karpfen oft in Plastiktüten ohne Wasser, wo die Fische kaum atmen können. Wenn sie schließlich in der heimischen Badewanne landen, sind sie schon halbtot, kurz vor dem Ersticken – eine unnötige Tierquälerei, denn wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge verspüren Fische genauso wie alle anderen Wirbeltiere Schmerz und Angst.

Fische in einer Wanne
Transport von lebenden Fischen ohne Wasser ist laut Tierschutzgesetz eigentlich verboten – aber immer noch anzutreffen. Bildrechte: imago images/Eastnews

Bewusstseinswandel dank Aufklärungskampagnen

Deshalb kämpfen Tierschutzorganisationen seit Jahren gegen den Lebendverkauf – unter anderem mit den Aufklärungskampagnen "Blutiges Fest" und "Der Karpfen lebt noch". Anfangs wurden die Aktivisten, die kurz vor Weihnachten Mahnwachen vor den Supermärkten hielten, belächelt, doch inzwischen vollzieht sich ein Bewusstseinswandel in der polnischen Gesellschaft. Bei einer repräsentativen Umfrage im November 2021 sprachen sich 59 Prozent der Befragten dafür aus, den Verkauf von lebenden Fischen zu verbieten – vorausgesetzt, sie haben die Möglichkeit, vor Weihnachten frisch geschlachtete Karpfen zu kaufen. Jeder Dritte war allerdings gegen ein solches Verbot, insbesondere Männer und eifrige Kirchgänger. Offenbar geht die christliche Gesinnung bei vielen Traditionalisten nicht mit einem Herz für Tiere einher.

Fischverkauf im Freien bleibt ein Problem

Die meisten großen Supermarktketten haben den Verkauf von lebenden Fischen in den letzten Jahren nach und nach eingestellt. Ein Problem bleiben aber aus Sicht der Tierschützer die improvisierten Verkaufsstände im Freien und auf den städtischen Basaren, die im Dezember überall wie Pilze aus dem Boden schießen – sie gehören in der Vorweihnachtszeit genauso zum Straßenbild in Polen wie Weihnachtsbaumverkäufer. Artgerechte oder zumindest humane Tierhaltung sind dort nicht gewährleistet, wie ein Video belegt, das in diesen Tagen in Breslau für Aufsehen sorgt. Darauf ist zu sehen, wie Karpfen stümperhaft vor aller Leute Augen getötet werden. Schlimmer ist aber: Nach wie vor wollen viele Kunden ihr Weihnachtsgericht lebend nach Hause mitnehmen.

Tierschutzorganisationen haben deshalb Unterschriften unter einer Petition gesammelt und die Regierung aufgefordert, den Verkauf von lebenden Fischen zu verbieten. Gleichzeitig machen sie auf lokaler Ebene mobil – sie veranstalten weiter Mahnwachen, sammeln Unterschriften und fordern Stadt- und Gemeindeverwaltungen, u.a. in Warschau und Breslau, auf, den Lebendverkauf von Karpfen auf öffentlichen Straßen, städtischen Basaren und anderen kommunal verwalteten Flächen zu verbieten.

Eine Person hat einen gemalten Fisch im Gesicht.
Mit einem aufgemalten Karpfen im Gesicht protestierten Tierschützer in den vergangenen Jahren gegen den Lebendverkauf der Fische – mit Erfolg, denn inzwischen ändert sich allmählich die Einstellung der Polen dazu. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

Erste Strafverfahren wegen Tierquälerei

Zumindest teilweise stoßen sie dabei auf offene Ohren – die Stadt Breslau hat die Zahl der offiziell ausgewiesenen Fischverkaufspunkte in diesem Jahr von acht auf vier reduziert und will sie in den kommenden Jahren schrittweise völlig abschaffen.

Auch die Justiz reagiert inzwischen auf die Missstände: Im vergangenen Jahr gab es nach einem zehn Jahre dauernden Prozess eine erste Verurteilung wegen nicht artgerechter Haltung von Weihnachtskarpfen – drei Mitarbeiter einer Handelskette erhielten Bewährungsstrafen. Denn Fische genießen als Wirbeltiere eigentlich denselben gesetzlichen Schutz wie beispielsweise eine Kuh oder ein Hund – man darf sie nicht unnötig quälen und ohne Grund töten.

Nobelpreisträgerin widmet Karpfen Weihnachtserzählung

Besserung ist also in Sicht. Immer mehr Polen verzichten freiwillig auf den lebenden "Badewannenkarpfen" und weichen auf Fisch aus der Kühltruhe aus. Vielleicht haben auch einige prominente Unterstützer einen kleinen Anteil daran, die sich in die Aufklärungskampagnen eingeschaltet haben – etwa der beliebte Gastrokritiker und Fernsehjournalist Robert Makłowicz oder die polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die den letzten Lebenstagen eines Badewannenkarpfens eine kurze Weihnachtserzählung gewidmet hat.

Kuriosität: Ist Karpfenessen wirklich eine uralte Tradition in Polen? Viele Polen sind felsenfest davon überzeugt, dass das Karpfenessen an Heiligabend eine Jahrhunderte alte Tradition ist. Dabei ist der Brauch in Wahrheit erst einige Jahrzehnte alt. Der Karpfen war zwar bekannt und tauchte hier und da auf der Festtafel auf – aber nur als eine Kann-Position, einer von vielen Fischen, die man an diesem Tag verzehrte. Die wohlhabenden Familien gaben in der Regel edleren Fischarten wie Hecht und Zander den Vorzug, während sich die ärmeren mit dem billigeren Karpfen oder Hering begnügten.

Der massenhafte Karpfenverzehr kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Die Wirtschaft war ruiniert, an die edlen Fischsorten aus der Vorkriegszeit war kaum zu denken. Da kam der kommunistische Wirtschaftsminister Hilary Minc auf die Idee, den wenig anspruchsvollen, schnell wachsenden und massenzuchttauglichen Karpfen auf den Markt zu bringen. Und da die sozialistische Planwirtschaft auch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht in der Lage war, andere Fischsorten in nennenswerten Mengen zu erzeugen, blieb es beim Karpfen. Inzwischen ist der Brauch so etabliert, dass manche es als "Pflicht" betrachten, an Heiligabend wenigstens eine kleine Portion Karpfen zu essen, selbst wenn sie diesen Fisch nicht ausstehen können – sie zwingen sich trotzdem dazu, der angeblichen Tradition zuliebe.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 22. Dezember 2020 | 16:30 Uhr

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